06/06/2026
Eintrittsgeld
Was kostet eigentlich ein Gespräch mit dem lieben Gott? Bekanntermaßen überhaupt nichts. Man kann überall auf der Welt kostenfrei mit dem Allerhöchsten reden. Allerdings gibt es Orte, an denen sein Empfang besonders gut ist. In Jerusalem etwa, da es sich hier um ein Ortsgespräch handelt, wie eine jüdische Volksweisheit feststellt. Und natürlich ist man ihm auch in seinen Häusern, den Gotteshäusern, besonders nah. In Kirchen zum Beispiel. Blöd nur, wenn der Zugang zu diesen Häusern reglementiert wird, beziehungsweise Eintrittsgeld kostet. So wie künftig in einer der berühmtesten Kirchen der Welt, dem Kölner Dom.
Am Dienstag hat das zuständige Domkapitel die Katze aus dem Sack gelassen. Bereits zuvor war angekündigt worden, dass man künftig von den Dombesuchern Eintritt kassieren will. Und zwar, wie man jetzt mitteilte, satte zwölf Euro pro Person. Ein härteres Inkasso-Potenzial hat allenfalls noch Vater Staat. Kein Wunder, dass bereits kurz nach der Bekanntgabe ein Sh*tstorm in den sozialen Medien losbrach und die Frage auftauchte, ob die Kirchenmänner noch alle Kerzen am Altar oder am Weihrauchfass genascht haben.
Begründet wird das Abkassieren mit dem hohen Investitionsbedarf der Kathedrale. In der Tat muss an dem mächtigen Bauwerk dauernd repariert, saniert, restauriert werden. Das ist Bauen für die Ewigkeit, das endet nie. Wenn der Dom eines Tages fertig ist, geht die Welt unter, heißt eine alte kölsche Lebensweisheit. Errichtet als Heimstatt der aus Mailand – sagen wir mal vorsichtig „übernommenen“ – Gebeine der Heiligen Drei Könige, stellt der Dom mit seinen 632 Jahren Bauzeit selbst den BER und Stuttgart 21 in den Schatten. Allerdings ist die lange Zeit auch Finanzierungsproblemen, Zeitläuften und nicht zuletzt der kölschen Mentalität zu verdanken. Wie der Kabarettist Jürgen Becker treffend feststellte, frage der Deutsche nach dem Aufwachen „Womit fangen wir an?“, während die erste Frage des Kölners ist „Wo gehen wir heut Abend hin?“.
Gewerkelt und gepruckelt wird am Dom praktisch seit Anbeginn. Zwischen 14 und 16 Millionen Euro kosten Unterhalt und Erhalt des gigantischen Bauwerkes jährlich. Den Hauptanteil tragen das Erzbistum und vor allem Kölner Bürger über den „Zentral-Dombauverein“, der im 19. Jahrhundert zur Fertigstellung der Kathedrale gegründet wurde. Die öffentliche Hand, hier die Stadt Köln und das Land Nordrhein-Westfalen, die über die Touristenströme und die sich daraus ergebenden Steuereinnahmen profitieren, steuern zusammen lediglich zehn Prozent bei. Obwohl der Dom eigentlich nicht nur ein Gotteshaus, sondern eben auch ein nationales Symbol ist. Mit rund sechs Millionen Besuchern jährlich ist er mit Abstand Deutschlands meistbesuchte Sehenswürdigkeit. Nun soll also von den Besuchern Eintritt kassiert werden – und das mit zwölf Euro nicht zu knapp. Ausgenommen sind Gottesdienstbesucher, Mitglieder des Dombauvereins und diejenigen, die nur zum Beten in die Kirche kommen. Wobei man sich fragen muss, wie das denn kontrolliert werden soll? Gibt man jedem Betwilligen einen Chorknaben mit, der kontrolliert, ob der Besucher auch wirklich laut zu Gott spricht? Und was ist mit denen, die im Stillen Zwiesprache mit ihrem Schöpfer halten wollen?
Und darf jemand, der mit diesem Anliegen umsonst in die Kirche gekommen ist, dennoch einen Blick auf die Meisterwerke des Doms werfen? Auf den Dreikönigsschrein, die wohl bedeutendste Goldschmiedearbeit des Mittelalters? Um Pfingsten herum auf die Wandteppiche von Peter Paul Rubens? Das legendäre Richter-Fenster? Und was wird zu Weihnachten eigentlich mit dem berühmten Kölner Krippenweg, zu dem der Dom eine monumentale Krippe mit Alltagsszenen beisteuert? Muss man da jetzt auch Eintritt zahlen, während andere Krippen, etwa die mit dem kriegszerstörten Köln als Kulisse im Hauptbahnhof, kostenfrei zu besichtigen sind?
Fragen über Fragen, die das Ansinnen des Domkapitels über das Abkassieren der Besucher die Kostensteigerungen beim Unterhalt in den Griff zu kriegen, als äußerst fragwürdig erscheinen lassen. Gewiss, in anderen Ländern werden bei berühmten Kirchen auch Eintrittsgelder verlangt, in Deutschland hat das aber keine Tradition und macht hoffentlich keine Schule. Das ganze Konstrukt erscheint recht theorielastig und dürfte in der Praxis kaum funktionieren. Die Besucherzahlen werden sinken, die Kontrollen werden sich als nicht durchführbar erweisen. Es heißt also, gelassen abzuwarten. Und sich an eine der zehn kölschen Grundregeln zu halten: „Et hätt noch immer jot jejange!“
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Zwischenrufer heißt unsere Kolumne, in der Dieter Schreier einen Blick auf das Hanauer Stadtgeschehen oder allgemeine Themen wirft. Der gelernte Journalist hat viele Jahre als Redaktionsleiter, Chefredakteur und Geschäftsführer bei Institutionen und Zeitungsverlagen in Nordrhein-Westfalen, Bayern, Thüringen und Hessen gearbeitet und ist heute als Medienberater und in der Journalisten-Weiterbildung aktiv. In Hanau ist er seit mehr als 25 Jahren präsent.