05/07/2026
Der Spritz, auch Sprizz oder Veneziano, ist ein Mixgetränk aus Prosecco oder Weisswein und Mineralwasser und einem Likör. Er ist seit 1920 in Venedig und Venetien, im Friaul und in Trentino-Südtirol beliebt, wird aber mittlerweile weltweit angeboten.
Der Likör hat einen Alkoholgehalt von 11 % und seine Hauptbestandteile sind Rhabarber, Chinarinde, Gelber Enzian, Bitterorange und aromatische Kräuter.
Die Genialität seiner Zusammensetzung dürfte den Massen, die ihn konsumieren, unbekannt sein. Beim Sprizz verflacht sich diese Mischung aus der Zeit der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts ins Banale – die Banalität des Oberflächlichen. Man streckt einen würzig-nachdenklichen Likör zu Fusel und benimmt sich ähnlich dem Dealer, der sein He**in streckt.
Wenn ich von meinem Fenster aus hinunter schaue, es ist Aperozeit, eigentlich ist immer Aperozeit, sehe ich, dass der Aperol Sprizz hier in der Weinbaugemeinde zur Pflicht geworden ist. Zur Gewohnheit, zur Gedankenlosigkeit, und eben zur Oberflächlichkeit. Zum ersten Mal habe ich so einen in Venedig, also am Rand von Venedig, Autos fuhren herum, eine Buslinie, in so einer Kiosk-Bar mit Lottolosen und anderen dem Alltag nützlichen Gegenständen, getrunken. Für 80 Cent. Auf einer Tafel wurde er angeboten: Aperol Sprizz, 80 Cents oder so. Ich bestellte ihn in der Annahme, dass die Einheimischen, solche gab es da, unweit davon standen Plattenbauten für die arbeitende Bevölkerung, ihn auch regelmässig trinken würden. Dass es das hiesige, kulturgemässe Getränk sei. Etwa 10 Jahre später feierte ihn in meiner Umgebung der Kinder-Zirkusdirektor H.P. als grosse Entdeckung, und heute ist er, der Aperol Sprizz so penetrant zugegen wie Coca Cola. Nur das Restproletariat ist beim Bier geblieben. Weltweit wurden laut Statistik im Jahr 2022 stolze 8,8 Millionen Kisten mit je 9 l Inhalt verkauft. Da unter meinem Fenster kostet er 12 Franken und der Negroni macht ihm gerade Konkurrenz, 15 Franken. Ein Dutzend andere von Hugo über Americano siechen auf der Karte vor sich hin.
Wir trinken ihn gerne draussen, es ist brütend heiß. Immer sind da auch Eiswürfel drin. Zum An-Denken an unsere schmelzenden Gletscher. Wir nehmen einen Schluck und schauen dem Schmelzen zu. Die Farbe des Sprizz vermischt sich mit jener des Sonnenuntergangs über dem nahen Gonzen. Gletscher unsere? Ja, unsere, sie sind ja Gemeingut. Sie gehören der Gemeinde oder dem Kanton, vielleicht gibt es da und dort, im Wallis oder Graubünden, auch eine Alpgenossenschaft, welche vielleicht ein Gletscherlein besitzt.
Eines ist sicher, der Aperol Sprizz wird sie wohl überleben. Möglicherweise werden meine Enkel im Alter ihn ohne Eiswürfel trinken. Das war jetzt etwas moralisch.