16/03/2026
Frischer Wind in alten Gassen: Die neuen Studenten kommen
1901 (Oktober) – Johannisstraße / Innenstadt, Jena
Das freudige Lachen junger Männer hallte zwischen den schmalen, windschiefen Fachwerkfassaden der Johannisstraße wider. Immer wieder mischte sich das Geräusch schwerer Holzkoffer darunter, die über das Kopfsteinpflaster gezogen oder an den Griffen die Treppen hinaufgetragen wurden. In der klaren Herbstluft lag der warme Duft gerösteter Kastanien, während aus den nahen Stuben der Häuser leises Stimmengewirr drang. Ein leichter Nebel zog von der Saale herauf und legte sich über die engen Gassen der kleinen Universitätsstadt.
Mit dem Oktober begann in Jena traditionell das Wintersemester – und mit ihm eine Zeit spürbarer Bewegung. Aus allen Teilen des Deutschen Reiches trafen junge Studenten ein, viele zum ersten Mal fern von ihrer Heimat. Die Züge brachten sie aus Berlin, Leipzig, München oder aus kleinen Provinzstädten nach Thüringen. Noch etwas unsicher, aber voller Erwartungen, suchten sie nach einem Platz in dieser Stadt, die ihnen für die kommenden Jahre zum Lebensmittelpunkt werden sollte.
Die Suche nach einem Zimmer gehörte zu den ersten Herausforderungen. Studenten mit schweren Koffern klopften an Haustüren, erkundigten sich nach möblierten Kammern oder kleinen Stuben. Für viele Jenaer Familien war das Vermieten solcher Zimmer längst ein wichtiger Bestandteil des Einkommens geworden. Besonders in den Dachgeschossen der alten Häuser entstanden einfache Studentenquartiere: ein schmales Bett, ein Tisch, ein Stuhl, manchmal ein kleiner Ofen gegen die winterliche Kälte.
Mit den neuen Studenten kam jedes Jahr auch ein Stück Welt in die Stadt. Sie brachten neue Gedanken, Bücher, politische Diskussionen und die neuesten Moden aus den größeren Städten mit. In den Gasthäusern und Kneipen der Innenstadt entstanden lebhafte Gespräche über Wissenschaft, Literatur und die großen Fragen der Zeit. Die eher ruhigen Gassen Jenas füllten sich plötzlich mit Stimmen, Ideen und jugendlicher Energie.
Für die Einwohner der Stadt war diese jährliche Ankunft längst Teil des vertrauten Rhythmus geworden. Der Herbst bedeutete nicht nur fallende Blätter und kühle Luft, sondern auch den Beginn eines neuen akademischen Jahres – und damit frischen Wind in den alten Gassen der Saalestadt.
Wie habt ihr euren ersten Tag in Jena erlebt, als ihr neu in die Stadt gekommen seid – zum Studieren, Arbeiten oder Leben?