17/08/2026
🟣 Tag der (Freuden-)Tränen 🟣
WM-Blog aus Aachen 🐴🇩🇪 | von Gabriele Pochhammer (Teil 4) ✍️
Was für ein Tag gestern in der Soers! Michael Jung, ein Vielseitigkeitsreiter, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat: drei Olympiasiege, und jetzt nach 2010 zum zweiten Mal Weltmeister, dazu die drei EM-Titel und mehrere Fünfsterne-Siege. Ich erinnere mich noch gut an 2009, Europameisterschaft in Fontainebleau, Michis erster Championatsauftritt. Er beendete die Prüfung mit einer Bronzemedaille. (Und hätte damals schon Besseres verdient, wären die Dressurrichter ein bisschen sachkundiger gewesen). Die Deutschen, Olympiasieger von 2008, waren mit breiter Brust nach Frankreich gekommen. „Jeder einzelne wollte Europameister werden, jeder ritt für sich“, erinnert sich Andreas Dibowski, in Aachen als Geländetrainer vor Ort. „Da waren wir kein gutes Team.“ Es ging gründlich schief ❌. Dieses Mal waren sie ein Team, ritten so wie vorher abgesprochen und standen am Sonntag als Silbermedaillengewinner 🥈 auf dem Treppchen, hinter den hochfavorisierten Briten 🇬🇧, die man wohl nur schlagen kann, wenn sie vom Pferd fallen, so wie im vergangenen Jahr bei der EM in Blenheim. Die Schweizer 🇨🇭verloren im Springen die Bronzemedaille 🥉 an die USA 🇺🇸, wurden Fünfte hinter den Iren 🇮🇪, erreichten aber ihr Ziel, die Olympiaqualifikation. Einzelsilber ging an Ros Canter auf Graffalo, Bronze an Laura Collett auf London.
Es war ein hauchdünner Vorsprung von 0,4 Punkten, mit dem Jung ins Abschlussspringen ging, nicht mal einen Zeitfehler durfte er sich erlauben, und den hatte man schnell an der Backe, wie die Vorreiter gezeigt hatten. Und dass der wunderbare Chipmunk 🐴 sehr sparsam springt, was ja ein gutes Springpferd auch soll, war bekannt. Aber so sparsam? Auch diesmal klapperte es zweimal laut, das vollbesetzte Stadion stöhnte auf und hielt die Luft an (Michi: „Ich auch!“). Nach dem letzten Hindernis galt sein erster Blick der Uhr, jawohl, in der Zeit. Vater Joachim Jung hielt es nicht mehr in seiner „Kiss and Cry“-Zone, er rannte einfach auf den Rasen, seinem Sohn entgegen 🙌. Wie bei jedem Reiter-und-Pferd-Paar, steht ein ganzes Team hinter so einem Erfolg und die Jungs, die gibt es eh nur in der Familienpackung 🧑🧑🧒🧒. Erst nur die Eltern Joachim und Brigitte, manchmal der Bruder, inzwischen auch Ehefrau Faye und die Kinder Lio und Mara trugen Michi mit zum Erfolg. Ich kann mich an kein Championat erinnern, an dem der Jung-Clan nicht dabei war.
Auch der Contendro I-Sohn Chipmunk kann auf eine stolze Karriere blicken, es war seine dritte Weltmeisterschaft, die erste war 2018 noch unter Julia Krajewski in Tryon, deren Ausbildung den Grundstein gelegt hat, die aber in Aachen neidlos zugab, dass dieser Titel 🏆 vor allem Michi Jungs Aufbauarbeit zu verdanken sei. Er hat Chipmunk zu einem Superathleten geformt. Aachen war dessen letztes Championat, vielleicht noch ein oder zwei Auftritte, dann hat der große Braune wohl ausgesorgt. Und für Michael Jung stellt sich die Frage: „Was kommt jetzt?“ ☝️ Ein Nachfolger für Chipmunk wird gesucht: Um für Olympia in Frage zu kommen, sollte er mindestens acht Jahre alt sein, schon mit guten Ergebnissen mindestens auf Dreisterne-Niveau. Wer so einen hat, bitte melden! Geld sei da, so Vater Jung, man habe investitionsfreudige Sponsoren. Aber womöglich steht der Olympiacrack auch schon in Horb bei den Jungs in der Box. Einige gute junge Pferde habe er im Stall, sagt Michi. Vielleicht ist ja einer dabei 🏇.
Die anderen deutschen Pferde sind alle jung genug, um auch 2028 noch mitzumischen: Nickel von Julia Krajewski ist dann 14. Er sorgte noch für einen Angstmoment, als ihn die Jury bei der letzten Verfassung in die Holdingbox zitierte, ihn dann aber durchwinkte. Carlitos Quidditch K von Malin Hansen-Hotopp, der sich inzwischen zu einer Art „Bank“ fürs Team entwickelt hat, ist dann 16, Caramia von Libussa Lübbecke allerdings schon 18, wie auch D’Accord von Christoph Wahler, nach schneller Geländerunde in der Zeit und zwei Abwürfen im Springen am Ende 16. Die WM in Aachen bewies auch, wie Pferde, richtig trainiert und eingesetzt, in diesem Sport lange gesund und leistungsfähig bleiben 💪. Und nervlich durchaus auch eine Siegerehrung durchstehen, anders als die Dressurpferde. Da wurden die Reiter in Kutschen hereingefahren, ihre Pferde blieben im Stall. Offizieller Grund: Dressurpferde haben keine Stollen, und könnten auf dem Rasen 🌱🌱ausrutschen. Dann dürfte man ja auch kein Pferd mehr auf die Weide stellen, aber lassen wir das. Wahrscheinlich war den Aachenern noch die schreckliche Szene von 2006 vor Augen, als der Weltmeisterin Anky van Grunsven ihr Pferd Salinero durchging und sie für die Kür-Ehrenrunde auf ein halblahmes Polizeipferd umsteigen musste. Auch alle anderen Siegerehrungen in Aachen werden zu Pferde durchgeführt. Ein bisschen blamabel ist es ja doch, dass ausgerechnet die Disziplin, in der Gehorsam und Vertrauen so eine große Rolle spielen, sich die Akteure außerstande sehen, ihr Vierbeiner eine Viertelstunde unter Kontrolle zu behalten, wenn die Kulisse mal ein bisschen lauter 📣ist.
Heute sind die Buschpferde schon wieder zuhause, bis halb acht Sonntagabend mussten die Ställe geräumt sein. Heute ist Bettenwechsel 🧹, sprich Boxenausmisten für die Springpferde, die morgen mit dem Trainingsspringen beginnen.
📖 Weitere Eindrücke von der Reit-WM aus Aachen sind umfangreich in der Print-Ausgabe der PferdeSport International nachzulesen.
📸 Pferdefotografie Stefan Lafrentz