23/08/2026
🟣 Endspurt in Aachen: Eine Weltmeisterschaft für die Geschichtsbücher 🟣
WM-Blog aus Aachen 🐴🇩🇪 | von Gabriele Pochhammer (Teil 😎 ✍️
Letzter Tag dieser Weltmeisterschaft, die Abreise rückt näher. Wird auch Zeit, so phantastisch und aufregend es war. Ich wurde gefragt, ob dies meine schönste WM war, seit 1982 habe ich eigentlich keine ausgelassen. Und ich kann sagen: Ja, und das nicht nur, weil Deutschland uneinholbar den Medaillenspiegel anführt. Ein paar Entscheidungen bei den Fahrern, den Paras und natürlich den Springreitern stehen noch aus, aber mit 17 Medaillen – sieben Mal Gold 🥇 , vier Mal Silber 🥈 und sechs Mal Bronze 🥉– haben die Gastgeber die Nase vorn, vor den Briten (11) und weit abgeschlagen vor den USA (4). Nirgendwo gibt es ein so begeisterungsfähiges Publikum, stöhnen die Menschen so schmerzvoll auf, wenn eine Stange klappert oder sogar fällt, bejubeln sie so hemmungslos alle guten Ritte, wer immer sie zeigt.
Am Samstag ist die Luft noch ein bisschen frischer geworden, höchstens 19 Grad, meist weniger. Also Barbour und feste Schuhe statt T-Shirt und Sneaker. Wer seinen Pullover zuhause vergessen hat oder dachte, er braucht ihn nicht, dem helfen die Händler in der Ausstellung gerne, mit Tweedjacken 🧥 und Kaschmirschals 🧣.
Gestern war Marathontag für die Vierspänner. Ich verstehe nicht viel vom Fahrsport, erfreue mich natürlich an den schönen Gespannen und hege eine grenzenlose Bewunderung für die Fahrer und ihre Pferde, die sich mit traumwandlerischer Sicherheit durch die Hindernisse manövrieren 🗺️. Dagegen sind die Busch-Alternativen gar nichts. Hinter jeder Gespannfahrt steckt eine logistische Meisterleistung. Da sind einmal die Fahrer, die auf dem Bock sitzen. Im deutschen Team fahren zwei Frauen, Mareike Meier und Anna Sandmann. Wie sie mit ihren feinen Damenhänden mit sauber lackierten Nägeln die vier Lederleinen halten und einsetzen können, ist mir ein Rätsel. Zur Dressur trugen beide einen eleganten Strohhut 👒, der ihnen in der Royal Box in Ascot sofort alle Türen geöffnet hätte. Im Gelände ging es mit Helm weiter, der ist inzwischen auch in diesem Sport Vorschrift. Hinter dem Fahrer steht der Scout, er hat eine Karte der einzelnen Hindernisse vor sich und gibt dem Kutscher die Richtung an. Erfahrungen als Pfadfinder sind gewiss hilfreich. Hinten sitzt, hängt oder steht ein weiterer Groom, der sein Gewicht ausgleichend einsetzen kann. Eine stattliche Figur ist nicht unabdingbar, aber durchaus von Vorteil. Und hinter dem Gespann fährt oder radelt der Trainer, der durch Zurufe 📣dirigieren oder notfalls auch zwischen den Hindernissen eingreifen kann, wenn an der Anspannung etwas gerichtet werden muss. Die beiden deutschen Fahrerinnen waren im Gelände schneller als der Dritte im Bunde, Annas Vater Christoph Sandmann. Das Team liegt in der Zwischenwertung auf Platz vier, eine Medaille nach dem Kegelfahren am Sonntag ist noch möglich 🙌. Auch für Anna Sandmann einzeln, auf Platz fünf. Mareike Meier ist Sechste, Christoph Sandmann Elfter. Insgesamt waren 53 Gespanne am Start, also mehr als 200 Pferde. Entsprechend ramponiert sah die vorige Woche noch so jungfräuliche Graspiste aus. Zu den Zuschauern der Fahrdressur gehörten auch Sophie, Herzogin von Edinburgh, und ihre Tochter Lady Louise, die selbst eine begeisterte und erfolgreiche Fahrerin ist und von ihrem Großvater, dem verstorbenen Queen-Gemahl Prinz Philip 👑, Pferde, Kutschen und Ausrüstung geerbt hat.
Auch auf dem großen Springplatz zeigen sich allmählich die Spuren der vergangenen Tage. Zwar blieb das angekündigte Unwetter am Freitagabend bei der letzten entscheidenden Runde für den Teamtitel aus. Es gab nur ein fernes Donnergrollen, aber rechtzeitig zur Siegerehrung öffnete der Himmel seine Schleusen 🌧️. Im Nu waren alle durchweicht: Reiter, Pferde, Grooms, Gratulanten. Aber das störte niemanden mehr, tat dem grenzenlosen Jubel über den Sieg des deutschen Teams keinen Abbruch. Ich glaube, ich habe noch nie eine deutsche Springreitermannschaft gesehen, die sich so hemmungslos gefreut hat. Jeder umarmte jeden, von allen fiel der riesige Erwartungsdruck ab, der auf ihnen gelastet hatte. Marcus Ehning, Sophie Hinners, Daniel Deußer, Richard Vogel und Bundestrainer Otto Becker haben geliefert, mehr als wir alle zu hoffen gewagt hatten. 16 Jahre nach dem WM-Titel in Kentucky standen die Deutschen wieder an der Spitze der Welt 🔝🌍. Mit einem Abstand von mehr als einem Springfehler (4,48 Strafpunkte) gewannen sie den Titel, gefolgt von den Belgiern (11,69), die eine grandiose Aufholjagd hinlegten, und den Briten (12,98).
Als Daniel Deußer mit dem zwölfjährigen Otello de Guldenboom den vorletzten Sprung überwunden hatte, wussten seine Teamkameraden, es würde reichen, selbst wenn der letzte Oxer in die Brüche gegangen wäre. Das weiße Ungetüm blieb stehen, die deutschen Springreiter hatten ihre Goldmedaille. Der Jubel der 45.000 Zuschauer ließ die Tribünen beben 👏👏. Im Schritt, am ganz langen Zügel, mit beiden Armen in alle Richtungen winkend, ließ Deußer (45) den Moment auf sich wirken. Der letzte Starter des Tages, Richard Vogel auf dem 14-jährigen Hengst United Touch S, ritt schon als Weltmeister ein. „Ich konnte den Ritt richtig genießen“, sagte er. So sehr, dass er zwei Zeitfehler kassierte, die für das Team keine Rolle mehr spielten, ihn aber auf Platz 14 zurückwarfen und damit seine Medaillenchance für den Einzeltitel pulverisierten. Der Champion wird am Sonntag unter den 25 Besten in zwei Umläufen entschieden. Deußer hingegen hat sich an die Spitze gesetzt 💪, gemeinsam mit dem Schweizer Steve Guerdat auf der 13-jährigen Stute Dynamix de Bélhème mit der exakt gleichen Punktzahl von 0,86 Punkten. Sollte es bei beiden dabei bleiben, muss um die Goldmedaille gestochen werden. Noch nie war Deußer seinem ersten großen Championatstitel so nahe. Vorläufig Vierter (1,78) ist Marcus Ehning (52) auf dem 13-jährigen Coolio vor Sophie Hinners (28) auf dem elfjährigen Iron Dames Singclair (1,84), die nach dem Motto „Sicherheit vor Schnelligkeit“ einen Zeitfehler hinnehmen musste. Damit fiel sie auf Rang fünf zurück. Dritter ist zurzeit der Brite Ben Maher auf Point Break, der Olympiasieger von 2021 in Tokio. Die Spitze liegt dicht beieinander: Platz eins und acht trennen weniger als ein Abwurf.
📖 Weitere Eindrücke von der Reit-WM aus Aachen sind umfangreich in der Print-Ausgabe der PferdeSport International nachzulesen.
📸 Pferdefotografie Stefan Lafrentz