19/06/2026
Auf China ist gerade mehr Verlass als auf die Bundesregierung. Jedenfalls, wenn du in grünen Stahl investiert hast.
Klingt absurd, ist aber die Logik der Lage. China ist eine Planwirtschaft, aber China gibt seiner Industrie Rahmenbedingungen, auf die sie sich fünf, zehn Jahre verlassen kann. In Europa erleben die Vorreiter gerade das Gegenteil: ein Zurückdrehen genau der Regeln, auf deren Grundlage sie Milliarden investiert haben.
Mitte Juli legt die EU-Kommission ihren Vorschlag zur Reform des Emissionshandels vor. Rund 40 Konzerne, darunter ArcelorMittal, Thyssenkrupp und BASF, fordern Brüssel auf, die "Eskalation der ETS-Kosten zu stoppen". Übersetzt: das CO2-Preissignal einfrieren. Ausgerechnet ArcelorMittal, das die grüne Stahlproduktion in Deutschland komplett gestoppt hat.
Wer früh investiert hat, verliert genau dadurch. Saarstahl und Dillinger bauen für 4,6 Milliarden Euro, davon 2,6 Milliarden vom Staat, das größte Transformationsprojekt des Saarlandes. Die Rechnung geht nur auf, wenn fossiler Stahl über den steigenden CO2-Preis teurer wird als grüner. Genau dieses Versprechen soll jetzt kassiert werden.
Saarstahl-Chef Stefan Rauber nennt das einen "politischen Anschlag auf die saarländische Stahlindustrie". Heiko Maas, Präsident des Stahl-Verbands Saar, sagt, die Vorbildlichen sollten am Ende "die Zeche zahlen". Am 12. Juni gingen in Völklingen Tausende auf die Straße. Nicht gegen den Klimaschutz, sondern für verlässliche Regeln.
Die Antwort der Aufweicher ist Lobby-Mathematik: Thyssenkrupp beziffert die Gefahr auf vier bis fünf Millionen Arbeitsplätze. Das ist ungefähr die gesamte deutsche Metall- und Elektroindustrie und hat mit der Stahlerzeugung im engeren Sinn wenig zu tun. Keine Prognose, sondern fossile Panik.
Der Kapitalmarkt hat die Falle längst eingepreist. Als Friedrich Merz im Februar den Emissionshandel infrage stellte, verlor Heidelberg Materials binnen Tagen rund zwölf Prozent, Salzgitter neun. Bestraft wurde nicht die Transformation, sondern die Aussicht auf ihre Aufweichung.
Wer den CO2-Preis jetzt dämpft, belohnt die Nachzügler und entwertet jede Investition, die auf das Wort des Staates vertraut hat. Beim nächsten Mal geht niemand mehr voraus.
Verlässlichkeit ist der eigentliche Standortvorteil. Bitter nur, dass ihn ausgerechnet eine Planwirtschaft besser liefert als eine Bundesregierung, die ihre eigenen Regeln nicht ernst nimmt.
Quellen: F.A.Z. / ZDFheute / Financial Times / Politico / SHS Stahl-Holding-Saar