25/12/2025
Wie jedes Jahr gibt es heute eine kleine Weihnachtsgeschichte, dieses Mal von Autorin Elena Münscher.
Einer bleibt bei der Herde
Elena Münscher
Missmutig sah Esra über die dürre, steinige Ebene. Nicht ein einziges Schaf mehr in Sicht.
Nicht, dass er es ihnen verübelte.
Er wäre auch am liebsten abgehauen, als diese Lichtgestalten plötzlich vom Himmel ploppten.
Das Licht alleine hätten die Schafe vielleicht noch toleriert. Aber dieser tosende Gesang musste auf einfach jedes halbwegs lebendige Schaf in die Flucht treiben.
Was er ja auch getan hatte.
Esra hätte gerne angenommen, dass er die Herde mutig verteidigt hätte.
Aber er wusste die Wahrheit.
Vor lauter Angst hatte er nicht mal gewagt, Luft zu holen. Geschweige denn, die Schafe aufzuhalten.
Wo immer die jetzt waren, in Sichtweite jedenfalls nicht.
Waren Engel immer so ... gewaltig? Kein Wunder, dass sie anscheinend jedes Mal, wenn sie auf Menschen trafen, "Fürchtet euch nicht!" sagten. Alles schön und gut, dass anscheinend ein neuer König für Israel verkündet werden musste, aber das hätte vermutlich auch etwas leiser funktioniert. Und jetzt waren Noah, Daniel und der alte Uri losgestapft, diesen neuen König zu begrüßen. Hätte Esra auch gerne gemacht. Ein Stall war mit Sicherheit wärmer als dieses kalte nächtliche Feld. Aber nein, Noah hatte ihn mal wieder für die mieseste Arbeit ausgeguckt. Immer den Jüngsten. "Du bleibst bei der Herde", hatte er gesagt. "Sieh zu, dass die Schafe wieder hier sind, wenn wir zurückkommen. Und wehe, du verlierst welche!"
Esra kniff die Augen zusammen. Hatte sich da hinten etwas bewegt? Etwa Wölfe? Das Herz klopfte plötzlich irgendwo direkt unter seiner Kehle und drückte ihm den Atem ab.
Etwas löste sich aus den Schatten. Mit Aufatmen erkannte Esra die Hunde. Dem Allmächtigen sei dank, er hatte doch noch Verstärkung und Schutz.
Keinen halben Psalmvers später revidierte er seine Gedanken. Diese Feiglinge von Hunden kamen mit eingeklemmter Rute angekrochen, immer noch zitternd vor Angst, drückten sich gegen seine Beine und wollten keinen Fingerbreit weichen. Ganz toll. Zwei bibbernde, zu nichts zu gebrauchende Hunde, und die Schafe sonstwo verteilt.
"Blöde Engel!", knurrte er. Die Himmlischen hatten wirklich weniger Verstand als seine Schafe.
Er sah wieder hinaus in die Nacht. Kalt und dunkel. Bedrohlich.
„Worauf wartest du? Die Schafe kommen nicht von alleine zurück!“
Esra wirbelte herum. Nur wenige Schritte entfernt stand ein Mann. Ganz offensichtlich kein Hirte. Auch kein Bauer. Seine Kleidung, einfaches, aber blütenweißes, nie geflicktes Leinen, wies auf jemanden hin, der nicht körperlich arbeiten musste.
Und jemanden, der dumm genug war, sich in so einer Nacht nicht mal einen Mantel anzuziehen.
Die Hunde pressten sich noch enger an Esra.
„Hast du noch mehr so erleuchtende Erkenntnisse?“, fragte Esra ungehalten.
„In der Tat“, gab der Fremde zurück. „Die Schafe sind sehr weit gelaufen und haben sich in der ganzen Gegend verteilt. Du wirst Hilfe brauchen.“
„Klar. Und wer, bitte, sollte mir hier wohl helfen?“
„Ich“, sagte der Fremde.
Einfach so. Jemand, der eindeutig ein Hochgestellter war, wollte mit ihm Schafe einsammeln? „Warum?“
Der Fremde sah etwas verlegen drein. „Weil ich vermutlich Schuld bin, dass sie weggelaufen sind. Das mit dem Licht und dem Gesang war meine Idee. Zugegeben, an die Schafe habe ich in meiner Freude nicht gedacht.“
Esra starrte ihn an. „Du hast eine Idee, und dann kommen Engel und tun, was du dir ausgedacht hast? Wieso?“
„Ich bin auch ein Engel“, sagte der Fremde.
„Glaub ich nicht. Die Engel haben geleuchtet. Du leuchtest nicht.“
„Die Engel, die deinen Vorfahren Abraham besuchten, haben auch nicht geleuchtet. Er hat sie deshalb auch nicht gleich als Engel erkannt.“
Da war was dran. Von irgendwelchem Leuchten hatte nichts in der Torah gestanden. Esra hatte die Geschichte in der Synagoge gehört. Die Besucher hatten Abraham erst zeigen müssen, dass sie wirklich Engel waren.
Aber das beseitigte nicht alle seine Bedenken.
„Hast du überhaupt Ahnung von Schafen?“
„Nein“, gab der Engel belustigt zurück. „Aber du hast Ahnung, und deine Hunde haben Ahnung. Ich vermute, du hast nichts dagegen, wenn ich mir euer Wissen ausborge.“
„M-hm.“ Esra wusste immer noch nicht genau, ob er dem seltsamen Wesen trauen sollte.
Etwas wie eine Feder schien ihn zu berühren, über seine Stirn zu streichen. Die Hunde lösten sich von seinen Beinen und gingen zwei, drei Schritte auf den Fremden zu, schwanzwedelnd. Esra blieb stehen. Die Hunde mochten bestechlich sein, er nicht.
„Esra, du solltest mir wirklich glauben.“
Es lag kein Tadel in diesen Worten, nur eine freundliche Aufforderung. Trotzdem verspürte Esra wieder Unbehagen. „Woher weißt du meinen Namen?“
„Ich habe mir dein Wissen ausgeborgt. Über die Schafe. Dabei auch etwas über dich erfahren. Das war nicht zu vermeiden.“
Esra zog eine Grimasse. „Ungerecht. Du kennst meinen Namen. Ich kenne nicht den deinen.“
Der Engel lächelte. „Ich heiße Ramiel. Esra, wir sollten jetzt wirklich losgehen und die Schafe einsammeln.“
Der Engel war geschickter, als Esra angenommen hatte. Irgendwie schaffte er es, die schmutzigweißen Schafe in der von Mond und Sternen beleuchteten, ebenfalls schmutzigweißen, staubigen Landschaft zielsicher aufzuspüren. Die erste Gruppe von einem Dutzend Schafen brachten sie gemeinsam zurück zum Lagerplatz. Esra ließ den alten Hund bei ihnen zurück, damit sie nicht wieder ausrissen.
Der jüngere Hund musste ihnen helfen, die nächsten eingesammelten Schafe unterwegs beisammen zu halten. Der Engel stellte sich gar nicht so schlecht an. Der würde tatsächlich einen brauchbaren Hirten abgeben. Aber das sagte Esra natürlich nicht. Lob stieg dem Gelobten zu Kopfe, wie Uri immer erklärte. Esra konnte sich nur an ein einziges Lob erinnern. Das war, als er das Lamm vor dem Adler gerettet hatte. Und auch da hatte er nur ein „Gut gemacht!“ zu hören bekommen.
Drei Schaftrupps hatten sie bereits wieder zurückgebracht. Esras Blick glitt prüfend über die Herde. Acht Tiere fehlten noch.
„Wir müssen noch mal los.“
„Du bist ein guter Hirte, Esra“, sagte Ramiel. „Du willst keines deiner Tiere im Stich lassen.“
„Hm.“ Esra hätte die Schafe liebend gerne im Stich gelassen. Aber ein Hirte bekam nur verdammt wenig Geld für seine Arbeit. Und jedes fehlende Schaf wurde von dieser Bezahlung abgezogen. Da kannten die Bauern, denen die Herde gehörte, keine Gnade. Acht Schafe, das war ein Jahresverdienst. Esra mochte nicht daran denken, was die anderen Hirten mit ihm machen würden, wenn er wirklich acht Schafe verlor. Dann lieber noch eine nächtliche Tour.
Die letzten acht Schafe waren natürlich die schwierigsten. Alle einzeln, zerstreut in buchstäblich alle Himmelsrichtungen. Und alle ziemlich weit gelaufen. Der Hund war erschöpft. Esra war erschöpft. Der Engel sah so blütenweiß aus wie zuvor.
Nach und nach fanden sie die fehlenden Tiere. Ein völlig erschöpftes Jungschaf musste Esra aus einer Felsrinne herausklauben. Das Tier knickte kraftlos ein, als er versuchte, es auf die Beine zu stellen. Esra nahm es in seine Arme und trug es.
Endlich waren sie zurück am Lagerplatz. Von dem Feuer waren nur noch ein paar glimmende Reste vorhanden. Nicht genug, um die kalte Nacht zu erwärmen. Esra war aufrichtig dankbar für das Schaf in seinen Armen. Wenigstens war diese lebendige Wolle warm. Er kauerte sich an die Feuerstelle, das Schaf weiter fest im Griff, und begann mit einer Hand Holz nachzulegen.
Das Holz war zu grob und zu kalt. Es wollte kein Feuer fangen. Esra sah auf zu Ramiel. „Könntest du ...“
Der Engel nickte nur, machte eine Handbewegung, und schon flackerten kleine Flämmchen auf. Dann setzte er sich neben Esra.
Die Flammen wurden größer. Wärmer. Esra dachte an das, was die Engelschar gesungen hatte.
„Ich hätte diesen neuen König gerne besucht“, sagte er schließlich.
„Ich auch“, gestand Ramiel.
Esra sah ihn erstaunt an. „Du bist doch ein Engel. Du könntest doch einfach ...“
„Dann hätte ich dich und die Schafe im Stich gelassen.“
Esras Blick ging dorthin, wohin die anderen Hirten verschwunden waren, in Richtung des merkwürdigen wandernden Sterns, der seit Wochen alle beunruhigte. „Wie so ein Weltenherrscher wohl aussieht?“
„Wie alle kleinen Menschenkinder“, sagte der Engel.
Esra dachte nach. „Wenn er aussähe wie alle anderen Kinder auch, wären meine Schäferkollegen schon längst zurück. Die haben selbst genug Kinder, die sie ansehen können.“
Ramiel schwieg.
Esras Gedanken wanderten weiter. „Aber für normale Menschenkinder kommen keine Engel, um deren Geburt zu verkünden. Irgendetwas muss einfach besonders an diesem Kind sein.“
Keine Antwort.
„Ich möchte auch dorthin gehen.“
„Und die Schafe im Stich lassen?“, fragte Ramiel. „Willst du das wirklich?“
„Natürlich nicht. Aber ich würde es wirklich gerne sehen“, murmelte Esra und streichelte über die Samtohren des Schafs.
Ramiel lächelte. „Diesen Wunsch zumindest kann ich dir erfüllen.“
Wieder eine Handbewegung. Die Flammen schlugen plötzlich hoch. Dann teilten sie sich in der Mitte. Und dort, wo die Flammen sich teilten, erschien das Bild eines Stalls. Es schien auf Esra zuzukommen, solange, bis er meinte, die Tür berühren zu können. Dann war das Bild plötzlich im Inneren des Stalls, und Esra sah Noah, Daniel und Uri auf Strohballen sitzen. Ihnen gegenüber sah er einen Fremden, einen älteren Mann, der seinen Arm schützend um eine junge Frau gelegt hatte. Und diese Frau hielt ein Baby im Arm. Esra hatte oft genug Neugeborene gesehen, um zu wissen, dass dieses Kind keinen Tag alt war.
„Das ist der neue König“, sagte Ramiel andächtig. „Er ist es, der das Licht in die Welt tragen wird.“
Esra starrte auf das Kind, dann zu Ramiel, der jetzt tatsächlich zu leuchten begann. Nur ein wenig, um die Schafe nicht wieder zu verstören. Aber er leuchtete.
Ein kleines Kind in einem Stall. Eltern, die offensichtlich kaum reicher waren als die Hirten. Das sollte ein König sein? Irgendwie hatte Esra sich Könige anders vorgestellt.
Die Feder glitt wieder über seine Stirn.
„David war zuerst auch nur ein Hirte. Ein Hirte, der zum bejubelten König ganz Israels wurde“, sagte Ramiel leise. „Nicht jeder König wird in einem Palast geboren.“
Das Bild in den Flammen erlosch. „Jetzt haben wir ihn beide gesehen. Du bist müde, Esra. Schlaf ein wenig. Ich werde über dich und die Schafe wachen.“
Esra war wirklich müde von all der Rennerei, wie er überrascht feststellte. Hundemüde. Und ein Engel als Wächter, da würde bestimmt nicht einmal Noah schimpfen, wenn er sich etwas Schlaf gönnte. Esra rollte sich neben dem Feuer zusammen, das Schaf noch immer im Arm. Seine Augen fielen von ganz alleine zu.
Das Feuer knisterte, das Schaf atmete, Ramiel leuchtete sanft.
Und während Esra in den Schlaf driftete und von einem König träumte, der irgendwie auch ein wenig wie sein Schaf aussah, klang aus der Ferne leiser Engelsgesang.