31/01/2026
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Ihnen allen wünschen wir ein gutes, gesundes, freundliches Neues Jahr!
Wir wissen nicht, was alles passieren wird, wichtig bleiben der Kontakt untereinander, das Gespräch miteinander und der Austausch, sowohl auf fachlicher Ebene als auch privat.
Kurz habe ich im Urlaub darüber nachgedacht, die verbleibenden Jahre meines Lebens in politisch glückseliger Abstinenz verbringen zu wollen, den täglichen, unglaublichen Wahnsinn aus meinem Leben auszusperren. Doch ich bin so politisch sozialisiert, und mein Gewerkschafts-Vater würde denken, er habe ganz umsonst mit mir als Jugendliche hart diskutiert in den 1970er Jahren….. Und wir dürfen auch bestimmt nicht die Kinder und Jugendlichen in dieser Zeit allein lassen.
Bleiben wir wach und hören auch genau zu, wie unsere Kinder und Jugendlichen diese Zeit erleben, welche Ängste sie entwickeln, wie sie medial unterwegs sind und welchen Einflüssen sie ausgesetzt sind.
„Nachdem mir meine neue Podcast-Freundin gesagt hat, wir seien alle geil, geht es mir besser.“
Zitat einer 14jährigen Klientin. Gut, dachte ich, und was erzählt sie sonst noch???
Meine Generation dachte, sie erlebt den Aufschwung, das schnurlose Telefon, die Korrekturtaste an der Schreibmaschine als große Revolution, die uns überlegen werden läßt gegenüber der Mühsal unserer Eltern….. Und nun stehen wir (oder viele von uns) vor ganz neuen Herausforderungen medialer Wirklichkeiten und Einflussnahmen, die oft nicht begreifbar oder nachvollziehbar sind.
Hierzu passt unsere heutige Vorstellung von Herrn Riesen (Anhang), der bei der Tagung KJP am Bodensee 2026 in Lindau den spannenden Vortrag über Digitale Sexualität halten wird und in einem Workshop das Thema mit therapeutischen Perspektiven, Handlungsansätzen und Erfahrungen vertieft (WN 12).
In Köln beginnt das Jahr mit einer neuen Reihe „KIP mit Kindern und Jugendlichen“. Wenn Sie über die KIP Grundausbildung verfügen, ist dies ein weiterer Baustein. Der Beginn der Weiterbildung Kölner Sandspieltage 2026 musste verschoben werden. Dafür haben wir einen neuen „Sandspieler“ in unserem Dozententeam: Robert Feind, erfahrener analytischer Kinderpsychotherapeut und Sandspieltherapeut aus Leidenschaft. Neuer Beginn: 27.06.2026. Alle weiteren Termine stehen auf der Webseite, oder schreiben Sie uns an für das ausführliche Programm.
Wir freuen uns, Sie in Lindau oder Köln treffen zu dürfen. Nach wie vor sind wir überzeugt von der analogen Gestaltung unserer Weiterbildungen und wissen um die wohltuende Wirkung des persönlichen Kontakts und der Begegnung.
Wir wünschen Ihnen einen guten Start in dieses Jahr
Herzlichen Gruß
Für das Planungsteam
Gabriele Meyer-Enders
Stella Ewering hat Dietrich Riesen interviewt:
In meinem Gespräch mit Dietrich Riesen habe ich ihn zunächst gebeten zu schildern, wie er zu seinem heutigen Arbeitsschwerpunkt „Digitale Sexualität“ gekommen ist. Er erzählte, dass er nach der Schule zunächst eine Ausbildung zum Krankenpfleger absolvierte und in diesem Beruf tätig war, dann aber – nicht zuletzt aufgrund gesundheitlicher Belastungen – spürte, dass er beruflich noch einmal neu ansetzen wollte. In der Arbeit mit Jugendlichen, unter anderem in kirchlicher Jugendarbeit, bemerkte er, wie leicht ihm der Zugang zu jungen Menschen fiel, und entschied sich für eine Ausbildung zum Erzieher und Jugendreferenten. Über einen Bekannten wurde er auf die Fachstelle „Return“ in Hannover aufmerksam, die sich mit Digitalisierung, Mediensucht und Pornografie auseinandersetzt. Herr Riesen, 1986 geboren, beschreibt sich als jemand, der sowohl eine vergleichsweise medienarme Kindheit als auch eine sehr mediengeprägte Jugend erlebt hat, nachdem er im Alter von 15/16 Jahren seinen ersten PC bekam; dadurch fühlt er sich heute sowohl mit der Perspektive der Jugendlichen als auch mit den Sorgen der Eltern eng verbunden. Als er 2013 sein Anerkennungsjahr bei Return begann, suchte die Einrichtung gezielt jemanden, der mit Schülern und Schülerinnen über Pornografie spricht – ein Thema, das damals in Beratung, Therapie und Schule häufig tabuisiert oder verharmlost wurde. Herr Riesen berichtet, dass er aufgrund seiner eigenen digitalen Sozialisation kaum Scham empfand, das Thema offen anzusprechen, und schnell merkte, dass hier ein großer blinder Fleck in der fachlichen Praxis bestand. Parallel zur Prävention begann er, erste Beratungsgespräche mit Menschen zu führen, die mit problematischem Pornografiekonsum oder anderen Formen digitaler Sexualität rangen. Um dieser Verantwortung gerecht zu werden, absolvierte er eine Weiterbildung zum systemischen Berater am Niedersächsischen Institut für systemische Beratung und Therapie in Hannover, die er 2019 abschloss. Mit der Zeit verlagerte sich seine Arbeit zunehmend von der Prävention hin zu Beratung, Therapie und Fortbildung – heute führt er nur noch vereinzelt Schulveranstaltungen durch und arbeitet überwiegend mit Erwachsenen in Beratung und Therapie sowie in Fortbildungen für Fachpersonen. Der ursprüngliche Fokus auf „Pornografie“ wurde zu dem umfassenderen Begriff der digitalen Sexualität ausgeweitet, um Phänomene wie Social Media, Sexting, Cam-Sex, OnlyFans und andere digitale Ausdrucksformen von Lust und Intimität mitzudenken. Im Gespräch betont Herr Riesen, dass digitale Sexualität nicht nur als Risikofeld verstanden werden sollte, sondern auch als Zugang zu den tieferliegenden Themen von Scham, Identität, Sehnsucht und Bindung, die sich in der Sexualität eines Menschen zeigen. Für therapeutische und pädagogische Fachkräfte sieht er darin eine große Chance: Wer bereit ist, sich mit der eigenen sexuellen Biografie auseinanderzusetzen, kann Menschen in einem geschützten Rahmen dabei unterstützen, ihre Muster im Umgang mit Sexualität, Medien und Beziehungen besser zu verstehen und behutsam zu verändern. Besonders wichtig ist ihm, Fachpersonen zu ermutigen, das Thema in den Blick zu nehmen und in einer guten Weise anzusprechen, um blockierende Scham zu verringern und Therapieprozesse zu vertiefen. Neben seiner beratenden und therapeutischen Tätigkeit arbeitet Herr Riesen eng mit Einrichtungen zusammen, die spezialisierte Angebote für Mediensucht und digitale Sexualität entwickeln, etwa in der stationären Behandlung. In seinen Fortbildungen schafft er Räume für Selbsterfahrung – etwa zur Reflexion der eigenen sexuellen Lerngeschichte – und vermittelt zugleich konkrete Anregungen, wie digitale Sexualität im therapeutischen und pädagogischen Alltag sensibel, fachlich fundiert und ohne Moralisierung thematisiert werden kann.
Vor diesem Hintergrund freuen wir uns sehr darauf, Herrn Riesen mit seinem Erfahrungsschatz und seiner zugleich klaren und zugewandt freundlichen Art in Lindau mit diesem spannenden Thema willkommen zu heißen.