02/12/2025
Die Harfe als menschengemäßes Klanginstrument – Warum ich analog mit einem beweglichen Rechenschieber arbeite
Bei der Konstruktion meiner Harfen verlasse ich mich bewusst nicht auf digitale Berechnungsprogramme. Solche Systeme liefern zwar Zahlen, doch sie erzeugen eine Distanz zum eigentlichen Geschehen: zur materiellen Realität von Zugkraft, Dichte, Länge und Klang. Musik entsteht aber nicht im Virtuellen, sondern im präzisen Zusammenspiel realer Parameter.
Für die Berechnung der Saiten – Mensur, Durchmesser, Zugkraft, Tonhöhe, Frequenz und spezifische Dichte – verwende ich daher einen mechanischen, beweglichen Rechenschieber, mit dem ich die Saiten ganz speziell auf meine Harfen abstimme. Dieses analoge Werkzeug zeigt die mathematischen Relationen unmittelbar und übersichtlich: Wie verhält sich die Spannung zur Länge? Welche Dichte führt bei gleicher Tonhöhe zu welcher Zugkraft? Welche Materialwahl harmoniert mit der Tragfähigkeit der Decke?
Durch die direkte visuelle Überlagerung der Skalen entsteht ein Verständnis, das durch kein digitales Interface ersetzt werden kann. Man sieht, wie eine Veränderung an einem Parameter sofort die anderen verschiebt. Dieses „Begreifen im Raum“ ist für einen menschengemäßen Instrumentenbau entscheidend.
Computergestützte Berechnung mag exakt sein, aber sie entkoppelt von der sinnlich-technischen Wirklichkeit des Instruments. Ein analoges System hingegen zwingt zu Aufmerksamkeit, zu einer Art technischem Mitdenken, das den Klang im Voraus fühlbar macht. Die Saiten entstehen dadurch nicht als abstrakte Tabellenwerte, sondern als durchdachte, stimmige Elemente im Gesamtgefüge der Harfe.
Der Rechenschieber ist für mich daher kein nostalgisches Werkzeug, sondern ein präzises, bewusstes Instrument, das technische Exaktheit mit handwerklichem Verständnis verbindet.
Euer Harfenbauer der Silberstadt Schwaz,
Norbert Maier.