19/02/2026
Lisa Kögeböhns Gedanken zum Übersetzen
Jeder Text ist anders. Manches lässt sich „runterübersetzen“. Ich hatte schon Projekte, die ich übersetzend abtippen konnte: Blick aufs Original rechts vom Bildschirm geheftet, und mit nur minimalem Umweg übers Hirn direkt auf Deutsch in die Tastatur gehackt. Ja, es gibt solche Bücher. Aber es gibt auch solche, bei denen man minuten-, stunden-, tagelang an einzelnen Sätzen oder Formulierungen feilt, die immer noch nicht ganz sitzen, nicht ganz die Nuance treffen, die das Original vorgibt. Und schon scheitert man am selbstgesetzten Seitenpensum pro Tag, investiert zusätzlich zur Arbeits- auch noch alle Freizeit, um die Abgabefrist zu halten oder dem eigenen Perfektionismus zu entsprechen.
Das Perfide daran ist: Wir werden pro übersetzter Seite bezahlt. Und die Preisspanne zwischen seichten Texten und Hochliteratur ist nicht so groß, wie man erwarten würde. Je mehr Zeit ich also in eine Seite stecke, desto weniger verdiene ich. Würden wir rein wirtschaftlich denken, würden wir sehr schnell sehr mittelmäßige Texte produzieren. Aber gut, wer wirtschaftlich denkt, wird gar nicht erst Übersetzer*in.
So entscheidet man sich mitunter zwischen Sprachschaffensfreude und Geldverdienen. Oder man versucht, übers Jahr verteilt herausfordernde und einfache - ergo finanziell lohnendere - Projekte abzuwechseln (hallo Mischkalkulation!). Problem nur: Wer kann sich die Aufträge schon aussuchen und nur annehmen, was ihm oder ihr in den Kram passt? Richtig, jemand mit einem Namen. Und den können wir uns nicht machen, wenn er nie genannt wird.
Großes Renommee winkt Übersetzer*innen weder für Hoch- noch Unterhaltungsliteratur. Es sei denn, es würde allmählich damit angefangen, in jeder Rezension, sei es auf Social Media, auf Blogs oder im Feuilleton, zumindest unsere Namen zu nennen. Dann könnte sich womöglich irgendwann etwas daran ändern. Oder?
Sichtbarkeit und Anerkennung helfen uns. Nicht nur fürs eigene Gefühl, sondern auch als Verhandlungshilfe gegenüber den Verlagen.
Eine Übersetzung hat immer zwei Urheber*innen, die beide das Recht auf Namensnennung haben. Nenne Übersetzer*innen überall dort, wo du die Autorin oder den Autor nennst. Damit respektierst du unsere Arbeit.