19/04/2026
Vielen Dank an The Anti Archive für's Reinhören
Die Band Dorfterror stammt aus einem eher beschaulichen Fleckchen bei Trier und genau aus diesem Kontrast ziehen sie einen Teil ihrer Energie. Provinz im Hintergrund, Weltlage im Kopf, und daraus entsteht Musik, die deutlich größer klingt, als der Ort vermuten lässt. Seit ihrer Gründung bewegen sie sich fest im Deutschpunk, allerdings nicht als bloße Krachlieferanten, sondern als Sprachrohr für alles, was sich anstaut. DIY ist bei ihnen kein Marketingbegriff, sondern eher ein Lebensgefühl. Selber machen, selber sagen, selber laut sein. Mit „Schreikinder“ legen sie ihr zweites Album vor und das wirkt weniger wie ein nächster Schritt, sondern eher wie ein lauter Tritt gegen die Tür. Dieses Album kommt nicht reinspaziert, es poltert. Es klingt, als hätten sich über Monate Gedanken, Frust und Beobachtungen angesammelt, die jetzt gleichzeitig rauswollen und zwar ohne Warteschlange. Musikalisch bleibt die Band ihrem Stil treu, schnelle Gitarren, treibende Rhythmen, Refrains, die sich festbeißen wie ein Ohrwurm mit Haltung. Dabei schaffen sie es, trotz Tempo nicht einfach durchzubrettern. Immer wieder blitzen Momente auf, in denen kurz Luft geholt wird, nicht um runterzukommen, sondern um den nächsten Satz noch gezielter rauszuhauen.
Der Gesang ist dabei kein Schönwetterprogramm, sondern eher ein emotionales Thermometer auf Anschlag. Mal wird geschrien, als müsste man gegen eine Wand aus Gleichgültigkeit anbrüllen, mal klingt es fast nachdenklich, als würde zwischen zwei Ausrastern kurz sortiert, warum man eigentlich so wütend ist. Genau dieser Wechsel macht das Ganze greifbar. Es ist kein Dauerfeuer ohne Ziel, sondern eher wie ein gut gezielter Wortschwall. Inhaltlich macht „Schreikinder“ keine Gefangenen und auch keine Umwege. Hier wird gesagt, was gemeint ist, ohne sprachliche Schnörkel oder versteckte Botschaften. Das kann man platt nennen, man kann es aber auch konsequent nennen. Die Texte fühlen sich an wie Gespräche, die man nachts führt, wenn alle Filter aus sind. Ehrlich, manchmal überzogen, aber selten gleichgültig. Der Albumtitel passt dabei ziemlich gut, weil er dieses Bild von „zu laut, zu viel, zu unbequem“ aufgreift und genau daraus eine Stärke macht. Wenn das Schreien die einzige Möglichkeit ist, gehört zu werden, dann wird hier eben nicht geflüstert.
Was besonders hängen bleibt, ist dieses Spannungsfeld zwischen Frust und Trotz. Das Album suhlt sich nicht einfach in schlechter Laune, sondern hat immer wieder diesen unterschwelligen Gedanken von „jetzt erst recht“. Es ist Wut mit Richtung, nicht bloß Lärm mit Lautstärke. Und genau das hebt es über reines Genöle hinaus. Ganz ohne Stolperstellen kommt das Ganze aber nicht aus. Über die Länge hinweg verschwimmen einige Songs ein wenig, weil sie sich im Aufbau ähneln. Da hätte man hier und da noch mutiger variieren können. Auch inhaltlich bewegt man sich auf bekanntem Terrain. Die Themen sind wichtig, aber im Punkkosmos eben keine Neulinge mehr. Wer nach überraschenden Wendungen sucht, findet eher vertraute Parolen im neuen Gewand. Unterm Strich ist „Schreikinder“ kein geschniegelt-glattes Vorzeigealbum, sondern eher ein bewusst zerknittertes Statement, eins das nicht geschniegelt sein will, sondern wirken. Es lebt von Ecken, Kanten und dieser unüberhörbaren Dringlichkeit, die sich durch jeden Song zieht. Perfekt ist hier wenig, aber genau das macht es passend. Wie ein Pflaster auf einer offenen Wunde, das nicht hübsch aussieht, aber seinen Zweck erfüllt. Und vielleicht ist genau das die größte Stärke dieses Albums, dass es nicht versucht, alles richtig zu machen, sondern lieber alles rauslässt.