27/08/2026
„Rebel Rebel“: Bowie zwischen Gewalt, Liebe und großer Bilderwucht
Mit „Rebel Rebel“ eröffnete Ivo Van Hove seine letzte Ruhrtriennale als Intendant – und kehrt zugleich in einen Kosmos zurück, der ihm besonders nahesteht. Zehn Jahre nach seiner Zusammenarbeit mit David Bowie bei „Lazarus“ entsteht in der ausverkauften Jahrhunderthalle Bochum kein klassisches Musical, sondern ein düsteres, körperliches und visuell überwältigendes Musiktheater über Gewalt, Isolation und die Widerstandskraft der Liebe.
Die Ausgangslage ist schnell erzählt: Die Gesellschaft ist zerfallen. Jugendgangs beherrschen die Straßen, Gewalt bestimmt das Zusammenleben, zwischenmenschliche Beziehungen sind verboten. Nähe wird zur Rebellion. Boy und Girl, gespielt von Diego Rodriguez und Ari Notartomaso, versuchen ihre Liebe gegen dieses System zu behaupten. Daniel Donskoy verkörpert den Gang Leader als Symbol der brutalen Ordnung.
Eine komplexe Handlung entwickelt sich daraus nicht. Die Geschichte bleibt bewusst einfach und dient vor allem als Rahmen für Bowies Songs und die großen Bilder des Abends. Wer eine stringent erzählte Geschichte erwartet, dürfte die Dramaturgie stellenweise als dünn empfinden. Wer sich auf Musik, Tanz und Bildsprache einlässt, erlebt dagegen einen Abend von enormer Intensität.
Eine Welt aus Gewalt und Untergang
Das Bühnenbild von Jan Versweyveld zeichnet eine zerstörte Welt. Container stehen wie Überreste einer untergegangenen Zivilisation auf der Bühne und gehen auf einer riesigen Videowand fast nahtlos in ihre digitalen Abbilder über. Feuer, zerbombte Hochhäuser, kosmische Bilder und Textfragmente aus Bowies Songs verstärken den Eindruck einer Gesellschaft am Abgrund.
An einigen Stellen fühlt man sich an eine eigentümliche Mischung aus „West Side Story“, „Starlight Express“ und einem Film von David Lynch erinnert. Rivalisierende Gruppen und stark choreografierte Bewegungen treffen auf eine düstere, traumartige Bildsprache. Besonders nahe liegt die Erinnerung an Lynchs „Lost Highway“ (1997): Dort erklingt Bowies „I’m Deranged“ bereits zu Beginn und später erneut am Ende beziehungsweise im Abspann. Der Song stammt vom Album 1. Outside von 1995. Diese Verbindung aus Bowie, urbaner Dunkelheit und surrealer Verunsicherung liegt auch über „Rebel Rebel“.
Deutlich sind zugleich die Bezüge zu Bowies Album „Diamond Dogs“ von 1974. Schon dort entwarf Bowie eine dystopische Zukunft, beeinflusst von George Orwells „1984“. In „Rebel Rebel“ wird daraus eine Welt, in der Menschen aufeinander einschlagen, mit Eisenstangen kämpfen und Körper über die Bühne geschleift werden.
Manche Bilder bewegen sich dabei nah am Spektakel um des Spektakels willen. Feuer, Gewalt, Müll, Projektionen und große Gesten werden mitunter so massiv übereinandergeschichtet, dass die Symbolik kaum Raum zum Atmen bekommt. Doch die enorme Energie des Ensembles verhindert, dass der Abend zum bloßen Bilderrausch wird.
Schauspiel, Gesang und Tanz auf Augenhöhe
Eine besondere Stärke des Abends liegt in der Vielseitigkeit der Darstellerinnen und Darsteller. Diego Rodriguez, Ari Notartomaso und Daniel Donskoy müssen ihre Figuren nicht nur schauspielerisch tragen, sondern sich zugleich in einen Abend einfügen, in dem Gesang, Tanz und körperliche Präsenz nahezu gleichberechtigt nebeneinanderstehen.
Besonders Ari Notartomaso bringt dafür reichlich Erfahrung mit. Bekannt wurde Notartomaso als Cynthia in der Paramount+-Musicalserie „Grease: Rise of the Pink Ladies“ und überzeugte dort bereits als Triple-Threat-Persönlichkeit aus Schauspiel, Gesang und Tanz. Auch in „Rebel Rebel“ zahlt sich diese Vielseitigkeit aus. Ari Notartomaso verkörpert Girl nicht nur stimmlich überzeugend, sondern mit einer starken körperlichen Präsenz, die sich mühelos in die Choreografien einfügt. Zusammen mit Diego Rodriguez entsteht so ein glaubwürdiges Zentrum des Abends, während Daniel Donskoy dem Gang Leader eine entsprechend bedrohliche Bühnenwirkung verleiht.
Der Tanz als eigentliche Sprache
Einen entscheidenden Anteil daran hat die Choreografie von Sidi Larbi Cherkaoui. Er übersetzt Gewalt, Angst, Nähe und Widerstand in eine körperliche Sprache aus zeitgenössischem Tanz, Hip-Hop, Akrobatik und beinahe schwerelosen Bewegungen.
Das Ensemble ist weit mehr als Hintergrund für die Hauptfiguren. Die Tänzerinnen und Tänzer bilden eine aggressive Masse, lösen sich wieder daraus, greifen einander an, tragen und werfen sich durch den Raum. Gerade die Übergänge zwischen Gewalt und Zärtlichkeit gehören zu den stärksten Momenten.
Die Liebe zwischen Boy und Girl wird nicht durch lange Dialoge erklärt. Sie zeigt sich in Berührungen, Blicken und Bewegungen – und wirkt dadurch glaubwürdiger als die eher schematische Handlung.
Bowie als Soundtrack des Untergangs
Natürlich lebt „Rebel Rebel“ vor allem von der Musik, einer Auswahl aus bekannten Hits und weniger offensichtlichen Stücken.
„Diamond Dogs“, „Heroes“, „Starman“, „Let’s Dance“ oder „Life on Mars?“ sorgen sofort für Wiedererkennung. Wenn die Band unter der musikalischen Leitung von Henry Hey die großen Bowie-Songs anstimmt, verändert sich spürbar die Atmosphäre in der Jahrhunderthalle.
Einer der stärksten Momente des Abends ist dabei die Interpretation von „Life on Mars?“. Hier greifen Musik, Darstellung und das Bühnenbild so eindrucksvoll ineinander, dass allein diese Szene den Besuch beinahe rechtfertigt. Für wenige Minuten verbinden sich Bowies Song, die monumentale Bildsprache und die Atmosphäre der Jahrhunderthalle zu einem jener seltenen Theatermomente, die noch lange nachwirken.
Die Musiker spielen druckvoll und präzise, bleiben durch ihre Platzierung in einem eigenen Bühnenbereich jedoch szenisch etwas abgekoppelt. Trotzdem funktioniert der Abend musikalisch hervorragend.
Ein kraftvoller Abschied
Mit „Rebel Rebel“ gelingt Ivo Van Hove ein eindrucksvoller Auftakt seiner letzten Ruhrtriennale-Spielzeit. Der Abend ist laut, düster, körperlich und teilweise bewusst überladen. Die Geschichte bleibt schlicht, und nicht jede Verbindung zwischen Handlung und Bowie-Song überzeugt. Doch die Qualität des Ensembles, Cherkaouis kraftvolle Choreografie, die präzise Live-Musik und die monumentale Bildsprache entwickeln eine Wirkung, der man sich schwer entziehen kann.
Am stärksten ist „Rebel Rebel“ dort, wo die Produktion nicht versucht, David Bowie zu erklären, sondern seine Musik als Projektionsfläche nutzt. Dann treffen Gewalt und Schönheit, Zerstörung und Sehnsucht, Körper und Klang unmittelbar aufeinander.
Ein bildgewaltiger und musikalisch mitreißender Abend, der nicht immer subtil ist – aber gerade in seiner kompromisslosen Energie hervorragend in die Jahrhunderthalle passt.