05/09/2026
Spekulation
Die entscheidende These mal gleich vorab: Nicht die AfD wird die große Gewinnerin der am Sonntag beginnenden Landtagswahlen im Osten sein, sondern die SPD – oder besser deren Parteispitze. Hört sich im ersten Moment vielleicht schräg an, ist bei näherem Hinsehen aber durchaus drin. Natürlich ist das alles Spekulation. Aber gibt es bei der Politik etwas Interessanteres, als zu spekulieren, als Ergebnisse vorherzusagen? Ergebnisse, die eigentlich sicher scheinen, aber dann doch ganz anders lauten?
Es ist wie beim Fußball. Auch hier gibt es – wie in der Politik – Regeln und Gesetzmäßigkeiten. Und eben immer wieder Überraschungen, die beide Bereiche so spannend machen können. Wenn etwa der Liga-Spitzenreiter beim Letzten antritt und nicht wie erwartet haushoch gewinnt, sondern vielleicht mit Ach und Krach ein Unentschieden erzwingt. Oder wenn der beste Elfmeterschütze der Liga gegen alle Erwartungen über die Latte ballert. In der Politik gibt es solche Abweichungen und Überraschungen ebenfalls. Die Wahl von Ernst Albrecht zum Ministerpräsidenten in Niedersachsen, die Nicht-Wahl von Heide Simonis in Schleswig-Holstein, die Wahl des Kurzzeit-Regierungschefs Kemmerich in Thüringen oder der Patzer bei der Kanzlerwahl von Friedrich Merz. Auch die Politik ist stets für Überraschungen gut.
Nehmen wir aber jetzt mal an, bei den Landtagswahlen gäbe es keine Überraschungen und die Wahlergebnisse entsprächen denen der aktuellen Umfragen. Dann sieht es für die AfD trotz massiv gestiegener Werte in der Bilanz ziemlich bitter aus. In Sachsen-Anhalt – obwohl man dort an Überraschungen gewöhnt ist – würde sie am Sonntag die angestrebte absolute Mehrheit nicht erreichen und weiter auf den harten Oppositionsbänken sitzen bleiben. In Mecklenburg-Vorpommern und in Berlin, wo am 20. September gewählt wird, hat sie nicht mal die Chance auf eine Regierungsbeteiligung, weil niemand mit den „Schmuddelkindern“ spielen will. Und ob man im nächsten Jahr in Nordrhein-Westfalen, Bremen, Schleswig-Holstein oder dem Saarland nochmal so einen Überflieger wie Ulrich Siegmund installieren kann, ist mehr als fraglich.
Und weshalb dann die SPD als Gewinner der Landtagswahlen? Ausgerechnet die Partei, die von einem Wahldesaster ins nächste stolpert? Okay, die Partei selbst wird weniger gewinnen, die in letzter Zeit selbst aus den eigenen Reihen kritisierte Parteispitze hingegen schon. Für Lars Klingbeil und Bärbel Bas dürften die Ostwahlen nicht wie oft propagiert der Schlussakkord sein, sondern eher die Rettung. Das werden wir in den ersten Stellungnahmen der beiden und auch ihrer Mitstreiter Miersch und Klüssendorf feststellen können. Natürlich wird man das gute Abschneiden der AfD pflichtschuldigst bedauern und ankündigen, den Kampf gegen rechts noch zu verstärken. Und natürlich wird man auch erklären, mit dem eigenen Ergebnis nicht zufrieden zu sein und dass man sich künftig noch stärker um die arbeitende Mitte kümmern will und so weiter und so fort. Aber dann werden sie nicht ohne Stolz darauf verweisen, dass sie in Sachsen-Anhalt entgegen früheren Erwartungen doch noch den Sprung in den Landtag geschafft und damit eine Alleinregierung der AfD verhindert haben.
Fast schon zum Fremdschämen. Diese einstmals so große und stolze Partei, die in ihrer über 160-jährigen Geschichte so viel für dieses Land getan hat, ist dankbar, nach einer Zitterpartie die Fünf-Prozent-Hürde geschafft zu haben. Die Reaktionen dürften denen ähneln, die man bereits nach dem peinlichen 5,5-Prozent-Ergebnis in Baden-Württemberg erleben musste. Und die SPD wird in Magdeburg in der (Minderheits‑)Regierung bleiben. Gestärkt wird das Selbstbewusstsein durch das erwartbare Weiterregieren von Manuela Schwesig in Schwerin und die weitere Teilhabe an der Macht in Berlin, vielleicht sogar erstmals unter einer regierenden Bürgermeisterin von der Linkspartei.
Es ist also kaum zu erwarten, dass sich in der SPD etwas ändern wird. Dass es zu einer echten Aufarbeitung der dauernden Stimmverluste kommt. Schließlich hat sich nach dem Ampel-Desaster auch nichts Wesentliches geändert. Die Jusos zumindest wissen, wie es weitergehen sollte: Keinesfalls dürfte die SPD noch weiter nach rechts rücken, haben sie bereits erklärt. Da sind also die Hunderttausenden von Arbeitern zur rechten AfD abgewandert, weil ihre Stammpartei zu rechts geworden ist? Was für eine krude Logik! Eher haben wohl die Jahre, in denen die SPD den Grünen und Linken hinterher gehechelt ist, die Basis erodieren lassen.
Es dürfte also fast alles beim Alten bleiben. Falls es so kommt, wie hier vorhergesagt. Es kann natürlich auch ganz anders kommen. Sonntagabend wissen wir schon mehr. Bis dahin bleibt alles – wie schon gesagt – reine Spekulation.
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Zwischenrufer heißt unsere Kolumne, in der Dieter Schreier einen Blick auf das Hanauer Stadtgeschehen oder allgemeine Themen wirft. Der gelernte Journalist hat viele Jahre als Redaktionsleiter, Chefredakteur und Geschäftsführer bei Institutionen und Zeitungsverlagen in Nordrhein-Westfalen, Bayern, Thüringen und Hessen gearbeitet und ist heute als Medienberater und in der Journalisten-Weiterbildung aktiv. In Hanau ist er seit mehr als 25 Jahren präsent.