16/03/2026
Söder stellt sich bei Mini-Atomreaktoren gegen Merz-Regierung – Nachbarland zeigt, wie es gehen kann
Kanzler Merz erklärt das Atom-Aus für Deutschland. CSU-Chef Söder schlägt allerdings den Pfad in die andere Richtung ein. Er plant „Kernenergie 2.0“.
München – Gerade mal drei Jahre sind vergangen, seitdem Deutschland aus der Atomkraft ausgestiegen ist. Nun rückt die Debatte wieder in den Fokus: Die Rückkehr zur Kernenergie lässt sich am Horizont blicken und wird zum Thema auf EU-Ebene. Dabei gibt es in Deutschland zwei Fronten. In der Union gehen die Meinungen auseinander. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sind sich uneins.
CSU-Chef Markus Söder hat Beteiligung an Atomkraftwerken zum Beispiel in Frankreich (auf dem Bild ein Kraftwerk an der Seine) vorgeschlagen. Die FDP wirft ihm Unkenntnis vor. © Imago (Montage)
Statt riesigen Atommeilern will die EU jetzt primär die Entwicklung von sogenannten Mini-Atomkraftwerken fördern. Dafür sprechen mehrere Gründe: Wettbewerbsfähigkeit, niedrigere Strompreise, emissionsarmer Strom und mehr Unabhängigkeit von fossilen Energien. Die Strategie wurde bei einem Atom-Gipfel in Paris am 10. März verabschiedet.
Mini-Atomkraftwerke: EU bewegt sich in Richtung Comeback der Kernenergie
Frankreich unterstützt das Vorhaben enthusiastisch. Immerhin zeigt das Land mit gleich 57 aktiven Atomkraftwerken und dem Plan zum Bau von sechs weiteren Reaktoren eine klare Haltung zugunsten der Kernenergie. Länder wie Großbritannien, Polen und Tschechien stellen sich ebenfalls hinter das Projekt der EU, das sogenannte „Small Modular Reactors“ (zu Deutsch: Kleine Modulare Reaktoren) vorsieht.
Dahinter liegt jedenfalls weitaus mehr als nur reine Stromerzeugung. Wie ein Gutachten des Bundesamts für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) zeigt, geht es bei Mini-Atomkraftwerken auch um die Stärkung der Industrie und so die Sicherung der Position auf dem Weltmarkt. Auch die Verknüpfung mit militärischen Nuklearstrukturen mit Kernwaffenprogrammen oder Atom-U-Booten ist bedeutend. Es geht also womöglich auch um nukleare Abschreckung. Trotz der Debatte scheint ein schnelles Comeback zweifelhaft. Dennoch steht das Thema in letzter Zeit wieder verstärkt im Rampenlicht.
Kernenergie: Söder widerspricht Merz und sieht „schweren Fehler“ der Ampel
Anders als die europäischen Nachbarn lehnt die Bundesregierung die Rückkehr zur Kernenergie allerdings vehement ab. Bundeskanzler Merz vertritt eine klare Haltung. Er berief sich zuletzt auf die Entscheidung der Bundesregierungen zuvor, aus der Kernenergie auszusteigen. Es ist unumkehrbar, meint der Kanzler: „Der Beschluss ist irreversibel. Ich bedauere das, aber es ist so.“
Dem widerspricht CSU-Chef Söder und stellt sich mit einem Pilotprojekt in Bayern gegen die gesamte Bundesregierung. Man will auf die von der EU geförderten Mini-Atomkraftwerke und Kernfusion setzen. Der bayerische Ministerpräsident taufte sein Vorhaben „Kernenergie 2.0“.
„Es ist Zeit für eine neue Epoche der Kernenergie. Kernenergie 2.0 bedeutet kein Zurück zu alter Technik, sondern ein neues Kapitel ohne die früheren Gefahren. Dazu zählen neuartige modulare Kleinreaktoren und die Kernfusion“, sagte er der Bild. Weiter betonte er: „Es war ein schwerer Fehler der Ampelregierung, die Kernkraftwerke während der größten Energiekrise abzuschalten. Für eine Rückkehr zu den alten Meilern ist es jetzt zu spät. Aber Deutschland braucht grundlastfähige und CO₂-freie Kernkraft. Deshalb setzen wir auf neue, kleinere Anlagen. Bayern ist bereit für ein Pilotprojekt.“
Mini-Atomkraftwerke: Söders Vorstoß zieht Protest von SPD und Grünen mit sich
Söder begründet die Notwendigkeit von Kernenergie mit dem „Stromhunger“, der durch Rechenzentren, KI und E-Mobilität „gigantisch“ ansteige. Daher benötige man „stabile Netze“ und hierfür eine „stabile Grundlastversorgung mit neuen Gaskraftwerken und moderner Kernkraft“.
Über den entstehenden Atommüll hat sich der CSU-Chef offenbar ebenso Gedanken gemacht und richtete gegenüber der Bild einen Appell an die Merz-Regierung. Das Transmutationsgesetz müsse geändert werden: „Perspektivisch könnte damit auch die Endlager-Frage gelöst werden. Es ist sinnvoller, alten Atommüll zu verbrauchen, anstatt ihn für Millionen Jahre in der Erde strahlen zu lassen. Dazu muss der Bund das Transmutationsgesetz ändern, um diese Bestände wieder nutzbar zu machen.“ Die sogenannte Transmutation erlaubt es, Atommüll als Brennstoff einzusetzen.
Mini-Atomkraftwerke – oft SMR (Small Modular Reactors) genannt – sind kleine, kompakte Kernreaktoren zur Stromerzeugung. Sie produzieren deutlich weniger Leistung als klassische große Reaktoren, typischerweise etwa 10 bis 300 Megawatt. Ein wichtiges Merkmal ist ihre modulare Bauweise: Teile können in Fabriken vorgefertigt und vor Ort schneller zusammengebaut werden. Dadurch sollen Baukosten und Bauzeiten im Vergleich zu traditionellen Kernkraftwerken sinken. Befürworter argumentieren außerdem, dass SMR flexibler einsetzbar sind, etwa für kleinere Stromnetze oder abgelegene Regionen. Viele Designs enthalten passive Sicherheitssysteme, die auch ohne menschliches Eingreifen oder externe Stromversorgung funktionieren sollen. Kritiker weisen jedoch darauf hin, dass Fragen zu Kosten, Atommüll und Proliferationsrisiken weiterhin bestehen.
Söders Vorstoß sorgt beim Koalitionspartner SPD schon für Protest. Die Sozialdemokraten wollen die Pläne nicht mittragen. Die Energie-Expertin der SPD-Bundestagsfraktion, Nina Scheer, bezeichnete das Vorhaben als „absurd“. Ein Wiedereinstieg in die Atomenergie verstoße in Deutschland „gegen geltendes Recht“, sagte Scheer der Rheinischen Post. „Die SPD wird an einer solchen Geisterfahrt-Gesetzesänderung nicht mitwirken“, so Scheer. Die Vizevorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion, Julia Verlinden, kritisierte ebenfalls. Mini-Atomkraftwerke seien „eine besonders teure und riskante Technologie“, sagte Verlinden der AFP.
EU-Umdenken bei Kernenergie: Von der Leyen ändert Ton, Dänemark macht konkrete Pläne
Zuletzt hat auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in der Energiepolitik den Ton geändert: Der Atomausstieg sei ein „strategischer Fehler“, Investitionen in neue, kleinere Reaktoren unverzichtbar für die Industrie, sagte von der Leyen beim Atom-Gipfel bei Paris. Sie folgt damit der Linie Frankreichs und zahlreicher weiterer Staaten, die ihre Kernkraftwerke im Gegensatz zu Deutschland nicht abgeschaltet haben oder neue bauen wollen.
Dazu zählt etwa Deutschlands nördlicher Nachbar Dänemark. Das Land erwägt inzwischen im Rahmen von konkreten Plänen den Bau von sogenannten Mini-Atomreaktoren – und damit die Beendigung seines seit rund 40 Jahren geltenden Verbots der Nuklearenergie, wie im Januar verkündet wurde. Um die Energieversorgung des Landes langfristig zu sichern, könnten „kleine modulare Kernreaktoren eine Option sein“, hatte Energieminister Lars Aagaard damals betont. Ein gesetzlicher Rahmen zur Überprüfung des Potenzials der Small Modular Reactors (SMR) sowie zur Aufhebung des Atomkraftverbots sei geschaffen worden.
Atomausstieg „irreversibel“? CSU vertritt andere Meinung als Bundeskanzler Merz
Die SMR-Strategie der EU zielt darauf ab, den ersten Small Modular Reactor in der Europäischen Union Anfang der 2030er Jahre einzusetzen. Die Kommission sieht in der Energieerzeugung durch Mini-Atomkraftwerke zum einen ein Mittel, um energiepolitische Ziele zu erreichen, darunter etwa bezahlbare Energie, Dekarbonisierung und Unabhängigkeit bei Energie. Bis 2050 stellt sich die Kommission eine SMR-Kapazität von 17 bis 53 Gigawatt vor. Das entspricht etwa vier bis 12% der heutigen Stromversorgung der EU.
Zum anderen zielt die Strategie darauf ab, neue Abhängigkeiten zu vermeiden, indem eine europäische Lieferkette aufgebaut wird. Dies soll zugleich Exportmöglichkeiten schaffen. Die Strategie ist somit ein wichtiges Glied der zukünftigen Planung der EU mit Blick auf Energiesicherheit. Im Hintergrund dessen dürfte sich auch die Debatte in der Bundesregierung verschärfen, während sich die meisten deutschen Nachbarländer bereits offen für das Vorhaben zeigen.
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Wie in Frankreich, wo acht weitere Reaktoren im Gespräch sind, sind auch in Schweden, Bulgarien, Finnland, den Niederlanden, Rumänien, der Slowakei und Tschechien weitere Reaktoren bereits geplant oder im Bau. Italien, das seit 1990 kein Atomkraftwerk mehr hat, erwägt eine Rückkehr zur Kernenergie.
Die CSU widerspricht Kanzler Merz in seiner Aussage, dass der Atomausstieg „irreversibel“ sei. CSU-Generalsekretär Huber sieht das vor dem Hintergrund eines Stimmungswandels in der EU anders. Angesichts des Atomausstiegs, an dem Merz festhalten will, sagte Huber: „Dabei ging es um die großen Meiler, nicht um die neuen Technologien, mit denen enorm viel möglich ist. Wir sollten hier auf Innovationen setzen.“ (Quellen: dpa, AFP, Bild, Deutschlandfunk, Tagesspiegel, Think Tank Europa) (bb)