22/05/2026
Die Anarchie der zweiten Kassa
Es ist kurz nach 17 Uhr, die schlimmstmögliche Zeit, um einzukaufen, die Schlange vor mir endlos. Ich stelle mir die Sinnfrage, ob es das alles wert ist für den einen Liter Milch, den ich in der Hand halte. Verzweifelte Blicke werden in die Runde geworfen, ärgerliche Kommentare über die unzumutbare Situation geschnaubt.
Tatsächlich scheinen die Beschwerden Früchte zu tragen: Eine Frau in der Dienstkleidung des Supermarktes geht an uns vorbei, das muss sie sein, die ersehnte Rettung. Doch in letzter Sekunde biegt sie ab, weg von der geschlossenen Kassa hin zu der Kollegin, die am einzig geöffneten Förderband sitzt. Die beiden sprechen über irgendetwas, wodurch das Prozedere noch weiter ins Stocken gerät.
Das Personal scheint die Situation auf eine sadistische Art zu genießen. “Wenn wir hier den ganzen Tag verbringen müssen, dann werdet ihr die paar Minuten auch aushalten” lautet die Devise. Irgendwie habe ich doch noch die Hoffnung, dass nach dem vollzogenen Plausch eine Kasse geöffnet wird, doch gerade beendet die Kollegin mit einem Lachen das Gespräch und spaziert zurück zur Feinkosttheke.
Mittlerweile ist die Unruhe greifbar, doch keiner will den rettenden Schrei loslassen. Im vornehmen Hietzing wird nur selten nach der zweiten Kassa gerufen. Das liegt nicht daran, dass die Hietzinger besonders geduldig wären. Ganz im Gegenteil, die heimische Villa ruft und die noblen Einwohner des Bezirkes empfinden es als Zumutung, sich in einer Warteschlange eingereiht die Füße in den Bauch stehen zu müssen. Die Blöße, laut durch das Geschäft zu schreien, will sich dennoch nur selten jemand geben.
Derart vor mich hin sinnierend hatte ich die Hoffnung bereits aufgegeben, als endlich ein Herr mit fast entschuldigender Stimme sein Recht einfordert: “Zweite Kassa, bitte”.
An dieser Stelle ein kurzer Einschub: Es soll in dieser Geschichte nicht zum x-ten Mal die Mär von der zweiten Kassa aufgewärmt werden. Ich möchte mich vielmehr auf das konzentrieren, was danach folgt.
Denn wer schon einmal in so einer Situation war weiß, was jetzt kommt: Wie zu Beginn eines Marathons begeben sich die Athleten in Ausgangsposition, bereit, sofort los zu sprinten, sobald das grüne Licht aufleuchtet. Denn in Wien ist es allseits akzeptierte Praxis, dass sobald eine zweite Kassa geöffnet wird, S***m und Gomorra ausbricht. Nicht etwa erhalten die schon länger Anstehenden den Vortritt in der neu geschaffene Situation, es wird jegliche Etikette fallen gelassen.
Vor uns liegen drei geschlossene Kassen, niemand weiss, welche von ihnen sich in wenigen Sekunden auf magische Weise öffnen wird. Es hilft nur, abzuwarten und nicht die Nerven zu verlieren. Dann kommt sie, die Mitarbeiterin von vorhin. Gleich wird es losgehen.
Plötzlich erscheint hinter dem Kühlregal hervorschießend eine neue Wettkampfteilnehmerin, eine ältere Dame mit randvollen Einkaufswagen. Zielstrebig geht sie auf die noch geschlossenen Kassen zu. Doch heute nicht. Verzweifelt mache ich einen Ausfallschritt zur Seite und schneide der alten Frau den Weg ab, so dass sie eine Vollbremsung mit ihrem Wagerl hinlegen muss.
Wie im Casino setze ich alles auf eine Karte und renne zu Kassa drei, bei der das Licht noch dunkel ist, aber ich bin sicher, dass ich am richtigen Ort bin und beginne, meine Sachen aufs Förderband zu legen. Doch dann passiert das Schreckliche.
Die Mitarbeiterin, völlig unbeeindruckt von meinem Tatendrang, geht an mir vorbei, und öffnet Kassa vier, ganz im Eck. Machtlos muss ich mitansehen, wie Kunde um Kunde, neue, alte, es ist pure Anarchie, an der gerade geöffneten Kassa drankommen, während ich mich ganz hinten anstellen muss und beschließe, ab jetzt Online-Shopping zu machen.