13/07/2026
YESTERYEAR von Caro Claire Burke. - Selbst gekauftes Exemplar, englische Ausgabe -
Die Trecks sind längst weitergezogen. Gefühlt jeder hat Yesteryear bereits gelesen, jeder hat seine Meinung dazu. Ich auch.
Die Geschichte des Romans ist in einem Satz erzählt: Natalie Heller Mills wird Tradwife-Influencerin und wacht eines Tages im Jahr 1855 in genau dem Leben auf, das sie ihren Millionen Follower*innen als erstrebenswert verkaufen will.
Wie sie dort gelandet ist, das klärt sich erst kurz vor Schluss, ein Ende wie ein Fiebertraum. Bis dahin rätselt man als Leser*in: Wurde sie womöglich durch ihr eigenes Farmhaus dorthin transferiert, von dem der Innenarchitekt andeutungsreich sagte, er baue Natalie eine Zeitmaschine? Wurde sie entführt und wird jetzt mit all den negativen Seiten einer Vergangenheit konfrontiert, die sie auf ihrem Social Media-Kanal feiert?
Ich hatte viel Gutes über das Buch gehört. Dann hat mich direkt die Ich-Perspektive irritiert, aus der heraus Natalie in ihrer sarkastischen, fast schon bösartigen Art auf ihre Umwelt blickt – und teilweise auf sich selbst. Damit kommt man der Protagonistin näher, als einem lieb ist, versteht Hintergründe aus ihrer Familiengeschichte heraus. Und geht gleichzeitig ihrer Erzählstimme oft genug auf den Leim, wenn sie Geschehnisse aus ihrer Sicht beschreibt, die doch in Wirklichkeit ganz anders gewesen sind.
Genau darum geht es ja aber auch die meiste Zeit: um das „So-tun-als-ob“, um das Vorgaukeln einer heilen Welt, die so heile gar nicht ist. Diese Haltung entwickelt Natalie nicht erst als Influencerin. Schon die Mutter ist mit den beiden Töchtern aus der Heimatstadt weggezogen, als der Vater „von ihnen gegangen ist“. In Wirklichkeit ist er nicht gestorben, sondern hat seine Frau verlassen, als die ihn betrogen hat. Die Bürde eines Lebens als Alleinerziehende, mit Beruf und Hausarbeit, schafft die Mutter nur, weil sie sich selbst beim Staubsaugen vorstellt, sie würde vor einem Publikum „performen“, das sie begeistert anfeuert. Die Sehnsucht nach Bestätigung und Likes ist Natalie schon in die Wiege gelegt.
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