07/06/2026
Auszug aus meinem Buch „Humor hilft heilen (nicht)“
Heute gibt es eine kleine Leseprobe. Für alle, die schon einmal mit dem Schicksal diskutiert, dem Universum die Freundschaft gekündigt oder sich professionell selbst bemitleidet haben.
Ein Plädoyer fürs Jammern mit Stil.
Warum Selbstmitleid manchmal okay ist – aber nicht dauerhaft schmeckt.
Es gibt Dinge im Leben, die sind wie kalter Kaffee. Man braucht sie nicht, aber manchmal stehen sie halt da und man denkt sich: „Na gut, dann eben so.“ Selbstmitleid gehört definitiv in diese Kategorie. Nicht besonders sexy, nicht besonders produktiv, aber erstaunlich präsent, wenn das Leben mal wieder beschlossen hat, dich emotional durch den Fleischwolf zu drehen.
Und bevor jetzt jemand hektisch mit dem pädagogischen Zeigefinger wedelt und „Selbstmitleid ist aber ungesund“ ruft: Ja. Ist es. Dauerhaft. Aber kurzfristig? Ganz ehrlich, manchmal ist es einfach genau das, was man braucht. Ein kleiner, innerer Dramaclub, in dem man sich selbst kurz bemitleidet, einmal tief seufzt und denkt: „Wow, ich bin wirklich das tragische Hauptwerk meines eigenen Lebens.“
Das Problem ist nur: Wenn man dort zu lange Mitglied bleibt, wird aus einem kurzen Gastauftritt eine Dauerrolle. Und niemand will die Hauptfigur in einer Endlosschleife aus „Ach, ich arme Socke“ sein. Das ist ungefähr so unterhaltsam wie ein Fernseher, der nur noch Schnee zeigt, aber sich für ein cineastisches Meisterwerk hält.
Ich habe irgendwann verstanden, dass Jammern nicht das Problem ist. Wirklich nicht. Jammern ist menschlich. Jammern ist ehrlich. Jammern ist manchmal sogar notwendig, denn irgendwohin muss der ganze Frust ja. Die Frage ist nur, wie man jammert. Ob man sich dabei selbst komplett verliert oder ob man es schafft, dem Ganzen so etwas wie Stil zu verleihen.
Ja, richtig gehört. Stil. Beim Jammern.
Klingt erst mal wie „Business Casual für Nervenzusammenbrüche“, funktioniert aber erstaunlich gut.
Der Unterschied liegt nämlich nicht darin, ob du dich schlecht fühlst. Sondern wie du darüber sprichst. Ob du dich in deinem eigenen Elend einrichtest wie in einer schlecht beleuchteten Einzimmerwohnung mit kaputter Heizung oder ob du zumindest die Fenster aufmachst, ein bisschen Luft reinlässt und sagst: „So, das hier ist gerade Mist. Aber ich bin immer noch ich.“
Ich habe festgestellt, dass Selbstironie dabei eine ziemlich geniale Erfindung ist. Sie ist wie dieser eine Freund, der dich auslacht, aber so liebevoll, dass du am Ende selbst mitlachst, obwohl du eigentlich heulen wolltest. Wenn ich sage „Mir geht’s schlecht“, klingt das schwer, dunkel und irgendwie endgültig. Wenn ich sage „Ich fühle mich heute wie ein überfahrener Pfannkuchen mit Rückenschmerzen“, ist es immer noch ehrlich, aber plötzlich erträglicher. Für mich und für andere.
Und das ist der Punkt. Jammern mit Stil erschlägt niemanden. Es nimmt den Schmerz ernst, aber sich selbst nicht zu ernst. Es erlaubt dir, zu sagen, dass es dir mies geht, ohne dabei die Apokalypse auszurufen, als wäre dein Tag persönlich für den Untergang der Menschheit verantwortlich.
Denn seien wir ehrlich: Nicht jeder schlechte Tag ist gleich ein Weltuntergang. Manchmal ist es einfach nur ein schlechter Tag. Ein nerviger, anstrengender, unerquicklich zäher „Warum ist heute alles so kompliziert“-Tag. Und das reicht völlig aus, um genervt zu sein, ohne gleich den Untergang aller Zivilisationen auszurufen.
Und wenn ich mal so richtig jammern will, dann hole ich den Jammerlappen raus und schicke ihn vor. Dann hab wenigstens nicht ICH gejammert, sondern ER. Und danach fühlen wir uns beide gleich viel besser.
Text & Foto: © Keke van Steyn 2026 – Geklaut wird hier gar nichts (Teilen vom Originalbeitrag erlaubt)