10/01/2026
Sonderbar
„Berlin, Berlin – du bist so wunderbar“, hat dereinst die Gruppe Kaiserbase die deutsche Hauptstadt besungen. Die Opfer der Gewalt in der Silvesternacht, die Betroffenen des Stromausfalls oder aber diejenigen, die täglich unter den teilweise chaotischen Verhältnissen der Hauptstadt leiden, dürften das Lied inzwischen allenfalls als Satire empfinden. Und als Außenstehender mag man das Wort „wunderbar“ vielleicht eher durch das Wort „sonderbar“ ersetzen.
Natürlich liegt die Hauptverantwortung für den tagelangen Stromausfall, der Zehntausende getroffen, ja Menschenleben gefährdet hat, bei den Brandstiftern. Bekannt dazu hat sich die linksextremistische, ominöse Gruppe „Vulkan“. Leute, die sich selbst vielleicht als politische Aktivisten bezeichnen, tatsächlich aber nichts anderes sind als kriminelle Terroristen. Sie hätten den „Herrschenden den Saft abdrehen wollen“, heißt es im Bekennerschreiben, und außerdem gegen die Energieerzeugung mit fossilen Brennstoffen protestiert. Was für Idioten!
Genauso sonderbar wie diese Begründung ist aber auch das Krisenmanagement des Berliner Senats und der Verwaltung. Natürlich kann man die „kritische Infrastruktur“ nicht zu hundert Prozent schützen, wie der regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) nicht müde wird, zu betonen. Natürlich nicht, aber man darf sich schon fragen, ob es zum Beispiel sinnvoll ist, das vorgeschriebene Notfall-Ersatzkabel im gleichen Kanal zu verlegen, wie das Hauptkabel.
Der permanente Sicherheitshinweis des Mannes, der anfangs lieber Tennis spielte, soll aber offensichtlich vom eigentlichen Skandal ablenken. Der Tatsache nämlich, dass Berlin auf solche Krisensituationen nur mangelhaft vorbereitet ist. Erst vor Kurzem hatte der Landesrechnungshof die völlig unzureichende Katastrophenvorsorge der Stadt angeprangert. Statt realen Gefahren vorzubeugen, hat man sich lieber darum gekümmert, die traditionelle Mohrenstraße politisch korrekt umzubenennen. Dass in den stromlosen Tagen nicht mehr passiert ist, dürfte nur dem aufopferungsvollen Einsatz der Rettungskräfte, der Bauarbeiter und der Nachbarschaftshilfe zu verdanken sein.
Das Bild eines hilflosen Bürgermeisters, der neben einer mehr als 90-jährigen Pflegebedürftigen steht, die man auf ein Feldbett in einer Turnhalle verfrachtet hat, ist nicht nur beschämend, sondern dürfte sich im aufkommenden Wahlkampf nicht gut machen. Dazu kamen stammelnde und offenbar überforderte grüne Bezirksbürgermeisterinnen. Einzig SPD-Senatorin Franziska Giffey war als Kümmerin omnipräsent. Typisch für Berlin, dass diese beliebte Politikerin von der eigenen Partei längst abserviert wurde. Und die AfD? Die kann sich einfach zurücklehnen. Wie so oft in diesem Land werden ihr die Wählerstimmen von den anderen kostenfrei ins Haus geliefert.
Und wie wird es in Berlin weitergehen? Die Aussichten für die Wahlen zum Abgeordnetenhaus im September versprechen jedenfalls wenig Änderung. Nach den bisherigen Umfragen dürfte es zu einer rot-rot-grünen Koalition, erstmals mit einer regierenden Bürgermeisterin der Linkspartei kommen. Na dann: alles Gute, Berlin!
Das Ärgerliche ist nur, dass Berlin oftmals als Aushängeschild für die ganze Republik betrachtet wird – was ja nicht ganz so abwegig ist. Eine Stadt, die nicht nur sonderbar, sondern offenbar auch nicht mehr ganz bei Sinnen ist. Und so mag auch diese erste Kolumne des neuen Jahres mit einem Liedtext nicht nur beginnen, sondern auch enden. Einem Gassenhauer, der die Hauptstadt ganz gut beschreibt, auch wenn er bereits Ende des 19. Jahrhunderts entstanden ist: „Du bist verrückt mein Kind, du musst nach Berlin. Wo die Verrückten sind, da jehörste hin!“
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Zwischenrufer heißt unsere Kolumne, in der Dieter Schreier einen Blick auf das Hanauer Stadtgeschehen oder allgemeine Themen wirft. Der gelernte Journalist hat viele Jahre als Redaktionsleiter, Chefredakteur und Geschäftsführer bei Institutionen und Zeitungsverlagen in Nordrhein-Westfalen, Bayern, Thüringen und Hessen gearbeitet und ist heute als Medienberater und in der Journalisten-Weiterbildung aktiv. In Hanau ist er seit mehr als 25 Jahren präsent.