27/12/2025
Matthias ist da ohne Niederlage durchmarschiert! Ein Schritt, es wäre wieder ein historischer, trennt ihn jetzt noch vom WM-Match Ende 2026. Geholfen hat ihm, dass er lange nicht ernsthaft daran glaubte, WM-Kandidat werden zu können. Erst als er beim Grand Swiss das große Ziel unmittelbar vor Augen hatte, ließ sich nicht mehr leugnen, was auf dem Spiel steht. Und das Nervenflattern setzte ein. Unter anderem davon berichtet Matthias heute im Perlen-Interview.
Am Ende eines jeden Jahres legen die Perlen den Lesenden einen besonderen und in der Regel überlangen Riemen unter den Baum, meistens ein Interview, weil das meine liebste Form ist. Am 24. Dezember 2023 zum Beispiel kam am Bodensee ausführlich unser Bundestrainer zu Wort. "Das deutsche Schach ist nicht nur Vincent", erklärte Jan Gustafsson seinerzeit. Prophetisch!
Heute erklärt uns Matthias, wie er den Berg zu besteigen gedenkt, vor dem er jetzt steht. Wir blicken auch zurück und reden über die Dankbarkeit, die der Doppeleuropameister seinen Eltern gegenüber empfindet. In Lemgo sind sie stolz wie Bolle auf ihren hochbegabten Junior - und haben Anlass, sich selbst auf die Schulter zu klopfen. Als die Familie damals Klein-Matthias ermöglicht hat, sich bei Jugend-Europa- und -Weltmeisterschaften zu stählen, war das erstmal ausschließlich eine teure Angelegenheit. Anreise, Abreise, zwei Wochen im Hotel, "das kostet richtig Geld", sagt Matthias. Und stellt fest: "Materiell gibt es nichts zurück."
Wenn du in Usbekistan oder Indien beim Schach etwas reißt, dann lädt dich der Staatspräsident ein, und du bekommst mal eine Luxuslimousine, mal ein Apartment. Matthias ist noch nicht einmal von der Bielefelder Oberbürgermeisterin zum Pickertessen eingeladen worden. Natürlich habe ich ihn nach dem Standortnachteil gefragt, mit dem sich Profis aus Deutschland arrangieren müssen.
Eigentlich wollte ich ihn alles fragen, aber eines habe ich zu spät erfahren, eines vergessen und mir noch dazu an einer Stelle auf die Zunge gebissen, beim Crowdfunding nämlich. Da qualifiziert sich nach 40 Jahren wieder jemand aus der drittgrößten Wirtschaftsnation der Welt (nach BIP) für die WM-Endausscheidung, und wir müssen trotzdem öffentlich betteln gehen, um ihm eine adäquate Vorbereitung zu finanzieren.
Matthias wird beim Kandidatenturnier auch einen Verband repräsentieren, der noch längst nicht geschlossen hinter seinen Profis steht, einen Verband, der in zwei Disziplinen Weltklasse ist: Geld aus dem Fenster werfen und Geld nicht wollen, das hereinkommen könnte. Mich freut, dass mehr als 20.000 Euro Spenden für Matthias zusammengekommen sind, und mich stört, dass die Schäfchen vom Schach einmal mehr keine Fragen stellen. In diesen Komplex hab' ich nur kurz reingepiekst. Matthias ist nicht derjenige, der dazu Antworten geben muss.
Wie es kam, dass ihn jetzt eine französische Haarpflegefirma sponsert, wüsste ich gern genauer, aber das Sponsoring hat sich mir erst nach unserem Gespräch offenbart. Über GeoGuessr, das er gerne guckt (spielt auch?), wollte ich mit ihm reden. Habe ich leider verschwitzt.
Das holen wir beim nächsten Interview nach: vor dem WM-Kampf Ende 2026.