09/11/2025
filmfestivalgeschehen.
Das Filmfestival ist in seine Saison 2025 gestartet. Zum 35. Male findet das FilmFestival Cottbus statt. Auch HERMANN ist wieder dabei. Unser Reporter Henning Rabe alias (Iron Henning) begleitet euch durch die spannenden Tage.
Tag vier:
MAYFLIES von Emília Goldberg
ist der erste von zwei ungarischen Wettbewerbsbeiträgen, die heute auf meinem Programmzettel stehen. Eine gewalttätige Doppelmörderin mit dem Spitznamen Steve, die sich absichtlich in die Männerabteilung hatte einweisen lassen, wartet in ihrer düsteren Zelle auf die Vollstreckung des Todesurteils. Die Tochter des Gefängnispfarrers (Natasa Stork auf dem Foto) wird bei einer Bibelstunde auf den berühmten Häftling aufmerksam. Und umgekehrt – es ist wie Liebe auf den ersten Blick.
Steve, alias Pipás Pista, ist eine wahre Figur, die im Ungarn der 1930er Jahre für Geld arme Familien von überzähligen Mäulern befreite, so eine Legende. Eine andere sagt, sie hätte nur böse Menschen getötet. Nun beginnt sie mit der Pfarrerstochter, mit der Bibel lesen zu lernen. Ihre Bekehrung und die Initiative ihrer Partnerin in Gedanken rettet die Missetäterin schließlich vor dem Strang. Eine Beziehung ist in dieser Zeit und unter diesen Umständen völlig unmöglich; was bleibt, sind die wenigen Stunden ungestörten Zusammenseins in der schmutzigen Zelle ...
Ein Kino der stillen Töne, der Zartheit inmitten einer menschenfeindlichen Umgebung, unprätentiös und geschmackvoll. Man kann kaum denken, dass der Film beinahe kein Budget hatte, so gekonnt agieren Stoff, Schauspiel und Gestaltung miteinander.
In Zeitlupensequenzen sieht man die titelgebenden Eintagsfliegen über ruhigem Wasser schweben. Diese etwas größere Spezies, die über der Tisza (Theiß) schwärmt, ist nur an einem Tag im Jahr zu beobachten. Die Crew hatte nur kein Geld, um mehrere Tage am Flussufer auszuharren, sie hatten nur den einen Tag – der dann auch der war, an dem sie auf das Geheiß eines lokalen Biologen zum Dreh anrückten. Glücksfall!
Im Obenkino wird es anschließend dokumentarisch:
THE BIG CHIEF von Tomasz Wolski
ist eine rasant geschnittene Collage über den polnischen Superspion Leopold Trepper. Ab 1937 arbeitete er für die Russen als Koordinator von Roten Kapelle-Gruppen, in Frankreich und Belgien; als Tarnung betrieb er eine überaus erfolgreiche Export-Import-Firma. Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ ihn Stalin in seiner pathologischen Perfidie erst einmal zehn Jahre einsperren.
Endlich konnte er nach Polen zurückkehren. Doch 1967, nach dem Sechs-Tage-Krieg, begann Parteichef Gomułka eine antisemitische Kampagne, die im Jahr darauf zur erzwungenen Ausreise von ca. 20.000 Juden aus der VR Polen führte. (Zur Gomułka-Ära sei hier wärmstens Marek Hłaskos Buch "Die schönen Zwanzigjährigen" ans Herz gelegt.) Nur ein Jude durfte nicht hinaus – Trepper wurde unter Hausarrest gestellt und kam erst nach fünf Jahren durch den Druck internationaler Unterstützer aus dem Lande.
Die Figur wird in den Interview-Ausschnitten und Aussagen der Wegbegleiter aber nicht wirklich klar. In einer französischen Fernsehsendung streitet er ab, je Spion gewesen zu sein. Und gibt an, nach seiner Verhaftung durch die Gestapo nur "wie ein Krebs in einem Körper" kollaboriert zu haben. Je mehr er zu offenbaren scheint, desto mehr gerät alles in eine Schwebe ...
Cleveres Porträt eines Mannes, der im Getriebe der Zeitgeschichte mutmaßlich zu taktieren wusste.
Zurück in den Wettbewerb. Im Weltspiegel läuft:
ORPHAN von László Nemes
Budapest. Es ist 1957, und der Vater des Jungen Andor Hirsch ist immer noch nicht nach Hause zurückgekehrt. Er ist "in den Lagern im Rauch aufgegangen", hieß es immer. Doch Andor gibt die Hoffnung nicht auf, dass das Wunder des Wiedersehens eines Tages geschehen wird. Doch Ereignisse und Aussagen lassen die Befürchtung entstehen, dass der Junge vielleicht einen anderen Vater hat. Aber bitte nicht diesen Mann, der eines Nachts die Mutter besucht und dem Jungen begutachtend eine grelle Lampe ins Gesicht hält. Diese grobschlächtige Metzger-Type – als hätte Manfred Deix sie gezeichnet – kann nie und nimmer der Vater von Andor sein ...
Nemes arbeitet mit dem Atem der großen Meister. Er nimmt sich die Zeit, die Situation geruhsam zu etablieren. Diese Zeit braucht es aber auch, um all die raffinierten Details genießen zu können. Die Kamera von Mátyás Erdélyi verleiht den gelb stichigen, oft dunklen oder gebleichten Szenerien eine schwelgerische Note. Senkrechte Draufsichten sind sehr in Mode gekommen, bei ihm sind sie indes immer ein wenig angewinkelt und zeigen so neue oder neuartig erscheinende Blickwinkel. Die extrem unscharfen Hintergründe, wie wir sie schon von "Son of Saul" und "Sunset" kennen, werden in der ersten Stunde eher sparsam eingesetzt, kehren aber immer öfter wieder, je weiter sich das Drama zuspitzt. Das Finale ist dann wahrhaft nervenzerreißend!
Auch wenn mein Liebling mal wieder nicht die Lubina gewinnen wird, ist dies für mich der herausragende Beitrag des diesjährigen Festivals.
Hinzugefügt (Heiko Portale):
Im Weltspiegel lief auch Gregor Andolseks Film "This Is a Robbery!" in der SPEKTRUM-Reihe. Der Slovene war auch anwesend und stellte sich den Fragen des Publikums. Cooler Film btw.
Mich hinterließ eher fragend der FFC-Spot, ich fragte mich immer, wenn ich den sah, wo in Cottbus diese Hochhäuser-Skyline zu sehen ist. Wer jedoch schon mal am Berliner S-Bahnhof Treptower Park war, wird sie sicher auf dem Schirm haben.