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WegZeichen Ungarndeutsche Frauengeschichten

„Lass deine Oma nicht zu Hause!“ 🧡Dieser lieben Einladung bin auch ich heute gefolgt – und habe das Krumbianfleikl-Fest ...
29/08/2026

„Lass deine Oma nicht zu Hause!“ 🧡
Dieser lieben Einladung bin auch ich heute gefolgt – und habe das Krumbianfleikl-Fest in Pilisszentiván besucht.

Zum einen, weil ich neugierig war, wie viele Menschen wohl Lust haben würden, die Fleckl zu probieren. 😊

Aber was sind eigentlich Fleckl?
Fleckl – oder auf Ungarisch Krumplis lángos – sind eine traditionelle schwäbische Kartoffelspezialität: ein einfacher, herzhafter Kartoffelteig, der in der Pfanne gebacken wird.
Bei uns zu Hause gehörten sie einfach zur Kindheit dazu.
Denn auch mir hat meine Großmutter damals in unserem Zuhause in Pilisszentiván beigebracht, wie man Fleckl und Nudeln macht.
Am liebsten haben wir die Fleckl mit Marmelade und Puderzucker gegessen. ❤️
Genau so habe ich es später auch meinen Töchtern weitergegeben – und heute esse ich sie so mit meinen Enkelkindern.

Vielleicht ist genau das der schönste Teil einer Tradition:
Sie bleibt nicht bei einer Generation stehen, sondern wandert von der Großmutter über die Mutter zu den Kindern und Enkelkindern weiter.

Heute habe ich deshalb nicht nur beobachtet, wie die vielen köstlichen Fleckl zubereitet wurden. Ich habe vor allem dem fröhlichen Kinderlachen und -rufen gelauscht.
Die Kinder trugen traditionelle schwäbische Trachten und spielten alte, traditionelle Spiele. Und ich dachte mir:
Vielleicht genau so bleibt eine Tradition lebendig.

Nicht nur, weil wir sie in Büchern festhalten, sondern weil Kinder sie erleben.
Indem sie spielen, tanzen, essen, lachen – und dabei ganz selbstverständlich erfahren, woher sie kommen. 🙏🩵
Bei den Veranstaltungen der Pilisszentivaner Tanzgruppe schaue ich mir auch immer sehr gerne die Dekoration an. Dort werden viele alte Fotos aus dem Leben der SankIwaner ausgestellt – und fast jedes Mal entdecke ich darauf jemanden, den ich kenne.
Auch heute wurde ich fündig. 🤗
Da war mein Urgroßvater auf einem Pferdewagen …
und auf einem anderen alten Foto beim abendlichen Feiern.
In diesem Moment kamen mir die Tränen. 🥹❤️
Denn plötzlich fühlte sich diese vergangene Welt gar nicht mehr so weit entfernt an.
Es war, als hätten mein Urgroßvater und die anderen alten Pilisszentiváner an diesem Tag ein bisschen mit uns gefeiert.

Und vielleicht ist genau das etwas, was solche Begegnungen uns schenken:
Einen Geschmack, den wir von unserer Großmutter kennen.
Ein Rezept, das wir weitergeben.
Ein altes Spiel, das die Kinder wieder lernen.
Einen Tanz.
Ein altes Foto.

Und manchmal diesen einen besonderen Moment, in dem wir spüren, dass die Menschen, die vor uns da waren, ein kleines Stück weit wieder bei uns sind. ❤️
Traditionen leben weiter, wenn wir sie gemeinsam leben.
Heute habe ich nicht nur Fleckl gegessen.
Ich bin ein kleines Stück nach Hause gekommen. 🤗💙

Deutsche Gebete in einem ungarischen Gebetbuch – Spuren der Muttersprache einer schwäbischen Frau im Ungarn der Nachkrie...
26/08/2026

Deutsche Gebete in einem ungarischen Gebetbuch – Spuren der Muttersprache einer schwäbischen Frau im Ungarn der Nachkriegszeit

Manchmal bewahrt ein Gegenstand aus der Familie viel mehr, als wir auf den ersten Blick darin erkennen können.
Heute nahm ich wieder das alte Gebetbuch meiner Urgroßmutter Frau Mirk aus Sankt Iwan/Pilisszentiván in die Hand. Ich habe es schon oft gesehen, kannte seinen abgenutzten schwarzen Einband, die vergilbten Seiten und die Namen und Jahreszahlen, die meine Urgroßmutter mit eigener Hand hineingeschrieben hatte.
Doch heute fiel mir etwas auf, das ich bisher nie wirklich wahrgenommen hatte.
Das Buch trägt den Titel Dícsértessék! Ima- és énekeskönyv und wurde von Dr. Géza Koudela herausgegeben. Dieses Exemplar stammt aus dem Jahr 1943 und ist ein ungarischsprachiges katholisches Gebet- und Gesangbuch.
Doch mitten im Buch verschwinden plötzlich die ungarischen Worte.
Es folgen Seiten eines offenbar älteren, stark benutzten deutschen Gebetbuches. Auf der ersten erhaltenen Seite stehen die Überschriften:

Hoffnung.🙏
Liebe.🩵

Dann folgen deutsche Gebete und Kirchenlieder. Am Ende befindet sich ein Inhaltsverzeichnis. Lieder.
Darin finden sich unter anderem Großer Gott, wir loben dich, Maria zu lieben und O Haupt voll Blut und Wunden.
Schon mit bloßem Auge ist zu erkennen, dass diese Seiten ursprünglich nicht zu dem ungarischen Buch gehörten.
Papier, Schriftbild und Format unterscheiden sich deutlich. Es sieht vielmehr danach aus, als seien die erhalten gebliebenen Teile eines älteren deutschen Gebetbuches irgendwann in das ungarische Gebetbuch eingebunden worden.

Und plötzlich begann ich, dieses kleine Buch mit ganz anderen Augen zu betrachten.
Meine Urgroßmutter war eine Schwäbin aus Sankt Iwan. Deutsch war ihre Muttersprache.

In welcher Sprache hat sie wohl als Kind zum ersten Mal das Vaterunser gesprochen? In welcher Sprache betete sie mit ihrer Mutter? In welcher Sprache wandte sie sich an Gott, wenn sie Angst hatte – und in welcher Sprache dankte sie ihm?
Sicherlich auf Deutsch.

Und was wäre, wenn dieses merkwürdige, aus zwei verschiedenen Büchern zusammengesetzte Gebetbuch erst in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden wäre?

Ich weiß es nicht.
Noch stelle ich lediglich Fragen.

Vielleicht war ihr altes deutsches Gebetbuch einfach auseinandergefallen und sie wollte die für sie wichtigen Seiten retten. Vielleicht hat ein Buchbinder die beiden Bücher aus rein praktischen Gründen miteinander verbunden.
Aber könnte es auch einen anderen Grund gegeben haben?

Nach 1945 kam es im Leben der Ungarndeutschen zu einem tiefen Bruch. Vertreibung, Enteignung, Stigmatisierung und die massive Zurückdrängung der deutschen Muttersprache prägten die folgenden Jahre. Deutsche Kinder wurden nach dem Krieg auf Ungarisch unterrichtet.
Aus dem Jahr 1948 ist sogar ein Dokument überliefert, in dem beanstandet wurde, dass Kinder auf der Straße „auffallend deutsch (schwäbisch)“ sprachen.
Für mich besonders berührend ist, dass auch die Ortsgeschichte von Pilisszentiván davon berichtet, wie die Einschränkung des Gebrauchs der Muttersprache in der Nachkriegszeit dazu beitrug, dass der alte deutsche Dialekt des Dorfes immer weiter zurückgedrängt wurde.

Und deshalb lässt mich eine Frage nicht mehr los:
Könnte meine Urgroßmutter zwischen den Seiten eines ungarischen Gebetbuches jene Sprache bewahrt haben, in der sie ihr Leben lang mit Gott gesprochen hatte?

Könnte sie nach außen ein ungarisches Gebetbuch in den Händen gehalten haben – während darin ihre deutschen Gebete weiterlebten?

Ich möchte im Nachhinein keine Legende um einen Gegenstand aus unserer Familie erschaffen. Die Bindung müsste noch fachkundig untersucht und das ursprüngliche deutsche Gebetbuch identifiziert werden. Wir wissen bisher auch nicht, wann genau die beiden Bücher miteinander verbunden wurden.

Aber vielleicht ist gerade das so spannend.
Denn sollte sich herausstellen, dass die beiden Bücher tatsächlich erst in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg zusammengebunden wurden, wäre das abgenutzte kleine Gebetbuch meiner Urgroßmutter möglicherweise weit mehr als nur ein Erinnerungsstück unserer Familie.

Vielleicht halte ich ein kleines historisches Zeugnis in meinen Händen.
Ein Zeugnis aus einer Zeit, in der viele Ungarndeutsche lernen mussten, nach außen in einer anderen Sprache zu leben als in jener, in der sie zu Hause dachten, fühlten – und vielleicht auch beteten.
Dann würden die beiden Teile dieses kleinen Buches beinahe zu einem Symbol:
Nach außen ungarisch.
Im Inneren deutsch.

Vielleicht bewahrte eine schwäbische Frau aus Sankt Iwan auf diese Weise etwas, das man ihr nicht einfach nehmen konnte:
ihre Muttersprache, ihre Gebete und einen Teil ihrer selbst.

Zitat aus meinem Buch “Reise der Seelen”

Eure
Veronika German

  : WegZeichen und BegegnungenEs gibt Gegenstände, die uns über Jahrzehnte hinweg begleiten.Nicht, weil sie besonders we...
20/08/2026

: WegZeichen und Begegnungen

Es gibt Gegenstände, die uns über Jahrzehnte hinweg begleiten.
Nicht, weil sie besonders wertvoll wären, sondern weil sie ein Stück von dem bewahren, wer wir waren – und auch von dem, wer wir inzwischen geworden sind.
Meine einstige Grundschulkameradin, Erika Breier, und ich hüten beide ein kleines Büchlein.
Vielleicht erzählen diese beiden kleinen Bücher besser als alles andere, was uns die 1988 ins Leben gerufene Partnerschaft zwischen Pilisszentiván und Verwaltungsgemeinschaft Marktleugast bedeutete.
In Ungarn ist die Beziehung zwischen den beiden Dörfern von historischer Bedeutung: Pilisszentiván(Sankt Iwan bei Ofen) war die allererste ungarische Gemeinde, die einen offiziellen Partnerschaftsvertrag mit einer damaligen bundesdeutschen (BRD) Gemeinde schloss. Der Vertrag wurde am 21. Oktober 1988 um 16:00 Uhr feierlich im Kulturhaus von Pilisszentiván unterzeichnet. Am Tisch stand neben Bürgermeister Manfred Huhs Gábor Pénzes, der damalige Bürgermeister von Pilisszentiván. Das Dokument wurde von namhaften Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens beglaubigt, darunter Herbert Hofmann, der damalige Landrat von Kulmbach, Josef Aufricht, Erster Gesandtschaftssekretär, sowie Géza Hambuch, Generalsekretär des Demokratischen Verbandes der Ungarndeutschen. Doch das wichtigste Bindeglied war Georg Bauer (Gyuri bácsi), ohne dessen persönlichen Traum und Kontakte diese Brücke niemals gebaut worden wäre. In den offiziellen deutschen Dokumenten steht bis heute Manfred Huhs' visionäre Formulierung: Ziel des Vertrages sei „die Überwindung trennender Grenzen, in der Hoffnung auf eine stetig sich vertiefende Freundschaft zwischen unseren Gemeinden und ihren Bürgern“.

Doch für Erika und mich war dies nie bloß ein unterschriebener Vertrag zwischen zwei Gemeinden. Wir sind in dieser Partnerschaft aufgewachsen. Als junge Mädchen durften wir beide viele Monate in Marktleugast verbringen. Die Menschen dort haben uns in ihren Häusern aufgenommen, wir konnten arbeiten, die deutsche Sprache lernen und leben, Freundschaften schließen und kamen auch mit jenen Familien und Verwandtenzweigen aus Pilisszentiván in Kontakt, die die Geschichte Jahrzehnte zuvor nach Deutschland verschlagen hatte. Als sie Pilisszentiván im 1944 fluchtartig verlassen hatten.
In einem anderen Land durften wir erfahren, wie es ist, wenn man nicht als Gast betrachtet wird, sondern wenn einem einfach gesagt wird: Komm, hier ist dein Platz unter uns.
Daran hatte der damalige Bürgermeister von Marktleugast, Manfred Huhs, und seine Frau Hannelore einen riesigen Anteil. Manfred pflegte die Partnerschaft nicht einfach nur als Bürgermeister. Gemeinsam mit Hannelore blickten sie fast mit väterlicher und mütterlicher Liebe auf uns Jugendliche aus Pilisszentiván. Sie halfen uns, knüpften Kontakte, öffneten uns Türen und arbeiteten daran, dass die Beziehung zwischen den beiden Orten eine echte Beziehung zwischen Menschen wurde.Und das vielleicht Schönste daran: Das endete nicht damit, dass wir erwachsen wurden.Meine Wege nach Deutschland führen auch heute noch fast immer über Marktleugast. Wenn ich in der Nähe bin, melde ich mich bei Manfred und Hannelore. Wir setzen uns zusammen und reden, und ich erzähle davon, wohin mich das Leben geführt hat, von meiner Familie, meiner Arbeit ,meinen neuen Plänen, meinen Freuden und manchmal auch von den schwierigeren Zeiten.
Und dabei beobachte ich immer mit einem guten Gefühl, mit wie viel Liebe Manfred auch heute noch jenen Faden hütet, den er 1988 zwischen Pilisszentiván und Marktleugast mitgeknüpft hat.
Vor Kurzem, bei der Uraufführung des ungarndeutschen Dokumentarfilms in Pilisszentiván, fand diese Geschichte auf besondere Weise wieder zusammen.
Da war Erika.

Da war Manfred.Und da war ich.
Wir sprachen über die alten Zeiten, als Erika plötzlich das kleine Buch hervorholte, das sie vor über dreißig Jahren von Manfred bekommen hatte. "Begegnungen".
Sobald ich es sah, wusste ich genau, was zu Hause in meinem Regal steht. Mein kleines Büchlein, das ich 1991 von Manfred bekommen hatte: "WegZeichen" .
Mir kamen fast die Tränen. Denn in diesem Moment wurde mir klar, dass diese beiden Worte nicht nur Buchtitel sind. Diese beiden Worte sind unser Schicksal selbst. Das Wort Begegnungen erzählt von der Kraft menschlicher Beziehungen. Davon, dass trotz der Stürme der Geschichte, der Flucht aus dem Krieg und der trennenden Kraft von Grenzen die Seelen hartnäckig nacheinander suchen. Dieses Wort bedeutete das Verweben der Deutschen aus Marktleugast und der Schwaben aus Pilisszentiván. Und das Wunder, dass zwei junge Mädchen in einer fremden Kultur nicht als Gäste, sondern als Familienmitglieder leben durften.Und das Wort WegZeichen zeigt die Richtung.
Die Wegzeichen sind jene geistigen und moralischen Haltepunkte, die wir von Manfred als Lebensweisheit mit auf den Weg bekommen haben und die uns durch das Leben begleitet haben. Diese Wegzeichen führten uns zu unseren Wurzeln zurück, als wir fernab von Pilisszentiván und unabhängig voneinander mit Erika begannen, die mehr als dreihundertjährige Vergangenheit unserer Familien, die deutschen Orte und die Geschichte der dort gebliebenen Vorfahren zu erforschen.
Mehr als dreißig Jahre später standen wir wieder gemeinsam in Pilisszentiván – Erika, Manfred und ich –, und diese beiden Begriffe, WegZeichen und Begegnungen, sagten irgendwie alles darüber aus, was eine wirklich gelebte Partnerschaft bedeuten kann.

Das Leben hat Erika und mich weit weg von unserem Heimatdorf geführt, aber der Respekt vor den Wurzeln und unsere Mission sind uns gemeinsam geblieben. Unseren Kindern geben wir die Mehrsprachigkeit weiter und das Bewusstsein dafür, dass es gut ist zu wissen, zu bewahren und zu lieben, woher wir kommen.
Heute sehe ich auch den Ursprung des Namens WegZeichen mit anderen Augen.
Nicht ich habe ihn gefunden.Vielmehr hat er mich gefunden.Damals im Jahr 1991, in Marktleugast.Jahrzehnte später wurde dies der Name jener Plattform WegZeichen, auf der ich ungarndeutsche Frauengeschichten, Schicksale und Erinnerungen sammle und weitergebe.
Darin lebt auch das geistige Erbe meiner im vergangenen Jahr verstorbenen Mutter weiter. Ihre lebenslange Forschungsarbeit und ihre Liebe zu ihrem Heimatdorf haben diese Mission inspiriert. Das Buch von Manfred Huhs und das Lebenswerk meiner Mutter fließen hier in mir zusammen und werden zu einem einzigen, hell leuchtenden Wegzeichen.
Was wir empfangen haben, reicht nicht aus, es nur zu bewahren. Man muss es auch weitergeben. Deshalb bin ich all jenen in Pilisszentiván und Marktleugast besonders dankbar, die seit 1988 daran gearbeitet haben – und heute noch arbeiten –, dass diese Verbindung lebendig bleibt.
Und ganz besonders Euch, lieber Manfred und liebe Hannelore.Unsere beiden kleinen Bücher gibt es heute noch.Genauso wie unsere Verbindung.
WegZeichen und Begegnungen.

Vielleicht lässt sich schöner gar nicht sagen, was uns die fast 40 Jährige offizielle Freundschaft zwischen Marktleugast und Pilisszentiván geschenkt hat.🩵

Eure
Veronika German

Foto: eigene und Frankenpost

Vor Kurzem stand ich vor dem Haus des Terrors in   und fotografierte ein originales Stück der  .Während ich dieses in Be...
13/08/2026

Vor Kurzem stand ich vor dem Haus des Terrors in und fotografierte ein originales Stück der .

Während ich dieses in Beton gegossene Stück Geschichte betrachtete, fragte ich mich, wie viele junge Menschen heute noch wirklich wissen, was es bedeutete, in einer geteilten Stadt, in einem geteilten Deutschland – oder vielmehr in einem geteilten Europa hinter dem Eisernen Vorhang – zu leben.

Am 13. August erinnern wir an den Beginn (1961) des Baus der Berliner Mauer.

Für viele ist sie heute nur noch ein Bild im Geschichtsbuch oder eine Sehenswürdigkeit in . Doch es gab eine Zeit, in der diese Mauer Familien trennte – Geschwister, Eltern und Kinder. Sie teilte nicht nur eine Stadt, sondern das Leben von Millionen Menschen.

Ich bin in einer ungarndeutschen Familie aufgewachsen. Von unseren vertriebenen Verwandten hörten wir viele Geschichten – über den Osten und den Westen, über Freiheit und über den Mangel an Freiheit.

Viele von uns nahmen damals an Jugend- und Aufbaulagern in der DDR teil, andere studierten dort an Universitäten. Als ich 1988 zum ersten Mal Berlin, Dresden und Leipzig besuchte und später – nach dem Fall der Mauer – erneut dorthin reiste, konnte ich mit eigenen Augen sehen, welche tiefen Spuren diese Mauer in einer Stadt hinterlassen hatte. Heute wissen wir, dass sie auch in den Seelen der Menschen lange weiterbestand.

Heute können wir uns in Europa frei bewegen. Oft erscheint uns selbstverständlich, wovon frühere Generationen nur träumen konnten: einfach in den Zug oder ins Auto zu steigen und Grenzen ohne Angst zu überqueren. Zu studieren, zu arbeiten, Freundschaften über Ländergrenzen hinweg zu schließen. Heute verbinden uns Brücken – nicht Mauern.

Vielleicht bedeutet Freiheit gar nicht, alles tun zu können.

Vielleicht bedeutet Freiheit vor allem, eine Wahl zu haben.

Die eigenen Gedanken frei aussprechen zu dürfen.

Die Menschen besuchen zu können, die man liebt.

Für eine Reise keine Genehmigung mehr zu brauchen.

Und nicht von einer Mauer bestimmen zu lassen, welchen Weg das eigene Leben nehmen darf.

Gerade deshalb ist das Erinnern so wichtig.

Nicht, um neue Mauern zwischen Menschen zu errichten, sondern damit wir nie vergessen, wie kostbar Freiheit ist.

Denn Mauern werden von Menschen gebaut – und nur Menschen können sie wieder einreißen.

Grüsse von Eure
Veronika German

Alles begann mit einer spontanen Reise in die Umgebung des Bodensees. Ich fuhr auf den süddeutschen Straßen, die Landsch...
10/08/2026

Alles begann mit einer spontanen Reise in die Umgebung des Bodensees. Ich fuhr auf den süddeutschen Straßen, die Landschaft zog am Fenster vorbei, als ich plötzlich auf das Schild Rastplatz Ziegler stieß. Es war nicht das erste Mal, dass ich dieses blaue Autobahnschild sah; schon vor Jahren war ich auf der A81 auf der Höhe von Rottenburg daran vorbeigefahren, und ich erinnere mich, wie aufgeregt ich meiner Mutter davon erzählt hatte. Denn auch sie ist eine geborene Ziegler, und sie ist Familienforscherin gewesen.
Damals war ich auf dem Weg nach Schramberg im Schwarzwald, aus der einst so viele ungarndeutsche Familien aus Pilisvörösvár (Werischwar) stammten und wo ich selbst zehn Jahre lang als Außenhandelskauffrau für die Möbelwerke Arte M - Moser tätig war. Während ich das Lenkrad hielt, dachte ich darüber nach, was für seltsame, schicksalhafte Zufälle mich hier in Deutschland begleiten. Dieser Moment weckte in mir den Wunsch: Ich wollte endlich die ganze Wahrheit über unsere eigene Ziegler-Linie erfahren. Ich wollte wissen, woher wir kommen und wie weit meine Mutter, Ágota Ziegler, mit ihren Aufzeichnungen den Faden der Vergangenheit entwirren konnte. Als ich dann neugirieg ihre Account im FamilySearch öffnete, stockte mir vor Staunen der Atem.
Unser Stammbaum schien förmlich zu atmen und reichte bis ins Jahr 1595 zurück, in die Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg. Balthasar Ziegler wurde dort in den Bergen von Stetten (Stetten am Kalten Markt) geboren, gründete dort mit Barbara Eisenbarth eine Familie und lebte bis 1655 in diesem schwäbischen Nest. Sie hatten sieben Kinder. Unter ihnen fand ich auf der Linie eines Sohnes, Christian, jenen Michael Ziegler (geboren 1688 in Glashütten) und seine Frau Barbara Spanberger, die eines Tages alles abbrachen und nach Ungarn auswanderten. Michael verstarb schließlich 1737 in Pilisvörösvár.Diesen Namen kennen viele Familien in Pilisvörösvár und Pilisszentiván (Sankt Iwan), da sie zu den Ersten gehörten, die nach den Verwüstungen der Türkenkriege zur Zeit des Wiederaufbaus im Pilis-Becken ankamen. Darüber hat auch meine Mutter unzählige wertvolle Aufzeichnungen, und der Faden lässt sich direkt und lückenlos bis zu mir, zum Ziegler-Haus in Pilisszentiván, in die Welt der familieneigenen Ziegler -Sodawasserfabrik und der Bergwerke zurückverfolgen. Das ist unser festes, ungarndeutsches Fundament.
Doch mich faszinierte nun das Schicksal der anderen Zweige. Was wurde aus den anderen Kindern und Enkeln von Balthasar, die an der Weggabelung in Stetten geblieben waren?
Im Laufe meiner Forschung sah ich, dass ein Teil der Nachkommen von Christian später innerhalb des Pilis-Beckens in Richtung Dorog (Drog) und Leányvár (Lindenwar) weiterzog, dem Ruf der Kohlebergwerke folgend. Die Kinder von Christians Bruder, Simon, wagten sich jedoch viel weiter hinaus: Sie verließen die sicheren Täler rund um Stetten. Einer von ihnen, Frederick Fritz, landete auf der anderen Seite des Ozeans, im nordamerikanischen Orangeburg in South Carolina, und seine Nachkommen leben dort noch heute unter dem Namen Siegler oder Zeigler.
Und auch der Zweig des dritten Bruders, des jüngeren Balthasar, hielt eine Überraschung bereit: Seine Tochter Maria landete mit ihrem Ehemann, Andreas Schredl, ebenfalls in Pilisvörösvár. Das bedeutet, dass von den drei Söhnen die Kinder von zweien nach Osten, nach Ungarn, gingen, während ein Sohn von Simon die Richtung nach Amerika einschlug.
Doch ein weiterer Sohn auf Simons Linie, Franz Xaver, blieb zwar in Stetten, aber dessen Enkel, Andreas Ziegler, und seine Frau, Magdalena Schneider, machten sich ebenfalls auf den Weg. Ihre Kinder begannen ihr Leben um 1760 im Süden des historischen Ungarns, in der Region Batschka, in Hodschag (Hódság), und später wurde das schwäbische Nest Karawukowo (Bácsordas) ihr Zuhause, wo ihre acht Kinder aufwuchsen. Dieser Zweig hielt für mich die ergreifendsten Geheimnisse bereit. Es ist schwer vorstellbar, was diese Menschen in den folgenden stürmischen Jahrhunderten alles durchmachen mussten.
Aus dem schwäbischen Nest in Karawukowo riss die Geschichte die Familie in den folgenden drei Generationen unbarmherzig auseinander. Um die Zeit des Ersten Weltkriegs floh ein Teil der Nachkommen vor der wirtschaftlichen Not ins nordamerikanische Milwaukee. Nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs, den Partisanenlagern und der vollständigen Vertreibung fand eine andere Gruppe von Überlebenden Zieglers schließlich im tropischen São Paulo in Brasilien eine neue Heimat.
Am Ende des allerletzten Zweiges schliesst sich der Kreis schließlich mit einem Balthasar Ziegler.
Er verstarb 2021 in São Paulo.Als ich seine Daten sah, verschmolzen die zwei Welten endgültig in meinem Kopf. Sein Vater, Peter Ziegler, wurde noch 1901 im batschkaischen Karawukowo geboren. Genau so und genau in demselben Dorf wie einer seiner Cousins, der dort 1899 das Licht der Welt erblickte, aber am Ende seines Lebens im frostigen, nördlichen Milwaukee seine Augen für immer schloss.
Zwei Cousins, die als Kinder auf demselben batschkaischen Hof spielten, doch der Sturm der Geschichte warf den Zweig des einen in die nordamerikanischen Fabrikstädte und den des anderen unter die südamerikanischen Palmen. Und am Ende des brasilianischen Zweiges stand er: der letzte Balthasar, der 2021 starb und den Namen des Stammvaters von 1595 aus Stetten an die Schwelle unserer Gegenwart zurückbrachte.

„Reise der Seelen“ – Die Reise der Seelen. Dies wird ein Ausschnitt aus meinem bald erscheinenden Buch sein… über meine Familie, meine Vorfahren, über die große Verwandtschaft, die schlichtweg alles überlebt hat und deren Blut und Name in jedem Winkel der Welt pulsiert – um uns daran zu erinnern, dass die Reise der Seelen niemals endet. Im Buch werden auch die alten Familienfotos von Balthasar und Peter Ziegler direkt aus dem Archiv von FamilySearch ihren Platz finden, die diesen Schicksalen ein Gesicht geben. Ich hoffe von ganzem Herzen, dass dieser Artikel eines Tages auch ihre fernen Nachkommen auf der anderen Seite der Welt erreicht – jene Verwandten, mit denen wir uns die Wurzeln desselben gewaltigen, stettener Weltbaumes teilen.

Liebe Grüsse
Eure
Veronika German

  Zum ersten Mal war ich 1992 am  .Gerade hatte ich mein Abitur gemacht, als meine Großmutter mir eine kleine Anzeige au...
08/08/2026



Zum ersten Mal war ich 1992 am .

Gerade hatte ich mein Abitur gemacht, als meine Großmutter mir eine kleine Anzeige aus der Neuen Zeitung vorlegte. Eine Obstbauernfamilie mit drei Kindern in der Nähe von Ravensburg suchte ein Au-pair-Mädchen aus Ungarn.

Ich musste nicht lange überlegen. Ich bewarb mich – und kurze Zeit später saß ich tatsächlich im ersten Zug Richtung Deutschland.
Heute mag all das selbstverständlich erscheinen. Junge Menschen studieren im Ausland, buchen innerhalb weniger Minuten eine Reise, bleiben über ihr Handy ständig mit Familie und Freunden zu Hause in Verbindung und bewegen sich ganz selbstverständlich durch Europa.
1992 war das noch eine ganz andere Welt.
Die politische Wende lag erst wenige Jahre zurück. Für meine Generation öffnete sich plötzlich ein Europa, das für unsere Eltern und Großeltern jahrzehntelang durch Grenzen geteilt gewesen war. Als junge Frau aus Ungarn allein nach Westdeutschland aufzubrechen, bedeutete deshalb weit mehr als einen Aufenthalt als Au-pair. Es bedeutete Freiheit und Neugier – aber auch Mut. Es gab kein Handy, kein Internet, keine sozialen Medien. Man konnte nicht mit ein paar Klicks nachsehen, wie die Familie lebte, wie das Haus oder die Gegend aussah, in die man reisen würde.
Man stieg in den Zug – mit einem Koffer, einer Adresse und sehr viel Vertrauen.
Und genau hier spielte die Neue Zeitung eine besondere Rolle.
Lange bevor digitale Netzwerke Teil unseres Alltags wurden, war die Neue Zeitung bereits selbst eine Art Netzwerk. Sie verband Menschen miteinander, vermittelte Nachrichten und Informationen innerhalb der ungarndeutschen Gemeinschaft und öffnete manchmal ganz konkrete Türen über Landesgrenzen hinweg.
Auch meine Geschichte begann auf diese Weise.
Dass jene Anzeige überhaupt in der Neuen Zeitung erschien, verdankte ich indirekt einer jungen Frau Harton Véh Angéla aus Bácsalmás, ebenfalls ungarndeutscher Herkunft, die bereits zuvor bei dieser Familie gearbeitet hatte. Sie empfahl meinen späteren Gastgebern, in der Neue Zeitung Ungarndeutsches Wochenblatt nach einem weiteren Au-pair aus Ungarn zu suchen.
Und dann war da meine Großmutter, die diese kleine Anzeige entdeckte und mir die Zeitung einfach hinlegte.
Zwei Frauen, eine Zeitungsanzeige – und plötzlich lag Ravensburg vor mir.
Damals ahnte ich noch nicht, wie sehr diese Entscheidung mein weiteres Leben prägen würde.
Während meiner Zeit in Ravensburg besuchte ich als Gasthörerin die Pädagogische Hochschule Weingarten. In Friedrichshafen nahm ich zusätzlich an Kursen im Bereich Hotelfach und Hauswirtschaft teil. Gleichzeitig war ich eng in den Alltag meiner Gastfamilie eingebunden und half auch in verschiedenen Gaststätten aus. So lernte ich viele Menschen kennen und bekam einen unmittelbaren Einblick in das Leben der Region.
Meine Gastfamilie betrieb Obstbau, Obsthandel und einen Getränkegroßhandel und war außerdem aktiv in der örtlichen Musikkapelle So wurde aus einem zunächst völlig fremden Ort sehr schnell ein zweites Zuhause.
Vielleicht half mir dabei auch meine ungarndeutsche Herkunft. Ich erzählte immer mit Stolz davon, dass ich aus einer schwäbischen Familie in Ungarn stamme. Meine Deutschkenntnisse und diese kulturelle Verbundenheit erleichterten mir das Ankommen. Ich war eine junge Frau aus Ungarn – und gleichzeitig gab es etwas Gemeinsames und Vertrautes, das mich mit den Menschen dort verband.
Später vermittelte ich selbst mehrere junge Menschen aus Ungarn als Au-pair zu dieser Familie. Einige von ihnen kamen ebenfalls aus ungarndeutschen Familien und brachten bereits deutsche Sprachkenntnisse mit. In Deutschland konnten sie ihre Sprachkenntnisse weiter verbessern, Selbstständigkeit und Selbstvertrauen gewinnen und Erfahrungen sammeln, die sie auch auf ihrem späteren Lebensweg begleiteten.
So wurde aus einer einzigen kleinen Zeitungsanzeige etwas, das weit über meinen eigenen Aufenthalt in Deutschland hinausging.
Und auch die junge Frau aus Bácsalmás, mit der diese Geschichte eigentlich begonnen hatte, verschwand nicht aus meinem Leben. Unsere Freundschaft besteht bis heute – mehr als drei Jahrzehnte später.
Gestern führte mich nun eine völlig ungeplante, spontane Reise wieder an den Bodensee. Von Meersburg bis Lindau fuhren wir am See entlang, und mit fast jedem Kilometer kamen weitere Erinnerungen zurück.
34 Jahre.
Als ich auf den Bodensee blickte, dachte ich an die junge Frau von damals, die mit einem Koffer in einen Zug stieg und keine Ahnung hatte, was sie am Ende der Reise erwarten würde.
Und ich dachte an meine Großmutter, die mir damals einfach eine Zeitung auf den Tisch gelegt hatte.
Vielleicht liegt gerade darin die besondere Kraft einer Zeitung wie der Neuen Zeitung: Sie bewahrt und erzählt nicht nur unsere Geschichten.
Manchmal trägt sie auch dazu bei, dass diese Geschichten überhaupt erst entstehen.

Meine begann 1992 mit einer kleinen Anzeige🙏

Liebe Grüsse
Eure
Veronika German

🩵

Német Nemzetiségi Önkormányzat Pilisszentiván
29/07/2026

Német Nemzetiségi Önkormányzat Pilisszentiván

„Das schwäbische Abenteuer in Berkina – ein spielerisches Entdeckerheft für Kinder. Mit großer Freude arbeite ich derzei...
27/07/2026

„Das schwäbische Abenteuer in Berkina – ein spielerisches Entdeckerheft für Kinder.

Mit großer Freude arbeite ich derzeit an einem neuen Projekt, das mir besonders am Herzen liegt.

Ich bin überzeugt: Geschichte wird dann lebendig, wenn Kinder sie selbst entdecken dürfen. Nicht nur durch Bücher, sondern indem sie beobachten, fragen, spielen und dabei Schritt für Schritt die Geschichten ihres Heimatortes kennenlernen - Zweischprachig .

Genau deshalb entsteht das „Schwäbische Abenteuer in Berkina“ (Berkenyei Sváb Kaland).

Durch das Heft begleiten die Kinder Anna und János, zwei schwäbische Kinder. Gemeinsam besuchen sie die schönsten und bedeutendsten Orte des Dorfes: die Kirche, den Nepomuk-Denkmal und den Brunnen, das Dorfmuseum, die grosse Treppe bei der Kirche, das Gemeindewappen und viele weitere Stationen. Jede erzählt ihre eigene Geschichte – über die Geschichte des Dorfes, über schwäbische Traditionen und darüber, was Berkenye bis heute so besonders macht.

Dieses Heft ist weit mehr als ein Arbeitsbuch.

Es ist eine kleine Zeitreise.

Es lädt Kinder dazu ein, ihre Heimat mit neuen Augen zu entdecken und stolz auf das kulturelle Erbe ihrer Vorfahren zu sein. Denn Identität entsteht dort, wo Geschichten weitererzählt werden – von Generation zu Generation.

Genau darin liegt auch die Idee von WegZeichen: Geschichten sichtbar zu machen, Erinnerungen zu bewahren und Brücken zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu bauen. Nicht nur die großen historischen Ereignisse, sondern auch die kleinen Geschichten unserer Dörfer und Familien verdienen es, weitererzählt zu werden.

Ich freue mich schon sehr darauf, euch bald die ersten fertigen Seiten die Kinder in dem nationalitäten Sommerlager (organisiert von Berkenyei Német Nemzetiségi Önkormányzat zu zeigen.

💙 Was meint ihr? Würdet ihr euch ähnliche Entdeckerhefte auch für andere schwäbische Dörfer wünschen?

Eure
Veronika German

Cím

Budapest
Budapest
2641

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