24/12/2022
Liebe Leserinnen und Leser,
Ein schwieriges Jahr geht zu Ende. Krieg, Flucht, extremes Wetter und wirtschaftliche Turbulenzen haben vieles, dass wir früher für selbstverständlich gehalten haben, unter Prüfung gesetzt. Solidarität, Humanismus, Verantwortung klingen jetzt nicht wie abstrakte Kategorien, sondern wie brennende Herausforderungen.
Kann Literatur uns helfen eine Orientierung zu finden? Braucht man die Bücher überhaupt wenn einige hundert Kilometer von uns entfernt Menschen unter Bomben ausharren? Muss man manche, vorher als unbestritten geglaubte, literarische Kanonen neu bewerten?
Diese Fragen sind schwer zu beantworten. Es steht aber fest - die Macht des Wortes, das vom Herz zu Herz gerichtet ist, ist nach wie vor stark. Das Wort kann heilen und verletzen, Hoffnung geben oder zum Nichtstun motivieren. Unzählige Gigabytes von Haß und Lügen wandern durch das Internet - man muss achtsam sein um nicht in diese Spirale von Vernichtung reingezogen zu werden.
In russischen Buchhandlungen sind in letzter Zeit viele Bücher in undurchsichtigen Hüllen ausgestellt. Es handelt sich um Autoren und Werke die von der Politik als unerwünscht deklariert wurden. Ausgerechnet Autoren und Autorinnen welche von dem Publikum sehr beliebt und gern gelesen werden- Ludmilla Ulizkaja, Wladimir Sorokin, Boris Akunin und viele andere. Das ist bedruckend und gleichzeitig gibt Grund zur Hoffnung - die sind da und sind nach wie vor gefragt.
Es liegt an uns allen zu wählen was wir lesen und hören, wir sind frei zu hinterfragen und zweifeln. Es gibt aber einen sicheren Lotse, der hilft und niemand hat es besser als Alexander Puschkin formuliert:
„И долго буду тем любезен я народу,
Что чувства добрые я лирой пробуждал,
Что в мой жестокий век восславил я Свободу
И милость к павшим призывал“
Und lange wird vom Volk mir Liebe noch erwiesen,
Weil mein Gesang erweckt Gefühle echt und tief.
Weil ich in grauser Zeit die Freiheit kühn gepriesen
Und Gnade für Gestürzte rief.
Ich wünsche ihnen alles Gute zum Weihnachten, Kraft und Hoffnung in neuem Jahr
Ihre Margarita Borovleva