14/10/2021
Glänzende Helme, straffe Uniformen, Spielmannsmusik Fackelschein und Hackenschlag. Das Ganze vor der Kulisse des Reichstags oder auf dem Gelände des Bendlerblocks.
Ist das noch zeitgemäß?
Wovon rede ich? Vom höchsten Zeremoniell der Bundeswehr, dem Großen Zapfenstreich.
Der große Zapfenstreich hat seine Ursprünge im 16. Jahrhundert als den Landsknechten der (Schank)Zapfen gestrichen (also der Bierausschank gestoppt) und damit die "Schlafenszeit" eingeläutet wurde. Seit dem 12. Mai 1838 wird der Große Zapfenstreich als höchstes militärisches Zeremoniell in der heutigen Form mit Serenade und Gebet aufgeführt. 1922 wurde als einzige Änderung zum Abschluss des Zeremoniells die deutsche Nationalhymne eingefügt.
Warum schreibe ich das alles? Weil ich es faszinierend finde, dass eine 183 Jahre alte Tradition verteufelt und nazifiziert wird, weil sich gestörte, kranke und größenwahnsinnige Elemente der Deutschen Geschichte 12 Jahre lang dieser Elemente bedient haben. Eine fast zweihundertjährige Tradition und eine noch um viele hundert Jahre ältere Geschichte zerstört wegen 12 Jahren???
Oder sind es eher die fast pathologisch falsch verknüpften Synapsen von Leuten, die überall das Böse sehen und glauben die Geschichte durch Verdrängung zu verarbeiten.
Entfernt man preußische Denkmäler, schwubs ist die Kolonialzeit nicht mehr existent.
Entfernt man Worte wie N***r, N***rkuss, Zigeunersoße, Mohr o.ä. aus der Sprache, schwubs gibt es keinen Rassismus mehr und entfernt man das Militär, schwubs sind die Kriege verschwunden. Und so weiter und so weiter und so weiter...
Versteht mich nicht falsch, wenn all das funktionieren würde, wäre ich sofort dabei, aber das tut es nicht. Nur wenn ich mich aktiv mit der Geschichte, dem Rassismus oder Kriegen auseinander setzen, nur dann kann ich etwas verändern und nur dann kann ich meiner Verpflichtung/Verantwortung nachkommen und verhindern, dass sich etwas schlechtes wiederholt. Dafür muss die Geschichte aber präsent bleiben und darf nicht verschwinden.
Und im Fall des Großen Zapfenstreichs heißt das, wir müssen das große Ganze sehen und dürfen nicht nur die 12 finsteren Jahre sehen. Denn sind wir ehrlich. Nicht die glänzenden Helme und der Fackelschein haben den Völkermord verursacht, sondern Menschen mit falschen und perversen Lebenseinstellungen, die von Angst, Hass, Neid und Missgunst getrieben waren. Und genau diese Strömungen gibt es heute auch, leider viel zu viele. Aber das liegt nicht an den Fackelträgern einer parlamentarischen Armee und Spielmannszug Melodien. Sondern an uns allen. Warum? Weil wir es nicht verhindern, weil wir nicht entschlossen genug dagegen ankämpfen.
Also...nicht der Große Zapfenstreich ist das Problem und auch nicht die Uniformen, Helme oder Fackeln...das Problem ist, dass viele zu kurzsichtig, zu oberflächlich oder zu einfach strukturiert an diese Betrachtung herantreten.
Lasst uns doch lieber den rechten Strömungen, der Angst, dem Hass, dem Neid und der Missgunst entgegen wirken.
Und lassen wir den Großen Zapfenstreichs das sein, was er ist, die größte Ehrbezeugung, die die Bundeswehr als parlamentarische Armee einer grundsoliden Demokratie (neben dem Begräbnis mit militärischen Ehren) erweisen kann.
Herzlichst euer
Björn Moldenhauer