23/07/2026
"Ich bezahle doch keine Radwege in Peru!"
Ich kenn diesen Satz. Ich kenn die Haltung dahinter. Dieses Aufblähen der Brust, dieses Funkeln in den Augen, als hätte man gerade etwas Mutiges gesagt. Als wäre man der Einzige im Raum, der noch klar denkt. Der Einzige, dem das Geld nicht einfach so aus der Tasche gezogen werden kann, ohne dass er aufschreit.
Und ich sitz da und denke: Wann hast du zuletzt aufgeschrien?
Nicht wegen Peru. Wegen dir. Wegen dem, was täglich mit dir passiert, direkt vor deiner Nase, in deinem eigenen Betrieb, in deiner eigenen Lohnabrechnung, in deinem eigenen Leben – und worüber du schweigst, als wäre Schweigen eine Tugend.
Weil der Chef keine Überstunden bezahlt? Schweigen.
Weil der Kranke trotzdem kommen soll? Schweigen.
Weil der Lohn seit vier Jahren nicht gestiegen ist, die Miete aber schon? Schweigen.
Weil der Mann, der von deiner Arbeit lebt, sein drittes Haus kauft, während du dich fragst, ob du dir den Urlaub leisten kannst? Bewunderung. Echte, warme, aufrichtige Bewunderung. „Der hat's halt geschafft."
Das ist keine Naivität mehr. Das ist ein erlerntes Verhalten. Jahrzehnte lang eingeübt, von Medien, von Stammtischen, von Parteien, die Klassenbewusstsein als Neid verkaufen und Solidarität als Sozialismus diffamieren. Du hast gelernt, dich mit denen zu identifizieren, die dich ausbeuten – und denen zu misstrauen, die neben dir schuften.
Und dann kommt Peru.
Peru ist das Ventil. Peru ist der Moment, wo der aufgestaute Frust eine Richtung bekommt, die nichts kostet. Keine Konsequenzen. Kein Widerspruch vom Chef. Kein unangenehmes Gespräch. Einfach raus damit, laut, empört, selbstgerecht – und schon fühlt man sich wie jemand, der Haltung zeigt.
Nur: Es ist nicht deine Haltung. Es ist ihre.
Während das reichste Prozent in Deutschland laut Zahlen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung mehr Vermögen besitzt als die gesamte untere Hälfte der Bevölkerung zusammen – während Milliarden auf Konten und in Holdingstrukturen geparkt werden, die keinen einzigen Cent in den Wirtschaftskreislauf zurückgeben – während Erbschaft Vermögen reproduziert, das nie durch Arbeit entstanden ist – solange dreht sich die Empörung um Radwege.
Das ist kein Zufall. Das ist Methode.
Denn solange du auf die Entwicklungszusammenarbeit starrst, schaust du nicht hin, wenn Steuern ins Ausland verschoben werden. Solange du über den Bürgergeldempfänger redest, redest du nicht über den Unternehmer, der Löhne zahlt, die staatlich aufgestockt werden müssen – auf deine Kosten übrigens, nicht auf seine. Solange du Zwangsarbeit unter dem Deckmantel der Gemeinnützigkeit forderst für Menschen, die ohnehin schon am Rand stehen, findest du es vollkommen normal, dass jemand mit zwanzig Millionen auf dem Konto keinen müden Euro mehr zum Gemeinwesen beiträgt, als er juristisch gerade noch muss – und auch das oft genug nicht.
Den nennst du clever. Den nennst du erfolgreich. Den verteidigst du, als wäre sein Reichtum auch deiner.
Er ist es nicht.
Und jetzt kommt der Teil, über den wirklich niemand redet: Das ist Diebstahl. Nicht mit dem Messer. Nicht mit der Maske vor dem Gesicht. Mit dem Steuerberater. Mit der Briefkastenfirma in Luxemburg. Mit der Holdingstruktur, die so gebaut ist, dass am Ende niemand mehr greifbar ist. Kapital, das der Gesellschaft entzogen wird, die es erst möglich gemacht hat – durch Infrastruktur, durch Bildung, durch Rechtssicherheit, durch all das, wofür Menschen wie du jeden Monat einzahlen, ohne groß nachzufragen. Das Geld, das auf Konten verrottet, das in Stiftungskonstruktionen eingefroren wird, das durch Scheinfirmen und Dividendenmodelle dem Zugriff der Allgemeinheit entzogen wird – dieses Geld fehlt. Es fehlt in Schulen. Es fehlt in Krankenhäusern. Es fehlt in der Pflege. Es fehlt in den Löhnen, die gezahlt werden könnten, wenn Gewinne nicht so konsequent privatisiert und Verluste so zuverlässig sozialisiert würden.
Ich nenne das Diebstahl am Gemeinwohl. Und es ist der einzige Diebstahl in diesem Land, für den man keine Strafe bekommt – sondern einen Eintrag in der Forbes-Liste.
Das ist kein Naturgesetz. Das ist eine politische Entscheidung. Eine, die immer wieder neu getroffen wird – von Leuten, die sich das leisten können, und von Parteien, die von diesen Leuten finanziert werden.
Und du? Du sorgst dafür, dass das so bleibt. Nicht aus Überzeugung. Aus Gewohnheit. Aus Angst, als Neidhammel zu gelten. Aus dem tiefen, eintrainierten Reflex, bloß nicht aufzufallen, bloß nicht zu viel zu wollen, bloß dankbar zu sein für das, was man hat – auch wenn es zu wenig ist.
Ich nenn das, was hier passiert, beim Namen: Das ist Klassenpolitik von oben, ausgeführt von unten, finanziert mit dem Frust derer, die dabei am meisten verlieren.
Und Peru? Peru hat damit so wenig zu tun, dass es schon fast komisch wäre.
Wenn es nicht so verdammt traurig wäre.
QUELLEN
https://www.diw.de/de/diw_01.c.877798.de/publikationen/wochenberichte/2023_01_1/vermoegensteuer_und_ihre_auswirkungen_auf_den_kapitalstock.html
https://www.bpb.de/themen/wirtschaft/verteilung-von-armut-und-reichtum/
https://www.oxfam.de/unsere-arbeit/themen/ungleichheit
https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Standardartikel/Themen/Steuern/Steuerrecht/2021-03-16-steuervermeidung.html
https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/vermoegensverteilung-die-reichen-werden-reicher/
https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/entwicklungspolitik/was-ist-entwicklungszusammenarbeit-1884936
https://correctiv.org/aktuelles/wirtschaft/2021/06/08/superreiche-steuern-deutschland/