22/11/2023
Die Filmeditorin Uta Schmidt, Teammitglied von Vier Minuten, The Poll Diaries und aktuell von 15 Jahre ist vor einer Woche, am 14. November 2023, unter tragischen Umständen verstorben. Ein Nachruf.
Uta Schmidt
(31.10.1965 – 14.11.2023)
Vor einer Woche ist Uta gestorben, mein bester Freund und die Liebe meines Lebens. Es war kein leichter Tod, denn er kam nicht mit offenem Visier, sondern schlich sich hinterrücks an, wie ein Dieb in der Nacht.
Vor dreißig Jahren, ich war noch Filmstudent, sah ich Uta zum ersten Mal in den Fluren der Deutschen Film- und Fernsehakademie. Die Tür zu einem Schneideraum war offen und ich blickte hinein. Da stand sie jung, schmal und in schweren Stiefeln am Steenbeck-Schneidetisch, sah von der Seite auf, kam mit ihrem typisch schlenkernden Schritt und etwas geduckt in einem unnötigen Bogen auf mich zu, weil sie mich mit meinem Kommilitonen Christian Petzold verwechselte, als ich sagte, dass ich der Chris bin.
Sie meinte dann, das sei doch nicht so schlimm.
Selbst damals war sie schon positiv, ein Modewort für Leute, die man mochte. Ich bin eigentlich mein ganzes Leben lang eher negativ gewesen, was sie nicht abschreckte, solange ich sie zum Lachen brachte.
In meinem ersten Liebesbrief hatte ich sie als Apachin angesprochen, da sie so behutsame Füße hatte und so wildes Haar und wache, scheue Augen, die zwar kurzsichtig waren, aber alles um sich herum anzünden konnten mit dieser sanft glühenden Freude am Leben, an der Kunst und am Gegenüber, das sie prinzipiell und bis zum Nachweis des Gegenteils für sturzvernünftig hielt. Sie grübelte gern, fand Nachdenken am schönsten, wenn es gemeinsam geschah, und redete niemals Unsinn. Edle Einfalt hat sie daher nicht ausgezeichnet, aber sehr wohl stille Größe.
Obwohl sie eine haltungsstarke, in ihrer fichtennadelstummen inneren Ruhe äußerst wirksame Zauberin war, wollte sie mit ihrer Persönlichkeit niemals große Räume füllen. Räume konnten ihr gar nicht klein genug sein, nicht weil sie Enge, sondern weil sie Nähe suchte, gerade auch in ihrem Beruf. Sie mochte Menschen, und Menschen, mit denen sie die gebrechliche Einrichtung der Welt etwas aufmöbeln konnte, mochte sie doppelt. Bei Gewitter war sie die Höhle, in die man flüchtete. Und bei Sonne war sie die Sonne.
Dass Uta für einige Jahre als eine der besten Filmeditorinnen des Landes galt, fand sie übertrieben. Es strapazierte auch ihr Bedürfnis nach Bescheidenheit. Sie war eine für das Zweifeln hochbegabte Mahnerin, eine Grundvoraussetzung ihrer Profession, die ja die Entscheidungen des Drehbuchs und der Regie kritisch zu hinterfragen und auch zu korrigieren hat. Sie konnte auf so wundervolle und zärtliche Weise kritisch sein, ich liebte und erlitt ihre melodiöse Kritik und konnte sie wohl deshalb so unbeschadet ertragen, weil Uta zu niemandem kritischer war als zu sich selbst. Die Kunst der Auslassung beherrschte sie wie kaum jemand anderes, ließ sich aber auch gerne ein. Auf neue Ideen, andere Vorstellungen, auf Mut und auf britischen Humor, der ihr am besten stand. Am Schnitt mochte sie das Ozeanische der Möglichkeiten. Und sie sah immer Land.
Sie liebte und unterstützte rückhaltlos ihre Regisseure und Regisseurinnen und konnte ihnen ihre Egos und Schwächen verzeihen, weil sie diese zu Recht als die fürs Filmemachen notwendigen psychischen Defekte sah. Sie fand an Menschen und auch an Filmen nichts unheimlicher als Perfektion. Glätte war ihr suspekt. Mit Produzenten hatte sie daher manchmal Schwierigkeiten. Echte Reserve brachte sie häufig TV-Redakteurinnen entgegen, weil ihrer Meinung nach Macht, oder auch nur das Bewusstsein von Macht, im kreativen Prozess oft Sand im Getriebe ist. Als politischer Mensch hat sie sich für Verbandsarbeit engagiert, für die Interessen ihres Berufsstandes eingesetzt. Sie war an der Deutschen Filmakademie einige Jahre im Vorstand aktiv, obwohl sie an den Niederungen der Gremienarbeit litt. Aber selbst dort behielt sie ihr schönes Lachen, ihre Geduld, ihre unendliche Freundlichkeit und einen Grundoptimismus, der manche Sinnlosigkeit mit Hoffnung unterfütterte.
Als Editorin war sie erfolgreich und wir hatten das große Glück, uns in all den Jahrzehnten unseres Zusammenlebens auch im Künstlerischen blind und sogar taub zu verstehen. Uta erhielt für ihre „meisterliche und musikalische Montage“ (Jurybegründung) in unserem Kinofilm VIER MINUTEN 2007 den Deutschen Kamerapreis in der Kategorie Schnitt, der ihr zwei Jahre später für unsere Bella-Block-Folge REISE NACH CHINA erneut verliehen wurde. Für VIER MINUTEN wurde sie außerdem für den Deutschen Filmpreis nominiert, erhielt eine Nominierung für den Preis der Deutschen Filmkritik (für POLL) und wurde insgesamt dreimal für den Deutschen Schnittpreis Edimotion nominiert.
All das hat sie gefreut, war ihr aber im Grunde auch gleichgültig, da sie den Wert eines Lebens nicht nach der Anerkennung anderer bemaß. Jetzt, wo sie gegangen ist, wirken diese Auszeichnungen wie Tand, obwohl sie doch eine geglückte Existenz suggerieren.
Wichtig waren ihr aber nur die Kinder, die sie in die Welt setzte, die Sehnsüchte, die sie trieben und die unerschütterliche Gewissheit, dass das Universum nicht so kalt und erbarmungslos sein kann, dass nicht doch noch irgendwo ein kleines, gut geheiztes Raumschiff um die Ecke biegt, um damit in unendliche Weiten zu fliegen. Dieses Raumschiff wünsche ich Dir, meine Liebste, und auch einen wohltemperierten Stern, auf dem Du landen und bei einem guten Kaffee auf mich warten kannst. Here´s looking at you, kid.