15/09/2017
Der Greenback geht baden! Oder?
Im aktuellen geopolitischen Umfeld kann man sich wundern: Die gestiegenen Risiken sollten eigentlich zu steigenden Preisen der Safe-Haven-Anlagen führen - der US-Dollar verhält sich jedoch konträr und dazu findet eine Aufwertung des Euro statt.
Den Entscheidungen der FED und EZB wird mit Spannung entgegen gesehen, denn diese könnten einen signifikanten Einfluss auf den Wechselkurs haben.
Die Tatsache, dass der US-Dollar nasse Füße bekommt, steht
nur zufällig im Zusammenhang mit Hurrikan Harvey, der dieser
Tage Teile von Texas und Louisiana zerstört. Erschreckende
Bilder, wie Houston mehr Wasserfläche als Venedig aufweist.
Man schätzt, dass Harvey mehr als 80 Milliarden Kubikmeter
Regen auf das südliche Texas hat herabregnen lassen - und es
regnet noch. Das ist in etwa die Menge Wasser, die im Schnitt
an 400 Tagen den Rhein hinabfließt, oder fast die doppelte
Wassermenge des Bodensees. Man kann nur hoffen, dass die
Bilder Präsident Trump die Augen öffnen im Hinblick auf den
offensichtlichen Klimawandel und er vielleicht doch noch zu
dem Abkommen von Paris steht.
Es hat fast den Anschein, als ob die Welt zurzeit von zwei
Egomanen dominiert wird - und ich rede hier nicht von Angela
Merkel und Martin Schulz. Auf der einen Seite haben wir einen
dicken Jungen, der mit Raketen spielt. Auf der anderen Seite
gibt es einen orangenen alten Mann, der gerne erst twittert und
dann nachdenkt. Brisante Mischung. Auch hier hält sich die
Hoffnung, dass das Ganze glimpflich ausgeht.
Allerdings hat der bislang letzte Raketentest Nordkoreas
eine Anomalie aufgezeigt. Üblicherweise gehen gestiegene
geopolitische Risiken Hand in Hand mit fallenden Preisen von
sogenannten Risikoanlagen wie Aktien und Hochzinsanleihen
und steigenden Preisen sogenannter Safe-Haven-Anlagen
wie Staatsanleihen, Gold, Schweizer Franken und US-Dollar.
Üblicherweise! Diesmal passte alles bis auf die Dollar-
Bewegung. Die blieb nicht nur nicht aus, sondern lief sogar in
die andere Richtung, als ob der Greenback von den Märkten
als Risikoanlage gesehen würde – was ja möglicherweise sogar
stimmt, wenn man einmal an den regierenden Präsidenten
denkt.
Fairerweise muss man allerdings sagen, dass die deutliche
Abwertung des USD sich vor allem, aber nicht nur, gegenüber
dem vielgeschmähten EUR abspielt. Grafik 1 zeigt diese
Entwicklung, und man stellt fest, dass die Abwertung vom
bisherigen Höchstkurs (1,0340) zum bisherigen Tiefstkurs
(1,2071) über 16% beträgt. Gleichzeitig kann man der Grafik
aber auch entnehmen, dass der Wechselkurs mit dieser Bewegung scheinbar in die „alte“ Handelsspanne von 1,20
bis 1,40 zurückkehren wird. Das scheinen mittlerweile viele
Marktauguren zu glauben – häufig dieselben Leute, die noch
vor einigen Monaten von Wechselkursen unter Parität fabuliert
haben.
Um festzustellen, ob wir nun von einer Abschwächung des USD
sprechen oder von einer Aufwertung des EUR, müssen wir uns
Grafik 2 zuwenden, wo der sogenannte handelsgewichtete
USD von der US-Notenbank berechnet und veröffentlicht
wird. Die Idee dahinter ist, dass ein Land ja nicht nur
mit einem Währungsraum Waren und Dienstleistungen
austauscht, sondern mit vielen unterschiedlichen. Um nun
den positiven Effekt einer Abwertung oder negativen Effekt
einer Aufwertung potenziell zu bestimmen, errechnet man
die Wechselkursgewinne und -verluste gegenüber allen
Handelspartnerwährungen und gewichtet diese Veränderung
mit der Größe der Handelsströme. Grafik 2 zeigt, dass der
handelsgewichtete USD auch dieses Jahr ca. 10% an Wert
eingebüßt hat.
Grafik 3 zu guter Letzt zeigt die Wertänderungen des EUR
gegenüber vielen Währungen seit Jahresbeginn. Als Grundlage
der Berechnung dienen die jeweiligen Tagesschlusskurse. Bis
auf wenige Ausnahmen hat der EUR gegenüber allen anderen
Währung Boden gutgemacht.
Der Schluss liegt nahe, dass es sich hierbei um eine (teilweise)
Korrektur der Unterbewertung der Gemeinschaftswährung
handelt, die aus der Zeit der Eurokrise herrührt. Die Bewegung
des EUR/USD- Wechselkurses ist demnach eine Mischung
aus einer Korrektur einer Überbewertung des USD, die durch
die anfängliche Euphorie um Trump herbeigeführt wurde,
sowie der Korrektur der Unterbewertung des EUR. Damit
ist für uns allerdings in keiner Weise sichergestellt, dass wir
demnächst wieder EUR/USD-Wechselkurse von 1,25 und
darüber sehen werden! Man sollte die Risiken nicht ganz aus
den Augen verlieren. Schließlich ist sowohl Donald Trump
immer noch Präsident der USA und, gerade er, immer für eine
(vielleicht einmal positive) Überraschung gut. Zum anderen ist
die Verschuldung von Griechenland, Italien oder Frankreich
nicht über Nacht geschrumpft, sondern lastet immer noch auf
den Staatshaushalten. Die EUR-Vertrauenskrise könnte also
jederzeit zurückkehren und damit auch der aktuellen Euro-
Euphorie einen empfindlichen Dämpfer verpassen.
Ein letztes Risiko möchten wir allerdings noch an dieser Stelle erwähnen. Während noch im März dieses Jahres viele Marktteilnehmer weitere Zinsschritte der US-Notenbank für September und Dezember erwarteten, ist aktuell die Wahrscheinlichkeit, dass die FED keine Zinsänderung in ihrer Sitzung am kommenden 20. September beschließt, auf fast 100% gestiegen! (siehe Grafik 4)
Man muss kein Skeptiker sein, um dies als übertrieben zu
interpretieren. Nur für den zugegeben unwahrscheinlichen
Fall, dass die Notenbank anders entscheidet, könnte der
Greenback schnell wieder Auftrieb bekommen und die
vermeintliche Dollar-Baisse abrupt beenden. Wir erwarten bei
der nächsten Sitzung auch keine Zinsänderung, sondern eine
Ankündigung, dass ab Oktober die stark aufgeblähte Bilanz der
US-Notenbank sukzessive reduziert wird.
Auch die EZB steht unter Zugzwang. Der Zentralbankrat
muss sich mit der Frage auseinandersetzen, wie bzw. ob das
Kaufprogramm für Anleihen fortgesetzt wird. Je nachdem,
welche Entscheidung hier getroffen wird bzw. wie der Markt
diese Entscheidung interpretiert, könnte dies signifikanten
Einfluss auf den Wechselkurs haben.