20/08/2026
: WegZeichen und Begegnungen
Es gibt Gegenstände, die uns über Jahrzehnte hinweg begleiten.
Nicht, weil sie besonders wertvoll wären, sondern weil sie ein Stück von dem bewahren, wer wir waren – und auch von dem, wer wir inzwischen geworden sind.
Meine einstige Grundschulkameradin, Erika Breier, und ich hüten beide ein kleines Büchlein.
Vielleicht erzählen diese beiden kleinen Bücher besser als alles andere, was uns die 1988 ins Leben gerufene Partnerschaft zwischen Pilisszentiván und Verwaltungsgemeinschaft Marktleugast bedeutete.
In Ungarn ist die Beziehung zwischen den beiden Dörfern von historischer Bedeutung: Pilisszentiván(Sankt Iwan bei Ofen) war die allererste ungarische Gemeinde, die einen offiziellen Partnerschaftsvertrag mit einer damaligen bundesdeutschen (BRD) Gemeinde schloss. Der Vertrag wurde am 21. Oktober 1988 um 16:00 Uhr feierlich im Kulturhaus von Pilisszentiván unterzeichnet. Am Tisch stand neben Bürgermeister Manfred Huhs Gábor Pénzes, der damalige Bürgermeister von Pilisszentiván. Das Dokument wurde von namhaften Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens beglaubigt, darunter Herbert Hofmann, der damalige Landrat von Kulmbach, Josef Aufricht, Erster Gesandtschaftssekretär, sowie Géza Hambuch, Generalsekretär des Demokratischen Verbandes der Ungarndeutschen. Doch das wichtigste Bindeglied war Georg Bauer (Gyuri bácsi), ohne dessen persönlichen Traum und Kontakte diese Brücke niemals gebaut worden wäre. In den offiziellen deutschen Dokumenten steht bis heute Manfred Huhs' visionäre Formulierung: Ziel des Vertrages sei „die Überwindung trennender Grenzen, in der Hoffnung auf eine stetig sich vertiefende Freundschaft zwischen unseren Gemeinden und ihren Bürgern“.
Doch für Erika und mich war dies nie bloß ein unterschriebener Vertrag zwischen zwei Gemeinden. Wir sind in dieser Partnerschaft aufgewachsen. Als junge Mädchen durften wir beide viele Monate in Marktleugast verbringen. Die Menschen dort haben uns in ihren Häusern aufgenommen, wir konnten arbeiten, die deutsche Sprache lernen und leben, Freundschaften schließen und kamen auch mit jenen Familien und Verwandtenzweigen aus Pilisszentiván in Kontakt, die die Geschichte Jahrzehnte zuvor nach Deutschland verschlagen hatte. Als sie Pilisszentiván im 1944 fluchtartig verlassen hatten.
In einem anderen Land durften wir erfahren, wie es ist, wenn man nicht als Gast betrachtet wird, sondern wenn einem einfach gesagt wird: Komm, hier ist dein Platz unter uns.
Daran hatte der damalige Bürgermeister von Marktleugast, Manfred Huhs, und seine Frau Hannelore einen riesigen Anteil. Manfred pflegte die Partnerschaft nicht einfach nur als Bürgermeister. Gemeinsam mit Hannelore blickten sie fast mit väterlicher und mütterlicher Liebe auf uns Jugendliche aus Pilisszentiván. Sie halfen uns, knüpften Kontakte, öffneten uns Türen und arbeiteten daran, dass die Beziehung zwischen den beiden Orten eine echte Beziehung zwischen Menschen wurde.Und das vielleicht Schönste daran: Das endete nicht damit, dass wir erwachsen wurden.Meine Wege nach Deutschland führen auch heute noch fast immer über Marktleugast. Wenn ich in der Nähe bin, melde ich mich bei Manfred und Hannelore. Wir setzen uns zusammen und reden, und ich erzähle davon, wohin mich das Leben geführt hat, von meiner Familie, meiner Arbeit ,meinen neuen Plänen, meinen Freuden und manchmal auch von den schwierigeren Zeiten.
Und dabei beobachte ich immer mit einem guten Gefühl, mit wie viel Liebe Manfred auch heute noch jenen Faden hütet, den er 1988 zwischen Pilisszentiván und Marktleugast mitgeknüpft hat.
Vor Kurzem, bei der Uraufführung des ungarndeutschen Dokumentarfilms in Pilisszentiván, fand diese Geschichte auf besondere Weise wieder zusammen.
Da war Erika.
Da war Manfred.Und da war ich.
Wir sprachen über die alten Zeiten, als Erika plötzlich das kleine Buch hervorholte, das sie vor über dreißig Jahren von Manfred bekommen hatte. "Begegnungen".
Sobald ich es sah, wusste ich genau, was zu Hause in meinem Regal steht. Mein kleines Büchlein, das ich 1991 von Manfred bekommen hatte: "WegZeichen" .
Mir kamen fast die Tränen. Denn in diesem Moment wurde mir klar, dass diese beiden Worte nicht nur Buchtitel sind. Diese beiden Worte sind unser Schicksal selbst. Das Wort Begegnungen erzählt von der Kraft menschlicher Beziehungen. Davon, dass trotz der Stürme der Geschichte, der Flucht aus dem Krieg und der trennenden Kraft von Grenzen die Seelen hartnäckig nacheinander suchen. Dieses Wort bedeutete das Verweben der Deutschen aus Marktleugast und der Schwaben aus Pilisszentiván. Und das Wunder, dass zwei junge Mädchen in einer fremden Kultur nicht als Gäste, sondern als Familienmitglieder leben durften.Und das Wort WegZeichen zeigt die Richtung.
Die Wegzeichen sind jene geistigen und moralischen Haltepunkte, die wir von Manfred als Lebensweisheit mit auf den Weg bekommen haben und die uns durch das Leben begleitet haben. Diese Wegzeichen führten uns zu unseren Wurzeln zurück, als wir fernab von Pilisszentiván und unabhängig voneinander mit Erika begannen, die mehr als dreihundertjährige Vergangenheit unserer Familien, die deutschen Orte und die Geschichte der dort gebliebenen Vorfahren zu erforschen.
Mehr als dreißig Jahre später standen wir wieder gemeinsam in Pilisszentiván – Erika, Manfred und ich –, und diese beiden Begriffe, WegZeichen und Begegnungen, sagten irgendwie alles darüber aus, was eine wirklich gelebte Partnerschaft bedeuten kann.
Das Leben hat Erika und mich weit weg von unserem Heimatdorf geführt, aber der Respekt vor den Wurzeln und unsere Mission sind uns gemeinsam geblieben. Unseren Kindern geben wir die Mehrsprachigkeit weiter und das Bewusstsein dafür, dass es gut ist zu wissen, zu bewahren und zu lieben, woher wir kommen.
Heute sehe ich auch den Ursprung des Namens WegZeichen mit anderen Augen.
Nicht ich habe ihn gefunden.Vielmehr hat er mich gefunden.Damals im Jahr 1991, in Marktleugast.Jahrzehnte später wurde dies der Name jener Plattform WegZeichen, auf der ich ungarndeutsche Frauengeschichten, Schicksale und Erinnerungen sammle und weitergebe.
Darin lebt auch das geistige Erbe meiner im vergangenen Jahr verstorbenen Mutter weiter. Ihre lebenslange Forschungsarbeit und ihre Liebe zu ihrem Heimatdorf haben diese Mission inspiriert. Das Buch von Manfred Huhs und das Lebenswerk meiner Mutter fließen hier in mir zusammen und werden zu einem einzigen, hell leuchtenden Wegzeichen.
Was wir empfangen haben, reicht nicht aus, es nur zu bewahren. Man muss es auch weitergeben. Deshalb bin ich all jenen in Pilisszentiván und Marktleugast besonders dankbar, die seit 1988 daran gearbeitet haben – und heute noch arbeiten –, dass diese Verbindung lebendig bleibt.
Und ganz besonders Euch, lieber Manfred und liebe Hannelore.Unsere beiden kleinen Bücher gibt es heute noch.Genauso wie unsere Verbindung.
WegZeichen und Begegnungen.
Vielleicht lässt sich schöner gar nicht sagen, was uns die fast 40 Jährige offizielle Freundschaft zwischen Marktleugast und Pilisszentiván geschenkt hat.🩵
Eure
Veronika German
Foto: eigene und Frankenpost