15/10/2021
Der Buchstabe B
Bewusstseinsstrom
Beim assoziativen Schreiben gießt du deinen Bewusstseinsstrom aufs Papier, einfach, indem du aufschreibst, was du gerade denkst.
Wenn du frei heraus über das schreibst, was dir in den Sinn kommt, ist das eine Form der Meditation, in der du erleben kannst, wie sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunftsmöglichkeiten in einer Flow-Erfahrung verbinden. Mit solchen somnambulen inneren Monologen sind einige klassische Romane entstanden, wie z. B. »Der Zauberberg« von Thomas Mann und »Ulysses« von James Joyce.
Du musst keine Romane schreiben, um die Kraft und Tiefe geschriebener Bewusstseinsströme zu erfahren.
Als Beispiel ein Bewusstseinsstrom von mir, von gestern Abend:
Gerade bin ich traurig. Mr. Traurigkeit betritt mein Wirtshaus, für ihn ist es selbstverständlich, am Tresen platzzunehmen, mit zusammengesackten Schultern - den Blick ins Leere gerichtet.
Verdammt, er zieht mich runter! Dabei ist er nur mein Gast! Mr. Traurigkeit hat mich aufgesucht, aber er ist nicht ich. Mr. Traurigkeit tut mir gerade nicht gut, aber er ist auch nur ein Mensch. Was würde ich mir wünschen, wenn ich er wäre? Ich muss grinsen. Ich würde mir wünschen, bei jemandem zu sein, bei dem ich einfach da sein darf. Ich bräuchte jemanden, der mich akzeptiert, und zwar so, wie ich gerade bin.
Die Buchstaben, die vor meinen Augen auftauchen, sind die Brücke zwischen mir und Mr. Traurigkeit,
Ich lächele Mr. Traurigkeit zu und schenke ihm ein Glas Wasser ein.
»Ich wusste nicht, wo ich so spät noch hin soll«, sagt er, das Gesicht in den Händen vergraben.
»Bei mir bist du immer willkommen«, sage ich.
»Warum bin ich der einzige Gast?«, fragt er.
Ich zucke mit den Achseln.
»Ich habe die Tür extra für dich geöffnet. Du hast ein Recht auf deinen Raum. Gibt es etwas, worüber du mit mir reden möchtest?«
Kaum merklich huscht ein Lächeln über Mr Traurigkeits Gesicht. Auch ich lächele und höre zu, wie er mir seine Geschichte erzählt.
Hast du schon mal deine Bewusstseinsströme aufgeschrieben? Wie war das für dich?