24/11/2016
Unser Kumpel Tobi (Düsenjäger) über die neue Ştiu Nu Ştiu:
Ştiu Nu Ştiu — Fake End 2×LP
Normalerweise würde ich ein Info mit simplen Informationen einleiten: wer in der Band spielt, wo sie herkommt, was der Name bedeutet, wo sie aufgenommen hat: blablabla, dies-das. Das würde aber der Musik nicht gerecht werden, außerdem die Erwartungshaltung des Lesers in eine falsche Richtung lenken und möglicherweise auch davon ablenken, wie toll diese Platte ist. Also versuche ich, losgelöst von den Informationen, die es so zu wissen gibt, nur die Musik zu beschreiben. Für knappe Infos, wenn es schnell gehen muss: einfach ganz unten weiterlesen.
Um eine Schublade aufzumachen, die man nunmal braucht: wir reden von alternativer Musik, Rockmusik im weitesten Sinne, aber fernab vom klassischen Strickmuster, schnell kann man eingrenzen auf Shoegaze, Dreampop, Noiserock, Gothrock, Postrock, Progressive Doom, Emo.
Sängerin Billie Lindahlan könnte man kennen, ihre hohe Stimme zaubert mir gleich fantastische Bilder in den Kopf: Sirenen, Elfen, Feen, Zauberwesen. Ich bin wirklich kein Freund von »Fantasy« an und für sich, aber anders kann ich das nicht beschreiben. Wie die Stimme eines Gespenstes, das fleht und jammert, weil niemand in der echten Welt es hören kann. Die mir fremde Sprache erhöht den Effekt noch. Das macht viel aus von dem »Goth«-Eindruck, aber auch an der Gitarre erahnt man den Einfluss von Robert Smiths The Cure oder auch New Order. Die Musik fliesst völlig organisch von einem Punkt zum anderen, nein: sie schwebt, mäandert, alles befindet sich in Bewegung, langsam, zaghaft, aber bestimmt. Hypnotisch. Dringlich.
Die Dringlichkeit rührt eventuell von der Vehemenz des Schlagzeugspiels her, das so gar nichts mit The Cure gemein hat, sondern viel mehr mit Noiserock der Touch & Go Schule: Slint, Shellac, June of 44. Der räumliche Sound holt mich gleich ab, da hat sich jemand Gedanken gemacht, das SOLL so klingen. Ab und zu brechen Schlagzeug und Gitarre abrupt aus, das ist kein Kindergeburtstag, die Dynamik ist verblüffend, wenn Billies Stimme über dem Bandsound schwebt und scheinbar unter ihren Füßen ein Vulkan ausbricht und es richtig scheppert.
»Fake End« ist eine dieser Platten, die man nur einmal im Jahr vorfindet, die einen richtig überraschen und lange beschäftigen. Eine von denen, die auch in fünf Jahren noch relevant ist.
Oder 15. Eine, die tief reingeht. Die Musiker müssen so viel Arbeit in die Songs gesteckt haben, das muss weh getan haben. Hier geht es nicht nur um ein paar Songs, hier geht es um Kunst, um Ausdruck, darum, etwas zu erschaffen, was vorher noch nicht da war, etwas aus der zu Luft greifen, weiterzuverarbeiten und zu formen oder: etwas sich formen zu lassen. Nicht falsch verstehen: es geht hier durchaus ruppig zu, nicht hippiesk, es gibt noisige Ausbrüche oder Momente, die einfach nicht enden wollen. Genauso gibt es chorusgeschwängerte Gitarrenparts, die gleich auf 4AD verweisen oder genauer: die Cocteau Twins. Traurig, dringlich und wahrhaftig ist diese Platte. Und sie hat Gewicht. Das Gleichgewicht aus Melodien und Struktur auf der einen Seite und sich türmendem, aufschäumendem Krach auf der anderen kommt nur zustande durch ein permanentes Ringen der beiden Pole. Einzigartig.
Die Band selbst auf ihrer Bandcamp-Seite im Internet:
»There is no right, there is no wrong. Everything has to do with everything. You are not going to figure it out. When you die, other people will start where you started, not where you left
off. It will not be fair. You Are Not Special. This is what we do when you losers make love.«
In der Band spielen Leute aus Schweden, die zuvor bei Jeniferever kreativ waren (ebenfalls bemerkenswerte Band!), Sängerin Billie Lindahl hat ein Projekt namens Promise & the Monster (auch dies: phänomenal!). Die Platte »Fake End« erscheint im November 2016 auf dem Münsteraner DIY Label Deadwood. Der Mix ist von Kurt Ballou (Converge), das Mastering stammt von Magnus Lindberg (von Cult of Luna). Aufgenommen wurde im Studio Cobra in Stockholm, Schweden in zwei Sessions. Eine im Sommer, eine im Winter.
Vergleiche:
Blonde Redhead, Native, späte Oathbreaker, frühe Cure, Cocteau Twins, Cult of
Luna & Julie Christmas, Lana Del Rey, Chelsea Wolfe