09/09/2026
Magie ist für mich Poesie. Eine Komposition, die mich im Herzen berührt. Ein Zusammenspiel besonderer Ingredienzen, die für sich allein unscheinbar wirken und die miteinander etwas entstehen lassen, das sich nicht immer erklären, aber tief in sich fühlen lässt.
Sie ist ein Abtauchen und ein Eintauchen. In die Tiefe des Bekannten, und auch in die Tiefe des Unbekannten. Ein Erinnern an etwas, das längst in uns liegt und das dennoch immer wieder neu entdeckt werden will. Es ist als würde man denselben Fluss zweimal betreten und ihn beide Male anders vorfinden.
Magie verbindet Vergangenes und Zukünftiges im Jetzt. Sie lässt mich zurückblicken, ohne im Vergangenen zu verweilen, und nach vorne schauen, ohne dem Morgen vorzugreifen. Der eigentliche Ort der Magie ist für mich immer dieser eine Augenblick, in dem ich ganz gegenwärtig bin.
Sie ist Lernen und Lehren im selben Moment.
Je länger ich diesen Weg gehe, desto deutlicher erkenne ich, dass Wissen niemals abgeschlossen ist. Jede Antwort öffnet eine weitere Tür, und hinter jeder vermeintlichen Gewissheit wartet ein neues Geheimnis.
Magie bedeutet auch, Dunkelheit und Licht anzunehmen. Nicht nur das Schöne, Leichte und Helle zu suchen, sondern bereit zu sein, dorthin zu schauen, wo es unbequem wird. In die eigenen Schatten. In Verlust und Wandel. In jene Räume des Lebens, die sich unserer Kontrolle entziehen. Auch dort wirkt etwas. Auch dort liegt Erkenntnis, oft sogar die, die uns am längsten trägt.
Magie ist Hingabe. Demut. Ein tiefes Ja zum Leben. Sie ist Achtsamkeit, Verantwortung und Mitgefühl, denn wer bewusst wirkt, trägt auch Verantwortung für sein Wirken. Für Worte, für Gedanken, für Entscheidungen und für das, was durch das eigene Tun in Bewegung gebracht wird.
Und sie ist für mich das Annehmen und Ausführen einer Auf-Gabe. Einer Aufgabe, die zugleich eine Gabe ist. Etwas, das uns gegeben wurde und das gerade deshalb nicht nur uns selbst gehört. Eine Fähigkeit, eine Wahrnehmung, ein Wissen, ein Ruf vielleicht, der irgendwann so deutlich wird, dass wir nicht mehr so tun können, als hätten wir ihn nicht gehört.
Magie ist einzigartig. Sie lässt sich nicht kopieren, nicht vollständig nach einer Anleitung erlernen. Man kann Wissen weitergeben, Wege zeigen, alte Überlieferungen bewahren, Rituale lehren, Erfahrungen teilen. Doch die ureigene Magie eines Menschen muss von ihm selbst entdeckt werden. Darin liegt eines ihrer größten Geheimnisse.
Sie offenbart sich nicht dem, der sie besitzen möchte. Sie öffnet sich dort, wo ein Mensch bereit ist, sich auf seinen eigenen Weg einzulassen. Hinzuhören. Wahrzunehmen. Zu lernen. Zu zweifeln. Wieder aufzustehen. Und mit jedem Schritt ein wenig tiefer zu erkennen, wer er selbst in diesem großen Geflecht des Lebens ist.
Für mich lebt Magie nicht nur in Ritualen, alten Büchern, Kräutern, Zeichen oder heiligen Orten. Sie lässt sich jederzeit und auf allen Ebenen wahrnehmen. Im Wandel der Jahreszeiten. Im Wind, der durch alte Bäume zieht. In einer Begegnung, einem Traum, einem Abschied, einem Neubeginn. Und manchmal in einem einzigen Augenblick, der äußerlich vollkommen unscheinbar, aber der dennoch etwas in uns für immer verändert.
Magie ist für mich kein Entkommen aus dieser Welt. Sie ist ein tieferes Eintreten in sie. Ein bewussteres Wahrnehmen des Sichtbaren und des Unsichtbaren, des Erklärbaren und dessen, was Geheimnis bleiben darf.
Und ja, Magie ist noch so vieles mehr, wofür Worte niemals ganz ausreichen werden. Nicht alles muss benannt werden. Manches darf erfahren werden. An manches darf sich erinnert werden, während anderes ein Geheimnis bleiben darf, dessen es sich lohnt, ein Leben lang zu lauschen und sich ihm vollends zu verschreiben.
Maria Solva ©