Hanauer Bote

Hanauer Bote Das wöchentliche Mitteilungsblatt für die Stadt Hanau Auch über konstruktive Kritik zu unserer Arbeit freuen wir uns. Ihre Beiträge entfernen wir zeitnah.

Seit 1992 informiert der Hanauer Bote jeden Mittwoch kostenlos über das Geschehen in der Brüder-Grimm-Stadt. Mit einer Auflage von rund 39.000 Exemplaren erreicht der Bote flächendeckend alle Haushalte in Hanau. „Zeitung für alle“ ist seit jeher das Credo des Boten, seit die erste Ausgabe Anfang der 70er Jahre erschien. Ursprünglich ein Medium für öffentliche Bekanntmachungen und Mitteilungen der

Gemeinden, entwickelte sich der Bote schnell zur geschätzten Plattform für regionale Vereine, um über ihre Arbeit und ihre Veranstaltungen zu berichten. Inzwischen erscheint die Gesamtausgabe, der Mittelhessen-Bote, in einer Auflage von mehr als 325.000 Exemplaren. Ohne das eigentliche Konzept, Partner der Vereine zu sein, verlassen zu haben, berichtet der Hanauer Bote inzwischen selbst aktiv über Ereignisse aus der Region: Spannende Reportagen, das Leben in den Vereinen, aber auch kritische Töne zum politischen Geschehen gehören inzwischen zum inhaltlichen Erscheinungsbild des Hanauer Boten - einmal die Woche kostenfrei in jedem Haushalt. Spielregeln:
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EintrittsgeldWas kostet eigentlich ein Gespräch mit dem lieben Gott? Bekanntermaßen überhaupt nichts. Man kann überall a...
06/06/2026

Eintrittsgeld

Was kostet eigentlich ein Gespräch mit dem lieben Gott? Bekanntermaßen überhaupt nichts. Man kann überall auf der Welt kostenfrei mit dem Allerhöchsten reden. Allerdings gibt es Orte, an denen sein Empfang besonders gut ist. In Jerusalem etwa, da es sich hier um ein Ortsgespräch handelt, wie eine jüdische Volksweisheit feststellt. Und natürlich ist man ihm auch in seinen Häusern, den Gotteshäusern, besonders nah. In Kirchen zum Beispiel. Blöd nur, wenn der Zugang zu diesen Häusern reglementiert wird, beziehungsweise Eintrittsgeld kostet. So wie künftig in einer der berühmtesten Kirchen der Welt, dem Kölner Dom.
Am Dienstag hat das zuständige Domkapitel die Katze aus dem Sack gelassen. Bereits zuvor war angekündigt worden, dass man künftig von den Dombesuchern Eintritt kassieren will. Und zwar, wie man jetzt mitteilte, satte zwölf Euro pro Person. Ein härteres Inkasso-Potenzial hat allenfalls noch Vater Staat. Kein Wunder, dass bereits kurz nach der Bekanntgabe ein Sh*tstorm in den sozialen Medien losbrach und die Frage auftauchte, ob die Kirchenmänner noch alle Kerzen am Altar oder am Weihrauchfass genascht haben.
Begründet wird das Abkassieren mit dem hohen Investitionsbedarf der Kathedrale. In der Tat muss an dem mächtigen Bauwerk dauernd repariert, saniert, restauriert werden. Das ist Bauen für die Ewigkeit, das endet nie. Wenn der Dom eines Tages fertig ist, geht die Welt unter, heißt eine alte kölsche Lebensweisheit. Errichtet als Heimstatt der aus Mailand – sagen wir mal vorsichtig „übernommenen“ – Gebeine der Heiligen Drei Könige, stellt der Dom mit seinen 632 Jahren Bauzeit selbst den BER und Stuttgart 21 in den Schatten. Allerdings ist die lange Zeit auch Finanzierungsproblemen, Zeitläuften und nicht zuletzt der kölschen Mentalität zu verdanken. Wie der Kabarettist Jürgen Becker treffend feststellte, frage der Deutsche nach dem Aufwachen „Womit fangen wir an?“, während die erste Frage des Kölners ist „Wo gehen wir heut Abend hin?“.
Gewerkelt und gepruckelt wird am Dom praktisch seit Anbeginn. Zwischen 14 und 16 Millionen Euro kosten Unterhalt und Erhalt des gigantischen Bauwerkes jährlich. Den Hauptanteil tragen das Erzbistum und vor allem Kölner Bürger über den „Zentral-Dombauverein“, der im 19. Jahrhundert zur Fertigstellung der Kathedrale gegründet wurde. Die öffentliche Hand, hier die Stadt Köln und das Land Nordrhein-Westfalen, die über die Touristenströme und die sich daraus ergebenden Steuereinnahmen profitieren, steuern zusammen lediglich zehn Prozent bei. Obwohl der Dom eigentlich nicht nur ein Gotteshaus, sondern eben auch ein nationales Symbol ist. Mit rund sechs Millionen Besuchern jährlich ist er mit Abstand Deutschlands meistbesuchte Sehenswürdigkeit. Nun soll also von den Besuchern Eintritt kassiert werden – und das mit zwölf Euro nicht zu knapp. Ausgenommen sind Gottesdienstbesucher, Mitglieder des Dombauvereins und diejenigen, die nur zum Beten in die Kirche kommen. Wobei man sich fragen muss, wie das denn kontrolliert werden soll? Gibt man jedem Betwilligen einen Chorknaben mit, der kontrolliert, ob der Besucher auch wirklich laut zu Gott spricht? Und was ist mit denen, die im Stillen Zwiesprache mit ihrem Schöpfer halten wollen?
Und darf jemand, der mit diesem Anliegen umsonst in die Kirche gekommen ist, dennoch einen Blick auf die Meisterwerke des Doms werfen? Auf den Dreikönigsschrein, die wohl bedeutendste Goldschmiedearbeit des Mittelalters? Um Pfingsten herum auf die Wandteppiche von Peter Paul Rubens? Das legendäre Richter-Fenster? Und was wird zu Weihnachten eigentlich mit dem berühmten Kölner Krippenweg, zu dem der Dom eine monumentale Krippe mit Alltagsszenen beisteuert? Muss man da jetzt auch Eintritt zahlen, während andere Krippen, etwa die mit dem kriegszerstörten Köln als Kulisse im Hauptbahnhof, kostenfrei zu besichtigen sind?
Fragen über Fragen, die das Ansinnen des Domkapitels über das Abkassieren der Besucher die Kostensteigerungen beim Unterhalt in den Griff zu kriegen, als äußerst fragwürdig erscheinen lassen. Gewiss, in anderen Ländern werden bei berühmten Kirchen auch Eintrittsgelder verlangt, in Deutschland hat das aber keine Tradition und macht hoffentlich keine Schule. Das ganze Konstrukt erscheint recht theorielastig und dürfte in der Praxis kaum funktionieren. Die Besucherzahlen werden sinken, die Kontrollen werden sich als nicht durchführbar erweisen. Es heißt also, gelassen abzuwarten. Und sich an eine der zehn kölschen Grundregeln zu halten: „Et hätt noch immer jot jejange!“

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Zwischenrufer heißt unsere Kolumne, in der Dieter Schreier einen Blick auf das Hanauer Stadtgeschehen oder allgemeine Themen wirft. Der gelernte Journalist hat viele Jahre als Redaktionsleiter, Chefredakteur und Geschäftsführer bei Institutionen und Zeitungsverlagen in Nordrhein-Westfalen, Bayern, Thüringen und Hessen gearbeitet und ist heute als Medienberater und in der Journalisten-Weiterbildung aktiv. In Hanau ist er seit mehr als 25 Jahren präsent.

Nichts ist so gut, als dass man es nicht noch besser machen könnte. Das ist eine alte Weisheit, die heute aktueller ist ...
30/05/2026

Nichts ist so gut, als dass man es nicht noch besser machen könnte. Das ist eine alte Weisheit, die heute aktueller ist denn je. Insbesondere in Zeiten, in denen PR wichtiger scheint als Leistung. In Zeiten, in denen mit blumigen Worten Dinge geschönt werden, die gar nicht mehr schön sind. Oder sogar Realitätsverweigerung aus Bequemlichkeit oder Ideologie das Lösen von Problemen verhindert.
Bleibt allerdings die Frage, wie man feststellen kann, ob man gut oder sehr gut oder vielleicht nur Mittelmaß, gar schlecht ist. Da gibt es ein probates Mittel: das „Ranking“, wie in Neudeutsch das Vergleichen mit anderen, also die Bestimmung der eigenen Position, des eigenen Rangs im Konzert der Vielen genannt wird. Das gibt es in nahezu allen Bereichen, vom Marathon über TV-Quoten bis hin zur Beliebtheit von Currysaucen. Gerade in den digitalen Medien wird man damit überflutet. Und selbst öffentlich-rechtliche Sender, zum Beispiel der Hessische Rundfunk, haben damit jahrelang ihre Sendezeiten verballert. Die schönsten Schlösser Hessens hat man sich ja noch gefallen lassen, aber als damit zu rechnen war, dass bald auch die besten öffentlichen Klohäuschen „gerankt“ werden, war dann der Kanal doch voll.
Seriöser kommen da schon Rankings und Untersuchungen von wissenschaftlichen Instituten daher, wie jüngst die Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft über die Qualität der Daseinsfürsorge in den deutschen Kommunen. Also die Frage, wie es um Bildungsangebote, Verkehrsanbindung, Gesundheitsfürsorge und so weiter steht. Um Befürchtungen vorab auszuschließen: Hanau hat insgesamt hervorragend abgeschnitten. Unter den rund 11.000 untersuchten Kommunen belegt die Brüder-Grimm-Stadt den sagenhaften 57. Platz in der Gesamtwertung. Chapeau!
Allerdings, wie gesagt: Nichts ist so gut, dass man es nicht noch besser machen könnte. Allein die Tatsache, dass Offenbach auf Platz zwei gekommen ist, schmerzt. Nun würde kein vernünftiger Hanauer auf die Idee kommen, deswegen nach Offenbach zu ziehen. Jedoch sollte die bessere Platzierung der Nachbarn – die übrigens nichts über Beliebtheit, Image oder Intelligenz aussagt – Ansporn genug sein, an uns zu arbeiten. Die Felder, um die es vorrangig geht, ergeben sich aus den Detailplatzierungen, die zwar immer noch gut, aber durchaus verbesserungsfähig sind. Bei der Mobilität landet Hanau zum Beispiel auf Platz 242. Da dürften die viel zu vielen ICE-Züge, die in Hanau nur durchrauschen, einen entsprechenden Einfluss gehabt haben. In Sachen Bildung erreicht die Stadt sogar „nur“ Platz 1.440. Wohl wegen des lange angestrebten, aber kaum realisierten Hochschulangebotes. Immerhin wurde mit der Brüder-Grimm-Berufsakademie ein Anfang gemacht. Und immerhin haben die Stadtverordneten gezeigt, wie wichtig ihnen das Thema ist, indem sie sogar ihren schmucklosen, aber anderswo fast sakrosankten Sitzungssaal den Studenten zur Verfügung gestellt haben. Zu beachten ist auch, dass bei der Bildung die Daten teilweise aus den Jahren 2021 bis 2023 stammen. Da hat die massive Sanierung und Erweiterung bei Schulen und Kindergärten in der jüngsten Zeit – man denke allein nur an den Pioneer-Park – noch keinen Niederschlag gefunden.
Bei den Freizeitmöglichkeiten wurde Platz 344 erreicht. Hier dürfte sich mit der gerade erfolgreich abgeschlossenen Sanierung des Heinrich-Fischer-Bades das Ranking inzwischen verbessert haben. Besser schneidet die Gesundheitsvorsorge mit Platz 272 ab. Ob dieser angesichts der schlechten Finanzierungsaussichten im Klinikbereich und nach der angestrebten Gesundheitsreform gehalten werden kann, ist allerdings fraglich. Am schlechtesten schneidet die Brüder-Grimm-Stadt in Sachen Digitalisierung ab, wo nur der Platz 4.154 – also das ungeliebte Mittelfeld – erreicht wurde. Begrüßenswert also, dass hier in der letzten Zeit vonseiten der Stadt richtig Dampf gemacht wurde.
Es ist – das zeigt der Platz 57 in der Gesamtwertung – sehr viel erreicht worden in den vergangenen Jahren. Es gibt aber auch viel zu tun, vor allem für die neu formierte Stadtspitze, die ja so neu gar nicht ist. Dass die Bereitschaft vorhanden ist, Gutes noch besser zu machen, ist von ihr bereits bewiesen worden. Und wenn alle Hanauerinnen und Hanauer mitziehen, dürfte sich das Ranking beim nächsten Mal sicher verbessern. Das muss das gemeinsame Ziel sein – allein schon wegen Offenbach.
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Zwischenrufer heißt unsere Kolumne, in der Dieter Schreier einen Blick auf das Hanauer Stadtgeschehen oder allgemeine Themen wirft. Der gelernte Journalist hat viele Jahre als Redaktionsleiter, Chefredakteur und Geschäftsführer bei Institutionen und Zeitungsverlagen in Nordrhein-Westfalen, Bayern, Thüringen und Hessen gearbeitet und ist heute als Medienberater und in der Journalisten-Weiterbildung aktiv. In Hanau ist er seit mehr als 25 Jahren präsent.

Zwischenschritt Es wird Zeit. Es wird endlich mal Zeit, die Deutsche Bahn zu loben. Das Unternehmen, das so oft -zurecht...
23/05/2026

Zwischenschritt

Es wird Zeit. Es wird endlich mal Zeit, die Deutsche Bahn zu loben. Das Unternehmen, das so oft -zurecht- kritisiert wird, hat endlich mal ein Dankeschön verdient. Ein Dankeschön dafür, dass die Sanierungsarbeiten am Hauptbahnhof Hanau mit der Übergabe der modernisierten Personenunterführung – vorerst – abgeschlossen sind. Wobei ein besonderes Lob der künstlerischen Gestaltung des Tunnels durch Absolventinnen der Brüder-Grimm-Berufsakademie gilt. Allerdings kann dies alles nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zu dem einer Großstadt angemessenen Hauptbahnhof sein. Oder wie es Stadträtin Isabelle Hemsley bei der Übergabe vergangene Woche treffend ausdrückte: „Allen Beteiligten muss jedoch klar sein, dass dies erst der Anfang der Entwicklung ist.“
In der Tat gibt es am Hauptbahnhof noch viel, sehr viel, Sanierungs-, Modernisierung- und Verbesserungsbedarf. Sicher wurde seit 2021 mit den 22,2 Millionen Euro – an denen sich auch das Land, die Stadt und der RMV beteiligten – durch die Modernisierung der Bahnsteige 102/103 und 104/106 und die Sanierung der Personenunterführung ein erster Schritt gemacht. Aber das kann nicht alles sein. Selbst der Tunnel ist noch nicht ganz fertig. Da gibt es noch Ecken mit offenen Kabelkanälen, alte Fußbodenplatten im Anfangsbereich und die offene Decke im S-Bahn-Aufgang. Die wurde immerhin – wie hier schon lobend erwähnt – mit einem Netz gesichert, so dass die Tauben keine Chance mehr haben, den Fahrgästen auf den Kopf zu … na ja, sie wissen schon.
Viel schmerzlicher ist jedoch, entgegen dem Eindruck, der in manchen Berichten entstehen konnte, dass der Bahnhof noch immer nicht vollständig barrierefrei ist. Das gilt zwar für die modernisierten Bahnsteige, nicht aber für den wichtigen Fernbahnsteig 5/6, wo die Züge Richtung Frankfurt, Oberrhein und Schweiz abfahren und die ICE aus dem Osten und Norden ankommen. Hier sind nach wie vor Rollstuhlfahrer, Mütter mit Kinderwagen, ältere Menschen mit Rollatoren ohne fremde Hilfe aufgeschmissen. Gleiches gilt derzeit wegen des Baus der Hauptbahnhofsbrücke auch für den ansonsten ebenerdigen Zugang zum Gleis 7, von dem die ICE in die Gegenrichtung abfahren.
Auch darüber hinaus gibt es noch manches zu bemängeln. Dass ein ICE-Bahnhof mit mehr als 20.000 Fahrgästen am Tag nur über eine einzige Toilette verfügt, ist peinlich. Gleiches gilt für die Parkplätze, für die zwar satte Gebühren verlangt werden, die man aber auch als bessere Kartoffeläcker bezeichnen könnte, würde man damit nicht die deutsche Landwirtschaft beleidigen. Auch ansonsten ist das Umfeld des Hauptbahnhofs nicht gerade ein ansprechendes Entree für Hanau. Aber immerhin macht hier die Stadt – da wo sie ohne die oft schwerfällige Bahn entscheiden kann – Dampf auf. Die Busstation wird neugestaltet, mit dem Haus rund um das Erwerbsleben wird ein neuer Akzent gesetzt und vor allem wird durch das neue Stadtviertel, das auf dem inzwischen fast komplett abgerissenen Quarzglas-Areal entstehen soll, eine ansprechende Anbindung an die City geschaffen.
Der Fairness halber sei noch erwähnt, dass die Bahn nicht alle Probleme lösen kann. Etwa beim Kampf gegen die Dreckfinken, die kaum, dass die ersten neuen Wandfliesen angebracht waren, sich mit ihren Schmierereien verewigten. Kein Kraut gewachsen ist offenbar auch gegen die Vo*******en, die trotz Verbot mit ihren Fahrrädern oder E-Rollern durch die Personenunterführung rasen – ohne Rücksicht auf Kinder oder ältere Leute. Und dabei handelt es sich beileibe nicht nur um Jugendliche. Da könnten vielleicht ein paar mehr Kontrollen und saftige Bußgelder Abhilfe schaffen.
Auf jeden Fall ist aber mit den bisherigen Modernisierungen ein erster Schritt auf dem Weg zu einem neuen Hauptbahnhof gemacht. Sicher, Hanau wird nie so einen prächtigen Verkehrspalast bekommen wie die halb so große Nachbarstadt Aschaffenburg. Da haben einfach die Jahrzehnte, in denen das Verkehrsministerium in bayerischer Hand war und das Füllhorn der Bundeszuschüsse vor allem über dem Freistaat ausgeschüttet wurde, ihre Spuren hinterlassen. Aber der Hauptbahnhof Hanau kann, wie die jüngste Entwicklung zeigt, immer besser und schöner werden. Zwischenschritt für Zwischenschritt.
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Zwischenrufer heißt unsere Kolumne, in der Dieter Schreier einen Blick auf das Hanauer Stadtgeschehen oder allgemeine Themen wirft. Der gelernte Journalist hat viele Jahre als Redaktionsleiter, Chefredakteur und Geschäftsführer bei Institutionen und Zeitungsverlagen in Nordrhein-Westfalen, Bayern, Thüringen und Hessen gearbeitet und ist heute als Medienberater und in der Journalisten-Weiterbildung aktiv. In Hanau ist er seit mehr als 25 Jahren präsent.

FlopWashington, London, Tokio, Warschau, Rom, Neu-Delhi – die Mitglieder der Bundesregierung sind viel unterwegs. Das is...
16/05/2026

Flop

Washington, London, Tokio, Warschau, Rom, Neu-Delhi – die Mitglieder der Bundesregierung sind viel unterwegs. Das ist teuer, aber zumeist sinnvoll. Für die drittgrößte Exportnation der Welt sind gute Beziehungen und Kontakte nun einmal überlebenswichtig. Aber vielleicht sollten die Koalitionäre auch einmal Hanau auf ihre Reiseliste setzen, denn hier könnten sie einiges lernen und manchen Flop vermeiden.
Natürlich müsste auf der Besuchsliste ein Abstecher bei den Brüder Grimm Festspielen stehen. Bei der zurecht hochgelobten Inszenierung von „Tischlein deck Dich“ könnten sie viel über politische Dummheiten sowie unproduktive Eitelkeiten lernen und dass sich falsche Versprechungen nicht auszahlen. Und vielleicht würden sie auch erkennen, dass es Goldesel nur im Märchen gibt, beim Steuerzahler hingegen irgendwann der Ofen aus ist und keine Dukaten mehr sprudeln.
Bei ihren Ortsgliederungen in Hanau könnten CDU und SPD wiederum lernen, wie man trotz massiver Konkurrenz mit bürgernaher und nah am realen Leben orientierter Politik immer noch jeweils rund 30 Prozent holt und die AfD im einstelligen Zaum hält. Und sie könnten lernen, wie man sogar im Wahlkampf noch anständig und respektvoll miteinander umgeht, was die Berliner Granden nicht einmal als Koalitionspartner schaffen.
Und schließlich müsste noch ein Besuch bei der Industrie- und Handelskammer am Pedro-Jung-Park auf dem Programm stehen. Mal abgesehen davon, dass Hauptgeschäftsführer Dr. Gunther Quidde als Oberst der Reserve sicher so manchen Tipp für richtige Strategien geben könnte: Vor einem so peinlichen Flop wie der jetzt gescheiterten Entlastungsprämie hätte die IHK die Bundesregierung sicher bewahrt. In einer Blitzumfrage hatten hier erwartungsgemäß mehr als zwei Drittel der befragten Unternehmen erklärt, dass sie sich die Prämie schlichtweg nicht leisten können. Lediglich neun Prozent gaben an, zahlen zu wollen. Ein weiterer Besuch bei Martin Gutmann in der Handwerkskammer hätte wohl kaum ein anderes Bild ergeben.
Dass die Wirtschaft in der aktuell so schwierigen Lage die Prämie nicht zahlen kann und wird, hätte man sich auch vorher denken können, wenn man mal über den Berliner Tellerrand herausgeguckt hätte. Und dass die Länder im Bundesrat das Gesetz kippen, war eigentlich vorhersehbar. Die wären als Arbeitgeber nämlich auch betroffen gewesen und hatten schlichtweg Angst vor dem Druck aus dem öffentlichen Dienst. Nicht zuletzt war der Beamtenbund der erste, der „Hier sind wir“ geschrien und eine Vorbildrolle der staatlichen Institutionen eingefordert hat. Und das in einer Zeit, in der die Länder finanziell auf dem letzten Loch pfeifen und die Kommunen nicht einmal mehr die Luft haben, um überhaupt noch einen Ton herauszubringen.
Man darf der Länderkammer dankbar sein, dass sie dieses von der Bundesregierung initiierte „Geschäft zulasten Dritter“ gestoppt hat. Das vermeidet Ärger bei den zwangsläufig ungleich behandelten Beschäftigten und verhindert zusätzlichen Stress in der ohnehin aufgewühlten Wirtschaftswelt. Dass überhaupt dieser „Flop mit Ansage“ auf den Weg gebracht wurde, lässt sich nur noch mit Dummheit oder Leichtsinn erklären. Das Desaster hat wieder einmal den Kritikern Munition geliefert und Wasser auf die Mühlen der AfD gespült.
Immerhin wissen wir aber dank Markus Söder, wie es überhaupt dazu gekommen ist. Der wohl „flexibelste“ Ministerpräsident in der deutschen Geschichte, der im Koalitionsausschuss erst für und dann im Bundesrat gegen die Prämie gestimmt hat, klärte in der ARD auf. Der Vorschlag sei halt überraschend und erst sehr spät am Abend von der SPD gekommen (das waren also die bösen Buben). Was eigentlich heißen würde, entweder haben alle schon gepennt oder waren nicht mehr ganz bei Sinnen. Die Koalitionäre sollten vielleicht früher ins Bett gehen. In Zeiten wie diesen brauchen wir einfach eine ausgeschlafene Regierung.
P.S. Es gibt aber auch gute Nachrichten. Vor einigen Wochen wurde an dieser Stelle bemängelt, dass die Bahn am Hauptbahnhof Hanau die Deckenverkleidung am Aufgang zum S-Bahnsteig entfernt, die darunter liegenden Verstrebungen freigelegt und dadurch ein großes, gemütliches Taubenklo geschaffen hat. Warum man nicht übergangsweise einfach mit einem Netz dafür sorgt, das die Vögel aussperrt und sie so nicht permanent den Durchgang und die Fahrgäste vollbuttern, wurde hier gefragt. Nunmehr hat die Bahn ein Netz gespannt. Die Tauben wird es ärgern, weil sie sich nun einen neuen Kackplatz suchen müssen. Die Fahrgäste hingegen freut es. Danke, Deutsche Bahn!

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Zwischenrufer heißt unsere Kolumne, in der Dieter Schreier einen Blick auf das Hanauer Stadtgeschehen oder allgemeine Themen wirft. Der gelernte Journalist hat viele Jahre als Redaktionsleiter, Chefredakteur und Geschäftsführer bei Institutionen und Zeitungsverlagen in Nordrhein-Westfalen, Bayern, Thüringen und Hessen gearbeitet und ist heute als Medienberater und in der Journalisten-Weiterbildung aktiv. In Hanau ist er seit mehr als 25 Jahren präsent.

DämmerungEigentlich ist so eine Dämmerung eine schöne Sache. Der – oftmals hektische – Tag geht zur Neige und macht dem ...
09/05/2026

Dämmerung

Eigentlich ist so eine Dämmerung eine schöne Sache. Der – oftmals hektische – Tag geht zur Neige und macht dem Abendfrieden Platz. Die Sonne entfaltet ihre letzte Kraft und taucht die Welt in goldenes Licht. Spätestens seit Richard Wagners Ring wissen wir aber, dass Dämmerung auch etwas Unschönes haben kann. Zum Beispiel, wenn sie die Götter betrifft.

Aktuell taucht in den Medien und Talkshows allerdings nicht die Götter-, sondern vielmehr die Kanzlerdämmerung auf. Anlässlich des ersten Geburtstages der kleinen Großen Koalition wird bereits über ihr nahes Ende spekuliert, zumindest aber über das vorzeitige Ende von Friedrich Merz. Er kann es nicht, er traut sich nicht richtig, er ist zu ungeschickt – man kann sich die Begründungen aussuchen. Wenn man sich erinnert, wie oft Helmut Kohl oder Angela Merkel eine Kanzlerdämmerung und ein nahes Ende vorausgesagt wurden und wie lange sie dennoch regiert haben, kann man die Aufregung gelassen hinnehmen. Außer Konrad Adenauer wurde bisher noch kein Kanzler gegen seinen Willen gezwungen, seine Amtszeit vorzeitig zu beenden. Wenn, dann geschah das – wie im Fall Schröder oder Scholz – durch das eigene Stellen der Vertrauensfrage.

Der Unterschied zu allen Vorgängern von Friedrich Merz ist zudem, dass es immer eine Alternative gab. Aber wo sollte die heute sein? In der SPD wäre lediglich Boris Pistorius dem Volk vermittelbar, fällt aber aus, da seine Genossen die Partei immer weiter in den Keller wirtschaften. Und bei der Union könnte sich niemand aufs Podium drängen, wollte er nicht als Königsmörder verschrien werden. Selbst der – nunmehr ehemalige – fränkische Food-Influencer nicht. Umso verwunderlicher ist es, dass sich viele am Bundeskanzler so emsig abarbeiten. Sicher kann man ihm einiges vorwerfen, etwa trotz besseren Wissens das Wahlkampfmantra, man komme ohne neue Schulden aus. Aber viele seiner Äußerungen werden auch so lange gedreht und seziert und gewollt missverstanden, bis man ihm alles erdenklich Schlechte unterstellen kann. Witzig ist dabei, dass ausgerechnet diejenigen, die Olaf Scholz immer vorgeworfen haben, dass er kaum redet und wenn er mal redet, nichts sagt, heute dem Kanzler vorwerfen, dass er zu oft offen ausspricht, was er denkt.

Dabei scheint das gemeine Volk den Kanzler oft besser zu verstehen als die tiefsinnigen Analysten, wenn er etwa vom Stadtbild spricht oder die plumpe Tatsache artikuliert, dass die Rente der Zukunft nur die Basis sein kann. Dabei war und ist man sich in der Koalition doch eigentlich einig, dass die illegale Migration begrenzt und die Rente allein über die Beitragssätze in Zukunft nicht zu retten ist.

Warum trotzdem immer wieder einzelne Koalitionäre querschießen, lässt sich angesichts der unglaublichen Herausforderungen kaum erklären. Während zum Beispiel die Bertelsmann-Rede von SPD-Chef Lars Klingbeil noch durchaus kanzlerkompatibel war, hat sich seine Co-Vorsitzende Bärbel Bas offenbar vollkommen dem Klassenkampf verschrieben und Merz sozialen Kahlschlag unterstellt. Assistiert von ihrem Büchsenspanner Matthias Miersch, der dem Kanzler öffentlich Unfähigkeit bescheinigt. Und aus den Reihen der Union lamentiert zum Beispiel der Abgeordnete Christian von Stetten wenig hilfreich über das vorzeitige Ende der Koalition.

Allen Blockierern und Ideologen sollte doch klar sein, dass es aktuell keine vernünftige Alternative zur Koalition gibt, die zum Erfolg und damit zur Zusammenarbeit verdammt ist. Und die Mehrheit weiß ohnehin, dass ein vorgezogenes Ende samt Neuwahlen ins Desaster führen würde. Einen Vorgeschmack werden wir im Herbst bei den Landtagswahlen bekommen, wo laut aktuellen Umfragen – abgesehen von Berlin – keine Mehrheitsregierung ohne die AfD gebildet werden kann, das heißt, überhaupt keine demokratische Mehrheitsregierung zustande kommen wird.

Insofern kann man davon ausgehen, dass sich die Vernünftigen durchsetzen. Dass aus dringend notwendigen Reformen nicht Reförmchen werden und die Kassandra-Rufer ins Abseits gestellt werden. Denn wenn es auch den Querschlägern nicht bald dämmert, worum es wirklich geht, könnte tatsächlich die Dämmerung, gar die Dunkelheit drohen – nicht nur für die Regierung, sondern für das ganze Land.

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Zwischenrufer heißt unsere Kolumne, in der Dieter Schreier einen Blick auf das Hanauer Stadtgeschehen oder allgemeine Themen wirft. Der gelernte Journalist hat viele Jahre als Redaktionsleiter, Chefredakteur und Geschäftsführer bei Institutionen und Zeitungsverlagen in Nordrhein-Westfalen, Bayern, Thüringen und Hessen gearbeitet und ist heute als Medienberater und in der Journalisten-Weiterbildung aktiv. In Hanau ist er seit mehr als 25 Jahren präsent.

PräsidialEigentlich ist ja durchaus noch Zeit. Erst am 30. Januar nächsten Jahres soll der neue Bundespräsident, also de...
02/05/2026

Präsidial

Eigentlich ist ja durchaus noch Zeit. Erst am 30. Januar nächsten Jahres soll der neue Bundespräsident, also der Nachfolger von Frank-Walter Steinmeier, durch die Bundesversammlung gewählt werden. Wobei es diesmal wohl kein Nachfolger, sondern vielmehr eine Nachfolgerin werden wird. Es ist endlich Zeit für eine Frau als Staatsoberhaupt – darin sind sich viele Politiker über die Parteigrenzen hinweg einig. Die Frage ist nur, welche Frau als präsidial genug eingeschätzt wird.
Aktuell geht ein Name viral, der für viele Politikbeobachter schon lange kein Geheimtipp mehr ist: Ilse Aigner von der CSU. Ihre Freundin, Bundesforschungsministerin Dorothee Bär, hat die bayerische Landtagspräsidentin öffentlich ins Gespräch gebracht. Und dafür Zustimmung aus der Koalition erhalten. Selbst SPD-Chef Klingbeil meinte, er „schätze Ilse Aigner sehr“. Ansonsten halte er sich aber zurück und hoffe auf einen gemeinsamen Vorschlag aus der Koalition. Wohl wissend, dass eine sozialdemokratische Kandidatin – so überhaupt auffindbar – angesichts der schwächelnden Partei kaum eine Mehrheit finden dürfte.
Auch Bundeskanzler Merz möchte das Thema erst im Herbst entscheiden. Vermutlich will er die Landtagswahlen im Osten abwarten, die noch einmal für eine deutliche Veränderung in der Bundesversammlung führen dürften. Dass hingegen Bayerns Ministerpräsident Markus Söder den Vorschlag sofort begrüßt hat, verwundert kaum. Immerhin würde damit seine langjährige Konkurrentin, die er als Landtagspräsidentin ruhiggestellt glaubte, endgültig aus der bayerischen Politik ausscheiden. Schließlich hat Aigner in ihrer aktuellen Rolle dem Franken, der in der eigenen Partei nach mageren Wahlergebnissen nicht mehr unumstritten ist, in Sachen Beliebtheit hier erst recht den Rang abgelaufen.
Unabhängig davon bringt Ilse Aigner viele Vorzüge mit. Sie wäre die erste Frau im Amt, das erste Staatsoberhaupt aus den Reihen der CSU. Erstmals würde jemand aus dem weiß-blauen Freistaat an der Spitze stehen, sieht man vom gebürtigen Niederbayern Roman Herzog ab, der allerdings als CDU-Politiker und Jurist aus Baden-Württemberg ins Amt kam. Ein weiterer Vorteil: Die ehemalige Bundes- und Landesministerin kennt den politischen Betrieb, auch im Haifischbecken Berlin, aus dem ff und dürfte sich nicht so schnell aufs Glatteis führen lassen. Das Wichtigste aber: Sie hat als würdige Nachfolgerin der legendären Landtagspräsidentin Barbara Stamm deren soziales Engagement und die Politik des Ausgleichs und der Versöhnung fortgesetzt und sich dadurch nicht nur im Freistaat viel Anerkennung erworben. Damit wäre sie ein Gegenentwurf zu vielen ansonsten aus der politischen Mitte genannten Kandidaten wie etwa von rechts Wolfgang Bosbach (CDU) oder von links Katrin Göring-Eckardt (Grüne), die eher polarisieren würden.
Gleich aber, wie die Wahl ausgeht: Bisher haben die Deutschen durchaus Glück mit ihren Präsidenten gehabt. Trotz mancher Turbulenzen gab es stets präsidiale Staatsoberhäupter, was man von anderen Ländern – gerade in der heutigen Zeit – nicht unbedingt sagen kann. So wie der erste volksnahe Präsident „Papa“ Heuss als Symbol für das neue Deutschland galt, waren die Bundespräsidenten immer ein Spiegelbild ihrer Zeit. Und haben zumeist eine prägende Erinnerung hinterlassen. Etwa der bürgernahe und unprätentiöse Gustav Heinemann, der auf die Frage, ob er den Staat liebe, die legendäre Antwort prägte: „Ich liebe meine Frau“ und zudem entscheidend zur Aussöhnung mit Deutschlands Nachbarländern beitrug. Oder Richard von Weizsäcker, der mit seiner Rede zum 8. Mai statt der Kriegsniederlage endlich die Befreiung von der Nazi-Diktatur ins Zentrum rückte. Oder man denke an Joachim Gauck als Bindeglied zwischen den wiedervereinten Teilen Deutschlands.
Dabei wurden nicht alle Präsidenten fair behandelt. Christian Wulff etwa wurde zum Rücktritt mit strafwürdigen Vorwürfen gezwungen, die am Ende vor Gericht nicht standhielten. Und Horst Köhler ging freiwillig. Weil das mediale und politische Establishment mit dem im Volk äußerst beliebten Präsidenten wenig anfangen konnte. Der Seiteneinsteiger, der es vom armen Flüchtlingskind an die Spitze des Welt-Währungsfonds gebracht hatte, wurde von den Berliner „Profis“ belächelt. Seine Ansicht, dass er dem Land, das ihm diesen Aufstieg ermöglicht habe, etwas zurückgeben wolle, stieß in der Welt der Selbstdarsteller auf Unverständnis.
Warten wir also den Herbst ab. Ilse Aigner hat auf jeden Fall gute Chancen. Erstmals würde eine „First Lady“ an der Spitze stehen, übrigens als ledige Frau ohne einen „First Gentleman“. Auch das wird frischen Wind in das oftmals verkrustete Protokoll bringen. Und frischer Wind tut immer gut – in unserem Land ohnehin.
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Zwischenrufer heißt unsere Kolumne, in der Dieter Schreier einen Blick auf das Hanauer Stadtgeschehen oder allgemeine Themen wirft. Der gelernte Journalist hat viele Jahre als Redaktionsleiter, Chefredakteur und Geschäftsführer bei Institutionen und Zeitungsverlagen in Nordrhein-Westfalen, Bayern, Thüringen und Hessen gearbeitet und ist heute als Medienberater und in der Journalisten-Weiterbildung aktiv. In Hanau ist er seit mehr als 25 Jahren präsent.

Paradies Gibt es eigentlich ein Paradies für Tauben? Nix Genaues weiß man nicht. Man weiß ja noch nicht einmal, ob es wi...
25/04/2026

Paradies

Gibt es eigentlich ein Paradies für Tauben? Nix Genaues weiß man nicht. Man weiß ja noch nicht einmal, ob es wirklich eins für Menschen gibt. Wobei, falls es eins gibt, ahnt man, welche Zeitgenossen dort bestimmt nicht landen werden.
Aber immerhin gibt es bisweilen annähernd paradiesische Zustände bereits auf Erden. Auch für Tauben. Zum Beispiel auf der Dauer-Sanierungsbaustelle Hauptbahnhof Hanau. Nirgendwo scheinen sich diese Vögel so wohlzufühlen. Irgendwas zu schnabulieren gibt es immer, zumal manche Zeitgenossen die Tiere auch noch füttern. Das ist zwar verboten, aber die vermeintliche Tierliebe übersteigt nun einmal bei vielen Deutschen die Menschenliebe um ein Vielfaches. Das Resultat sind dann überall die schmierigen Hinterlassenschaften der Tauben, die alles andere als einladend sind.
Aber nicht nur manche Fahrgäste, auch die Bahn selbst scheint ein Herz für die Flatterviecher zu haben. Sie hat ihnen jetzt ein eigenes Klosett eingerichtet, damit diese ihre Notdurft ganz in Ruhe und geschützt mitten im Bahnhof verrichten können. Hintergrund ist die jahrelange scheibchenweise Sanierung des Bahnhofs. Gegen den Hanauer Hauptbahnhof ist Stuttgart 21 ein wahres Turbo-Projekt.
Im Zuge dieser Prukelei wurden vor einiger Zeit die Deckenplatten am Aufgang zum S-Bahnsteig, also gleich am Beginn des Tunnels, abmontiert – und offengelassen. Und auf den Verstrebungen der Unterkonstruktion haben es sich jetzt die Tauben gemütlich gemacht und lassen hier konzentriert Dinge fallen, die man nicht mal auf der Schaufel haben möchte. Resultat ist permanent ein schmieriger Teppich, durch den die Fahrgäste stelzen müssen. Zwar wird hier regelmäßig gereinigt, aber das hilft logischerweise nur für kurze Zeit. Noch während die Reinigungsmaschine durchzieht, buttern die Kerlchen schon wieder los, dass es nur so eine Art ist. Glücklich, wer das Zeug nur am Schuh und nicht in der Frisur hat.
Nun gebe es ja eine ganz einfache Möglichkeit, das Problem zu lösen. Wenn man schon Monate braucht, um die Deckenplatten wieder anzubringen, könnte man ja in der Zwischenzeit einfach ein Netz spannen, welches das Tauben-Klosett-Paradies vorerst verschließt. Aber wir sind halt bei der Bahn.
Und hier noch ein kleines Schmankerl aus dem Abenteuer-Paradies Deutsche Bahn: Ostersamstag am Hauptbahnhof Frankfurt. Der Zug nach Berlin soll um 11.36 Uhr fahren, diesmal verlegt auf Gleis 9. Gegen 11.32 Uhr plötzlich Unruhe auf dem Bahnsteig. Ohne Ansage wurde auf der Hinweistafel die Verlegung nach Gleis 12 angekündigt. Rennen und Schieben setzt ein, Treppe runter durch den Mitteltunnel und Treppe wieder rauf. Eine Dame stürzt über ihren Koffer, Kinder kreischen. Die Hektik hätte man sich sparen können, der Zug ist noch nicht da. Später wird dann eine Verspätung angezeigt, welche sich schrittweise auf die neue Abfahrtszeit 12.06 Uhr erhöht.
Vorher rauscht ein anderer ICE ein, der erst als Berliner angekündigt wird und für ein Rein-Raus-Spiel voreiliger Fahrgäste sorgt, später auf der Tafel aber als Zug nach Graz gekennzeichnet wird. Der Berliner rutscht an die zweite Stelle. Abfahrt bleibt bei 12.06 Uhr. Kurz zuvor erscheint dann auf der Tafel ohne Ansage der Hinweis, dass der Berliner auf Gleis 11 verlegt wurde. Also wieder Gedränge und Gerenne, Treppe runter, Treppe rauf. Auf der Anzeigetafel von Gleis 11 steht dann, dass der Zug nach Graz auf Gleis 12 verlegt wurde, also ein lustiges Bäumchen-wechsel-Dich-Spiel. Und der Zug nach Berlin? Der fährt am Ende tatsächlich von Gleis 11 ab, wenn auch nicht um 12.06 Uhr, sondern um 12.20 Uhr.
Merke: Für Abenteurer und Menschen, die Chaos und Risiko lieben, ist die Deutsche Bahn schon auf Erden ein Paradies. Und für Tauben sowieso.
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Zwischenrufer heißt unsere Kolumne, in der Dieter Schreier einen Blick auf das Hanauer Stadtgeschehen oder allgemeine Themen wirft. Der gelernte Journalist hat viele Jahre als Redaktionsleiter, Chefredakteur und Geschäftsführer bei Institutionen und Zeitungsverlagen in Nordrhein-Westfalen, Bayern, Thüringen und Hessen gearbeitet und ist heute als Medienberater und in der Journalisten-Weiterbildung aktiv. In Hanau ist er seit mehr als 25 Jahren präsent.

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