04/03/2026
Es freut uns sehr, dass auch das Nautilus - Fantasymagazin eine äußerst positive Rezension unseres Buches WILDE JAGD von Laird Barron veröffentlicht hat (siehe Link).
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BUCHTIPP
Der Jojomedia Verlag veröffentlicht in seiner Reihe CONTEMPORARY WEIRD zeitgenössische unheimliche Literatur. Den Auftakt macht WILDE JAGD, ein Erzählband mit Kurzgeschichten von Laird Barron. Viele der Erzählungen hängen lose zusammen.
CONTEMPORARY WEIRD präsentiert den Autor in Meisterklasse. „Weird“ bedeutet dabei nicht notwendigerweise Horror, sondern merkwürdig oder schräg. Die Weird-Fiction widmet sich dem Absonderlichen. Fließend gleitet Barron über von brutaler Nüchternheit, die bisweilen an Bukowski, dann wieder an den drastischen Stil Cormac McCarthys erinnert, zu surrealem Grauen. New Weird und realistischer Horror werden durchbrochen durch Zeit- und Realitätssprünge – von einem Slasher, der während eines Blizzards einen Apartmentkomplex massakriert, bis zum Zeltwochenende in der Wildnis, das in kosmischen Horror ausartet.
Dabei klärt Laird Barron seine Leserschaft oft nicht auf, sondern lässt sie mit Deutungen allein, ob es sich um Fieberträume, Alkoholdelirien, Psychosen oder eine „surreale Wirklichkeit“ handelt. Immer bleibt eine Tür offen. Hinter Serienkillern und rachsüchtigen Ehemännern könnte eine abgrundtief böse Kraft stehen, die wie ein schwarzes Loch Mordwahn ebenso gebiert wie aufsaugt.
Mehrere Geschichten kreisen um ein Gemetzel in Eagle Talon, einem gottverlassenen Ort im eisigen Alaska, dessen Bewohner alle in einem sechsstöckigen Gebäude wohnen. Die Antiheldin Jessica Mace, die in der Anfangsgeschichte Bekanntschaft mit einem auf einer Gauklergruppe lastenden Fluch macht, überlebt diesen Serienmörder (ist es ein Mensch?) mit durchschnittener Kehle.
Barrons Stories sind wie ein Mosaik und gehören irgendwie zusammen. Mal erzählt Jessicas Erzfeindin aus der Highschool, ein sexuell unersättliches „White Trash Girl“, mal Jessica selbst in unterschiedlichen Phasen ihres Lebens. Dieses Mosaik ist kein Puzzle, das es den Lesenden erleichtert, die Bausteine zusammenzufügen. Er lässt auf hohem Niveau offen, was wirklich passiert, und er bietet in Zeitsprüngen Optionen an, was sein könnte.
Geht es zum Beispiel bei der Suche nach einem Horror-Porno-Darsteller, der den Dracula-hörigen Renfield spielte, nur darum, dass der Auftraggeber erfahren will, was seine Ex-Frau in diesem Film getrieben hat? Oder ist der Schauspieler wirklich in die Wildnis gegangen, um die Quelle eines kosmischen Bösen zu finden? Die Perspektiven wechseln ebenso abrupt wie die Zeiten.
Hier zeigt Barron eine hohe Kunst, denn diese Wechsel beginnen mit einem Flugzeugabsturz im arktischen Alaska, mit Überleben, mit dem Aufzehren der physischen und psychischen Reserven und mit Halluzinationen. Barron erzählt so, wie es vermutlich jemand erlebt, der diesen psychischen Ausnahmezuständen ausgeliefert ist.
Durch diese Realitätssprünge sind auch Handlungen der Charaktere kaum einzuordnen. Nicht, weil Barron diffus schreibt – im Gegenteil. Sondern weil er sie agieren lässt, ohne aufzulösen, was Einbildung ist. Er beherrscht das Unheimliche, und unheimlich sind hier keine billigen Effekte mit Blut, Körperteilen und Kettensägen – obwohl Barron Gore-Elemente genüsslich zitiert.
Ebenso zeigt er seine Leidenschaft für Pulp Fiction, Western und die Hardboiled Detective Novel. Moralische Mehrdeutigkeit und eine düster-verdorbene Grundstimmung zeichnen auch die „edleren“ seiner Charaktere aus. Sie agieren in dunkelgrauen Zonen, hinter denen sich bodenlose Schwärze öffnet.
Wir sprechen von Horror zwar als literarischem Genre, doch Horror ist erst einmal eine Empfindung: Im Lateinischen bedeutet das Wort Schauder, Grausen oder Entsetzen. Shirley Jacksons THE HAUNTING OF HILL HOUSE ist ein Meisterwerk der Horrorliteratur, ganz ohne körperliche Gewalt. Die JACK RYAN-Romane von Tom Clancy sind hingegen kein Horror, obwohl sie von körperlicher Gewalt durchzogen sind. Zeit- und Realitätsbrüche bei psychisch angeknacksten Charakteren nutzt Barron als Technik, um bei Leserinnen und Lesern einen Wesenskern des Horrors auszulösen: Verstörung.
Diese Geschichten brauchen Zeit, um gelesen zu werden, und oft muss man zurückblättern und sie zwei- oder dreimal lesen. WILDE JAGD ist ein surrealer Albtraum auf hohem literarischem Niveau. Wer unheimliche Erzählungen mag, wird Laird Barron genießen.
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