11/08/2026
Jeden Abend schleppt Angelina literweise Wasser zu fünf Bäumen in ihrer Strasse im Zürcher Kreis 4. Mit grossen Kübeln, in die sie kleine Löcher gebohrt hat, sorgt sie dafür, dass das Wasser langsam in den Boden sickert. Rund zwei Stunden investiert sie pro Abend. Aus Sorge um die Bäume vor ihrer Haustür begann sie vor wenigen Wochen mit der Bewässerung. Mit dieser Sorge ist sie nicht allein. In diesem Sommer beobachten viele Zürcherinnen und Zürcher Bäume, deren Blätter hängen, sich einrollen oder vorzeitig zu Boden fallen. Manche Baumkronen wirken bereits im August herbstlich.
Entsprechend häufig werde die Stadt derzeit auf den Zustand der Bäume angesprochen, sagt Axel Fischer, Leiter des Geschäftsbereichs Park- und Grünanlagen bei Grünstadt Zürich. Viele dieser Anzeichen bedeuten allerdings nicht, dass die Bäume unmittelbar absterben. Laut Axel Fischer handelt es sich oft um natürliche Schutzmechanismen. Wenn Wasser knapp wird, reduzieren Bäume die Verdunstung. Sie rollen ihre Blätter ein oder werfen sie teilweise ab, um Wasser zu sparen. Was bedrohlich aussieht, ist häufig eine Reaktion auf Trockenstress.
Warum junge Bäume Hilfe brauchen
Unter Druck stehen die Stadtbäume trotzdem. Besonders betroffen sind junge Bäume. Ihre Wurzeln reichen nicht tief genug in den Boden, um Wasserreserven zu erschliessen. Deshalb bewässert die Stadt Zürich derzeit mehr als 5000 Jungbäume. Bis zu dreimal pro Woche erhalten sie jeweils 50 bis 70 Liter Wasser. Die Trockenheit stellt Städte vor ein Problem. Bäume werden im Klimawandel wichtiger, gleichzeitig geraten sie häufiger unter Stress. Sie spenden Schatten, kühlen aufgeheizte Strassenräume und tragen dazu bei, die Folgen von Hitzewellen abzufedern. Entsprechend gross sind in den vergangenen Jahren die Anstrengungen geworden, neue Bäume zu pflanzen. Allein Zürich setze jährlich weit über 1000 neue Bäume, sagt Axel Fischer.
Gleichzeitig verändert sich der Blick der Bevölkerung auf die Bäume in der Stadt. Während sie lange als selbstverständlicher Teil des Strassenbilds galten, werden sie heute stärker als schützenswert wahrgenommen. Das zeigt sich nicht nur an Anfragen bei der Stadt, sondern auch an privaten Initiativen wie jener von Angelina.
Für die Verantwortlichen von Grünstadt Zürich können solche Initiativen die professionelle Bewässerung zwar nicht ersetzen. Dennoch begrüsst die Stadt das Engagement. Es zeige, dass sich die Menschen mit den Bäumen in ihrem Quartier identifizierten, sagt Axel Fischer.
Die Frage, wie Städte mit längeren Trockenperioden umgehen sollen, wird Zürich auch in Zukunft beschäftigen. Die Stadt setze bereits seit Jahren auf das sogenannte Schwammstadt-Konzept, so Fischer, bei dem Regenwasser möglichst vor Ort gespeichert wird, statt direkt in die Kanalisation abzufliessen. Denn die Klimaprognosen gehen laut Fischer nicht von deutlich weniger Niederschlag aus, sondern davon, dass sich dieser anders über das Jahr verteilt.
Das Thema ist aber nicht nur bei der Stadt Zürich präsent, sondern ist auch bei den Bewohnerinnen und Bewohnern angekommen – die sogar selbst zum Wasserkübel greifen.