04/09/2026
Dokumentieren zwischen Wahrheit und Zensur: Die Schule der Beobachtung
Der DEFA-Dokumentarfilm bewegte sich in einem widersprüchlichen Spannungsfeld. Einerseits sollte er politische Botschaften vermitteln, gesellschaftliche Entwicklungen erklären und den sozialistischen Staat inszenieren. Andererseits entstanden im Laufe der Jahrzehnte Arbeiten, die den Alltag mit großer Nähe beobachteten und dadurch eine Wirklichkeit sichtbar machten, die über offizielle Selbstdarstellungen hinausging. Der Dokumentarfilm wurde so zu einer Art visuellem Gedächtnis der DDR – allerdings unter den Bedingungen staatlicher Kontrolle.
Besonders eindrucksvoll verkörperte diese Entwicklung die Langzeitdokumentation „Die Kinder von Golzow“. Winfried Junge und sein Team begleiteten seit 1961 Kinder aus dem brandenburgischen Golzow über Jahrzehnte hinweg. Aus der ursprünglich geplanten Dokumentation über eine Schulklasse entstand ein einzigartiges filmisches Langzeitprojekt, das Kindheit, Ausbildung, Beruf, Familie, Alter und gesellschaftlichen Wandel über mehrere Generationen hinweg festhielt. Gerade die beiläufigen Momente machten die Filme wertvoll: Nicht nur politische Ereignisse, sondern Hoffnungen, Enttäuschungen, berufliche Entscheidungen und alltägliche Lebenswege wurden dokumentiert.
Diese beobachtende Tradition bedeutete jedoch keineswegs Zensurfreiheit. Dokumentarfilmer mussten sich mit Abnahmen, politischen Vorgaben und institutionellen Interessen auseinandersetzen. Manche Filme wurden zurückgestellt, verändert oder gar nicht aufgeführt. „Barfuß und ohne Hut“ von Jürgen Böttcher etwa geriet wegen seiner unkonventionellen Darstellung von Jugendlichen und ihres Lebensgefühls in Konflikt mit den kulturpolitischen Erwartungen. Auch andere Dokumentarfilme, die soziale Spannungen, Umweltprobleme oder Widersprüche des DDR-Alltags thematisierten, konnten auf Widerstand stoßen. Der Eingriff erfolgte dabei nicht immer in Form eines spektakulären Verbots; häufig wirkten Auswahl, Kürzungen, Aufführungsbeschränkungen oder institutioneller Druck.
Eine andere Funktion erfüllte „Der Augenzeuge“, die zentrale DEFA-Wochenschau. Von 1946 bis 1980 zeigte sie Nachrichten, politische Ereignisse, Arbeitswelt, Kultur und Sport und erreichte über die Kinos ein Massenpublikum. Ihre Beiträge waren Teil der staatlich gelenkten Informations- und Öffentlichkeitsarbeit und vermittelten ein Bild der DDR, in dem politische Erfolge, gesellschaftlicher Fortschritt und sozialistische Werte im Vordergrund standen.
Zwischen „Augenzeuge“ und „Golzow“ zeigt sich damit die ganze Spannweite des DDR-Dokumentarfilms. Auf der einen Seite stand das staatlich gewünschte Bild der Gesellschaft, auf der anderen die beharrliche Beobachtung ihrer Menschen. Gerade dort, wo Kameras nicht nur Ereignisse illustrierten, sondern Menschen über längere Zeit begleiteten, entstand eine historische Quelle von besonderem Wert. Sie bewahrt eine Alltagswirklichkeit, die sich der offiziellen Sprache des Staates immer wieder entzog.