04/01/2026
Alter Schwede!
Mit dem neuen Album „Ex Voto / The Silent Love“ vollendet der schwedische Musiker Christian Kjellvander eine Trilogie, die sich auch auf den Alben „About Love and Loving Again“ und „Hold Your Love Still“ mit der Liebe in ihren zartesten, konfliktreichsten und spirituellsten Formen beschäftigt. Am 8. März gastiert Kjellvander in Leipzig. Grund genug, sich einen Song aus dem neuen Album genauer vorzunehmen
Liebe, Religion, die Natur und deren Schönheit. Beugt sich Christian Kjellvander, Jahrgang 1976, über diese Themen, wird man mit einer emotionalen Tiefe, mit einer poetischen Präzision, mit psychedelischen und spirituellen Songs beschenkt. Auch auf dem neuen Album „Ex Voto / The Silent Love“ finden sich atmosphärische Lieder, die von einer geisterhaften Intimität durchzogen sind.
Wie es Kjellvander in drei Minuten und sechsundfünfzig Sekunden gelingt, große Menschheitsthemen poetisch zu verdichten, lässt sich am Song „Hole In My Heart“ explizieren. Schon das Intro ist großartig: Intensiv, intim, wie ein Countdown, der nicht mehr aufzuhalten ist, wie ein Schicksal, das vorbestimmt seinen Lauf nimmt, stellt sich der Sound mit großer Ruhe ins Gemüt. Nach zehn Sekunden erhebt das lyrische Ich seine Bariton-Stimme. Hier reist gerade jemand ab: „I packed the Mercedes – perfectly.“ Immerhin kann der Mercedes, der äußere Reichtum, perfekt bestückt werden: Hinein mit all den Dingen, die mitzunehmen sind in ein neues Leben mit sich selbst. Ein Abschied? Man weiß es nicht.
Noch während alles gepackt wird, beobachtet sich das lyrische Ich, lässt es seine Gedanken und Emotionen fließen, erkennt es seine Irrtümer: Natürlich kann es nicht nur die schönen Dingen einpacken, schließlich nimmt es sich immer selbst mit. Die Diagnose ist schonungslos: „There is a hole in my heart.“ Ein Befund, der das lyrische Ich auf Schritt und Tritt, egal, wo es steht und wandelt, verfolgt. Weilte der Blick eben noch auf dem Reichtum, auf dem Mercedes, fangen nun - kaum hat das lyrische Ich seine innere Wahrheit erkannt – engelsgleiche, geisterhafte Sirenen zu flüstern an. Der Luxus wird entwertet, er taugte nichts. Was wird es fortan mit dem Loch im Herzen anfangen? Gefüllt werden konnte es bislang nicht. Weder durch Beziehungen zu anderen Menschen, noch durch materielle Güter. Glück ist nicht im Außen zu finden: „There is a hole in my heart / That I've often tried to fill.“
Aber bleibt ihm jetzt nur noch das ewige Betäuben, das ewige Ausweichen? Der Gesang wird kerniger, bestimmender, klarer, kein Selbstmitleid nirgends, nur noch Verantwortungsübernahme. Und plötzlich weiß das lyrische Ich, wo das Gold, wo der Umgang mit dem Loch im Herzen, ausschließlich zu finden ist: „There is the gold that I find / Between the wild and the will.“ Das wahre Gold liegt also zwischen der Wildnis und dem Willen. Zwischen dem Schicksal, dem das lyrische Ich ausgeliefert war, und seinen freien Entscheidungen als gereiftes Subjekt. Zwischen den Determinanten, Traumata und Wunden, die prägten, und der eigenen Kraft, Dinge in die Hand zu nehmen. Zwischen den Mustern und der selbst bestimmten Identität. Zwischen (schmerzhaften) Erfahrungen und Werten, die sich das lyrische Ich fortan selbst und immer setzen kann und muss. Zwischen, zwischen, zwischen, immer nur dazwischen! Eine niemals endende Dynamik!
Gelassen werden Wahrheiten geraunt: Du kannst um dein Herz riesige Mauern bauen, ständig ins Außen fliehen, versuchen, dich lebenslang zu schützen. Alles ist möglich. Und dann kannst du irgendwann das Risiko eingehen, das alles zusammenbricht, dass dich endlich jemand so sieht, wie du dich eigentlich nur selbst siehst, wie du nie wolltest, dass dich jemand sieht. Du kannst dich also deiner größten Angst stellen - und einfach dabei zusehen, was das Universum mit dir macht. Wird es dich verletzen? Schau einfach nur zu, halte es aus! Wird es dich belohnen? Schau einfach nur zu, halte es aus!
Die Engel flüstern, der Chor des Himmels weitet die emotionale Hingabe, der Sound wird eindringlicher, der Gesang selbstbewusster, im Traurig-Melancholischem öffnet sich eine kraftvolle Perspektive: „And there is the road that we love / That takes us to something new.“ Doch was braucht es dazu? „I think I am the hole in my heart and as long as I can I will / Be dancing between the lines of the wild and the will.“
Das lyrische Ich entdeckt, dass es nicht nur ein Loch im Herzen hat, das es mal ausblenden oder ignorieren kann, sondern ein Leben lang das Loch im Herzen selbst ist! Das lyrische Ich entdeckt, dass es bis zum letzten Atemzug das wahre Gold nur zwischen der Wildnis und dem Willen finden kann - ein ewiger Tanz, ein tägliches Aushandeln, ein alle Sekunden anhaltendes Ausbalancieren. Der Song endet mit einem positiven Ausblick: In dem Moment, in dem das lyrische Ich das uralte „Erkenne, was Du bist“ umsetzt, in dem es sein „Zwischen“ an die Liebsten kommuniziert, ist seine tiefste Persönlichkeit, das Loch im Herz, paradoxerweise eben nicht mehr nur das Loch im Herz, sondern viel, viel mehr. Erst wenn das lyrische Ich sein Loch im Herzen selbst füllen kann, erst wenn es den lebenslangen Tanz zwischen Wildnis und Willen annimmt, ihn schätzen, lieben und respektieren gelernt hat, kann es nachts neben dem Gegenüber schlafen, kann es auch das „Zwischen“ des Gegenübers erkennen und in gesunde Verbindung treten, kann es Liebe geben und empfangen. Ist der Song eine Utopie, ein Gebet, ein ganz normales Lebens-und Liebeslied? Auf jeden Fall ein Meisterwerk.
Christian Kjellvander, 8. März, Leipziger Naumanns im Felsenkeller, 20 Uhr, Christian Kjellvander Christian Kjellvander official
Felsenkeller Leipzig tapete records
https://www.youtube.com/watch?v=6zcyh0E3MKk&list=RD6zcyh0E3MKk&start_radio=1
Text: Mathias Schulze Bild: David Möller