20/09/2026
Michael M. Seehoff über Renate Schmidgall und ihren Lyrikband »Kein Verlass auf Uhren und Gestirne«.
Seehoff hat Schmidgall gleich zweifach erlebt: als Leser ihres Debütbandes und als Zuhörer bei der 22. Stuttgarter Lyriknacht, wo sie vom Schriftstellerhaus vorgestellt wurde.
Bekannt wurde Schmidgall vor allem als Übersetzerin: Über fünfzig Werke polnischer Autoren hat sie ins Deutsche übertragen – von Paweł Huelle über Andrzej Stasiuk bis Adam Zagajewski. Nun, mit über sechzig, ist sie erstmals als Dichterin verlegt worden. Auf der Bühne verriet sie, dass sie seit den frühen 1990er Jahren Gedichte schreibt – nie in einer Schreibwerkstatt, sondern immer dann, »wenn mir etwas in den Sinn kam«, aus »ganz genauer Beobachtung auch ganz alltäglicher Dinge«. Die von ihr übersetzten polnischen Lyriker sehe sie als ihre Lehrmeister; sie fühle sich eher als »polnische Lyrikerin« denn als deutsche.
Genau diese Haltung präge auch die Gedichte, so Seehoff. Sie seien »wie Luken in die Welt«: aus Erinnerung und genauer Beobachtung geschöpft, das Poetische stets im Alltäglichen. Anders als manche »moderne Lyrik« verliere sich Schmidgall nie in Manierismen – sie benenne die Dinge beim Namen und reiße sie »aus dem chaotischen Strom der Zeit«. Tiefsinn und Klarheit, Heiterkeit und Melancholie hielten sich die Waage; oft wirke die Schlusszeile wie eine Konklusion, ganz im Geist des Haiku.
Bei der Lesung werde spürbar, so Seehoff, wie sehr diese Leichtigkeit und das Unprätentiöse tragen: »Die Gedichte entziehen sich dem Versuch, sie zu zerreden.« Und über das Verlegen mit über sechzig sagte Schmidgall selbst offen: »Es ist sehr schwer, einen Verlag zu finden.« Möglich wurde die Veröffentlichung durch Michael Krüger, der sie schon dreizehn Jahre zuvor verlegen wollte und nun das Nachwort beigesteuert hat.
Seehoffs Fazit: »Wer Gedichte wie dieses und viele andere verfassen kann, muss als große Lyrikerin gefeiert werden.«