01/06/2026
Panikraum kommen aus dem deutschsprachigen Underground. Irgwendwo zwischen Post-Punk, Wave und dieser angenehm unglamourösen Ecke. Diese Ecke, in der sich Gitarren eher schief als geschniegelt anhören dürfen. Diese Ecke in der Emotionen nicht geschniegelt im Refrain serviert werden, sondern eher wie ein halb verrauchter Gedanke im Türrahmen stehen bleiben. Wer sie einordnen will, landet schnell bei Namen wie EA80 oder Die Strafe. Aber Panikraum wirken dabei nie wie jemand, der in einer Tribute-Band feststeckt. Sondern eher wie Leute, die sich diese Einflüsse genommen haben und sie einmal durch einen sehr grauen Filter gezogen haben. Nach ihrem Debüt „Kopfkino“, das schon genau diesen schräg schönen Blick in innere Abgründe hatte. Mit „Selbst“ legt die Band ein Album vor, das weniger nach „zweitem Versuch“ und mehr nach „jetzt haben wir’s wirklich geschnallt“ klingt.
„Selbst“ fühlt sich beim Hören ein bisschen an wie ein Aufzug, der nicht besonders schnell fährt. Aber dafür konsequent in die falsche Etage und man bleibt trotzdem drin. Nur weil die Musik darin eine seltsame Sogwirkung entwickelt. Das Album macht keine großen Gesten, es reißt nicht die Arme hoch und schreit „Hier bin ich!“. Sondern sitzt eher still neben dir auf dem Sofa und sorgt dafür, dass du nach einer Weile merkst „Das war jetzt keine gute Idee, es so gemütlich zu finden.“ Die Songs wirken bewusst reduziert, fast spröde, aber genau darin steckt ihre Stärke. Nichts wird überdekoriert, nichts wird mit Glitzerstaub erschlagen. Hier wird eher weggelassen als draufgepackt und genau dadurch entsteht diese kalte, dichte Atmosphäre. Der Sound ist dabei angenehm unerquicklich. Gitarren, die nicht glänzen wollen, sondern eher so klingen, als hätten sie schon ein paar schlechte Nachrichten gesehen. Ein Schlagzeug, das selten drängt, sondern eher stoisch die Tür zum nächsten Gedankenblock aufhält. Ein Gesang, der nicht predigt, sondern eher so wirkt, als würde jemand seine Gedanken laut sortieren und dabei gelegentlich selbst überrascht sein, was da rauskommt. Das Ganze hat etwas von kontrollierter Melancholie, nicht dieses große Drama, sondern eher der Moment in dem man merkt, dass der Kaffee kalt geworden ist und man ihn trotzdem weitertrinkt.
Inhaltlich dreht sich „Selbst“ viel um innere Reibung, Selbstbeobachtung und dieses diffuse Gefühl, gleichzeitig zu viel und zu wenig zu sein. Also quasi der ganz normale Dienstag im Kopf. Songtitel wie „Tag der Tränen“, „Waldsterben“ oder „Nadelstiche“ sind dabei keine Metaphern, die sich schüchtern verstecken. Sondern eher klare Ansagen mit leichtem Hang zur existenziellen Ohrfeige. Trotzdem kippt das Album nie ins Pathetische. Es bleibt immer nah am Boden, manchmal sogar so nah, dass es sich fast weigert, aufzustehen. Und genau das macht es glaubwürdig. Besonders stark ist die Platte in ihrer unspektakulären Konsequenz. Viele Songs wirken beim ersten Hören fast ein bisschen gleichförmig, so als hätte jemand beschlossen, Dynamik sei optional. Aber je länger man drin steckt, desto mehr merkt man, dass sich unter dieser Oberfläche ständig kleine Verschiebungen abspielen. Eine Gitarrenfigur taucht plötzlich an einer anderen Stelle wieder auf, ein Rhythmus wirkt minimal verschoben. Ein Gesangssatz bleibt hängen wie ein Gedanke, den man eigentlich schon abgehakt hatte. Das ist kein Album, das sich mit großen Hooks wichtig macht. Eher eines, das dich schleichend umlagert, bis du irgendwann drin wohnst.
Stücke wie „Klotzs am Bein“ oder „Nadelstiche“ zeigen dabei, dass diese Mischung aus Kälte und Eingängigkeit ziemlich gut funktionieren kann. Das sind Songs, die nicht versuchen, dich sofort zu umarmen, sondern eher freundlich neben dir herlaufen und irgendwann trotzdem im Kopf stehen bleiben. Was manchmal die nervigere, aber ehrlichere Form von Ohrwurm ist. Am Ende ist „Selbst“ keine Platte, die dich beim ersten Hören an der Jacke packt und schüttelt. Sie ist eher der Typ Album, der neben dir sitzt, wenig sagt aber nach ein paar Tagen plötzlich sehr viel Raum im Kopf einnimmt. Nicht laut, nicht geschniegelt, nicht gefällig. Eher wie ein grauer Himmel, der sich nicht entschuldigt, dass er schon wieder da ist. Und genau darin liegt ihre Stärke.