Consens Seniorenmagazin der Stadt Mainz

Consens Seniorenmagazin der Stadt Mainz conSens ist das Seniorenmagazin der Städte Mainz und Wiesbaden.

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Das alte Bild – Die Vilzbächer KerbVon Kurt MerkatorDie Vilzbach war bis ins 15. Jahrhundert ein eigenständiges Dorf auß...
15/09/2026

Das alte Bild – Die Vilzbächer Kerb
Von Kurt Merkator

Die Vilzbach war bis ins 15. Jahrhundert ein eigenständiges Dorf außerhalb der Mauern der Stadt Mainz zwischen Dagobertstraße, Nikolausschanze und Rheinstraße. Sie wurde Anfang des 15. Jahrhunderts als Vorwerk der Befestigung ausgebaut. Der Name Vilzbach stammt von einem Bach, der von der Zitadelle durch den Ort Richtung Rhein floss.

Im Dreißigjährigen Krieg 1635 machten die Schweden den Ort dem Erdboden gleich, die Siedlung verschwand. Viele Bewohner flüchteten als „Eingeflehte“ hinter die Stadtmauern und siedelten dort im Stadtteil Selnhofen. Wohnraum gab es damals in der Stadt aufgrund der Kriegsopfer und Seuchen genügend. Das Viertel um den Graben, den Holzturm und die Ignazkirche übernahm bald den Namen Vilzbach. Die Bewohner dieses Teils von Mainz waren kleine aber selbstbewusste Leute, die einen eigenen Dialekt pflegten und sich selbst als die „wahren und echten Mainzer“ fühlten. Carl Weber, Mainzer Original, Fastnachter und Gründer der Mainzer Freiwilligen Feuerwehr hat ihnen in seinem „Vilzbacher Lied“ ein Denkmal gesetzt:

Die Vilzbach is des allerscheenste Verdel,
dort wohne starke Leit.
Die sin so kään, wie die vum Schwarze Verdel, mer kennt se weit unn breit.

Mir sin nit reich, un Schulde macht doch kääner.
Wenn ääner aach nix hot,
so helfe mer uns unnenanner,
bei uns gibt’s kään Bankrott.

So lebe mir nach altem Brauch und Sitte,
jetzt moddelt eich dennoch.
Mir sin vergniegt un sin aach all zufridde:
Die Vilzbach lebe hoch!

Das „Schwarze Viertel“ ist sicher eine Anspielung auf den Bereich um den Dom, in dem der Klerus und die besseren Leute wohnten, die von oben herab auf die Vilzbächer Leute blickten. Das Viertel hatte im Zweiten Weltkrieg das Glück, dass es außer der völlig zerstörten Holzhofstraße kaum Bombenschäden gab. Die Altstadtsanierung hat in diesem Bereich das alte Stadtbild relativ gut bewahrt. Trotzdem hat sich die Struktur der Bevölkerung natürlich stark verändert. Steigende Mietpreise nach der Sanierung haben viele wegziehen lassen, die dort noch wohnenden überzeugten Ur-Vilzbächer sind heute in der Minderheit.

In den 50er-Jahren war das noch anders. Unser Bild zeigt eine Tradition, die über den Krieg Bestand hatte: die „Vilzbächer Kerb“. Kerbe waren und sind eigentlich Feste ländlicher Gemeinden zum Kirchweihtag, wie es sie ja noch heute in einigen Vororten gibt. In der Vilzbach wurde die Tradition aus dem Dorf vor den Mauern mit in die Stadt genommen und jedes Jahr im Hochsommer gefeiert, es war der höchste Feiertag der Vilzbach. Der Ursprung des Festes lag in der Holzstraße im Gasthaus „Zum schwarzen Bären“, wo der Kerbebaum stand. Man stellte einen glatten Baumstamm von acht Metern Höhe auf, oben mit einem Kranz versehen, an dem Zigarren, Zi******en, Schokolade, Weinflaschen, Würste, Tabakspfeifen und Brezeln hingen. Der Vilzbächer Nachwuchs und manchmal auch Erwachsene versuchten sich nach reichlichem Alkoholgenuss unter dem Gejohle der Zuschauer am Hochklettern, um die begehrten Objekte zu angeln. Das war mehr als schwierig, denn der Stamm war mit Schmierseife eingerieben. Die Tradition wechselte nach dem Krieg für einige Jahre unverändert in die „Weintorklause“.

Unser Bild zeigt die Vilzbächer Kerb 1950 umgeben von Ruinen wie dem ausgebrannten Holzturm ohne Dach. Man feierte drei Tage mit Kaiserreitschul, Schiffschaukel, Losbuden und sonstigen bescheidenen Belustigungen.

Wann genau das letzte Jahr der Kerb war, konnte der Autor nicht in Erfahrung bringen, vielleicht kann uns eine Leserin oder ein Leser weiterhelfen. Im Juli 1950 gab es die Vilzbächer Kerb noch, wie ein origineller Artikel in der AZ beweist, der hier zitiert werden soll: „Die Einwohner der Mainzer Altstadt vom Säugling bis zur Oma hatten sich auf dem Gallusplatz und den umliegenden Wirtschaften eingefunden, um auch in diesem Jahr die Vilzbächer Kerb zu feiern. Überall war Hochbetrieb, im ‚Bügeleisen‘, in der ‚Alten Pfeffermühle‘, im ‚Guten Eck‘ und im ‚Schinnerhannes‘ sorgten Stimmungssänger und Kapellen für Määnzer Schwung. Montags war man unter sich, aber am Sonntag war es ein ‚Vertels Fest‘ mit Gästen von ‚fern her‘ wie aus dem ‚Gebirg‘ und der Neustadt, die einträchtig zusammensaßen. Großmächtige Geschäftsleute saßen da im Kreis, die Hofsänger waren da, Intellektuelle verrieten sich durch die unter den Arm geklemmten Bücher, und Mitglieder des städtischen Theaters scheinen eine Vorliebe für Brezel zu haben, vielleicht hatten sie ja nur noch nicht zu Nacht gegessen.“

Synagogenzentrum MainzVon Dr.-Ing. Rainer MetzendorfAls „Jerusalem am Rhein“ haben die drei jüdischen Gemeinden in Speye...
05/09/2026

Synagogenzentrum Mainz
Von Dr.-Ing. Rainer Metzendorf

Als „Jerusalem am Rhein“ haben die drei jüdischen Gemeinden in Speyer,
Worms und Mainz seit dem Mittelalter Religion, Kultur und Architektur mitgeprägt. Vor fünf Jahren erhielten sie als SchUM-Stätten den Status Unesco-Welterbe. Mit dem neuen Synagogenzentrum in Mainz kommt ein signifikantes Bauwerk der Moderne hinzu.

Die nach den Plänen von W***y Graf 1912 in der Hindenburgstraße 44 errichtete Hauptsynagoge mit über 1.000 Sitzplätzen und einer Gebäudehöhe von 25 Metern (die Hochhausgrenze liegt bei 22 Meter) war seinerzeit die zweitgrößte in Deutschland (Abb. 2): Sie galt als ein Wahrzeichen von Mainz, das den städtebaulichen Dreiklang von katholischem Dom, evangelischer Christuskirche und jüdischer Synagoge symbolisch vollendete. Beim Novemberprogrom 1938 wurde die Synagoge von SS-Trupps geschändet, in Brand gesetzt und danach nur teilweise gesprengt, um die Nachbarbebauung nicht in Mitleidenschaft zu ziehen. Auf Anweisung der Polizei musste die Jüdische Gemeinde später für den restlichen Abbruch und das Abräumen der Trümmer sorgen.
Nach Kriegsende 1945 kehrten zunächst nur wenige Juden nach Mainz zurück. Das Grundstück der zerstörten Synagoge verkauften sie an die Stadt Mainz, die es ursprünglich nicht mehr bebauen und statt dessen für Autostellplätze und mehr Grün in der Neustadt nutzen wollte. Als Betsaal diente der Gemeinde anfangs die Trauerhalle auf dem neuen jüdischen Friedhof in Mainz-Zahlbach, danach die ehemalige Turnhalle der Feldbergschule am Feldbergplatz. 1952 wurde ein bescheidenes Gemeindehaus in der Forsterstraße 2 gebaut.

Durch den hohen Zuzug aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion wuchs die Jüdische Gemeinde zwischen 1990 und 1995 von 140 auf 600 (heute rund 1.000) Mitglieder. Eine neue Herausforderung nicht nur für die Gemeinde. Es gab Vorschläge von externen Ratgebern wie den Einbau in den rückwärtigen Teil des ehemaligen Proviantamtes in der Schillerstraße. Die beiden am Romano-Guardini-Platz liegenden Türme der Eingangsfassade sollten dabei an Synagogen des 19. Jahrhunderts erinnern. Die zentrale Lage zwischen Dom und Christuskirche sowie die Faktoren Kosten und Zeit sprachen deutlich dafür, doch die Jüdische Gemeinde bemühte sich um eine neue Synagoge an ihrem vormaligen Standort. Ein mehr als schwieriges Unterfangen: Das Grundstück war mittlerweile im Besitz des Bundes. Das dort 1954 errichtete siebengeschossige Hauptzollamt stand zwar leer, aber unter Denkmalschutz, und das Freigelände unterlag der Mainzer Baumschutzsatzung, sodass der mittlerweile 50-jährige Bestand nicht gerodet werden durfte.

Im Konsens mit Stadt und Land entschloss sich die Jüdische Gemeinde mit ihrer Vorsitzenden Esther Epstein (1923-2006) trotzdem für einen neuen Bau am alten Ort. Unter Betreuung des Mainzer Baudezernates lobte sie 1999 einen offenen Architektenwettbewerb mit internationalen Zuladungen aus. Gewinner von 36 Teilnehmern wurde der 29-jährige Manuel Herz aus Köln, ein ehemaliger Mitarbeiter von Daniel Libeskind. Er hatte sich kurz zuvor selbständig gemacht. „Eine Architektur zum Nachdenken, die jegliche Art von Anpassung und Harmonisierung vermeidet“, stellte das Preisgericht unter der Leitung von Prof. Peter Kulka, Dresden, fest und lobte das schier unmöglich Erscheinende, diesen durch Verletzungen „gebrochenen Ort“ zu heilen (Abb. 3).
Manuel Herz lehnte bei seinem Entwurf konsequent tradierte Sakralstrukturen ab und vermied auch jeglichen Bezug zum Vorgängerbau, um die tausendjährige Geschichte von „Magenza“ nicht auf den Holocaust zu verkürzen. Einzige Erinnerung sind Teile des ehemaligen Säulenhofs, am 50. Jahrestag der Zerstörung 1988 wieder aufgestellt. Durch die Fortführung des Baukörpers aus der bestehenden Blockrandbebauung und die dann abknickende Orientierung in Richtung Osten entstand ein großer öffentlicher Vorplatz und im rückwärtigen Bereich ein introvertierter Innenhof für Nutzungen der Gemeinde. Eine gelungene Symbiose von Blockrandbebauung und Solitär!

Nach religiösen Überlieferungen des Judentums und ihren Gesetzen aus dem Talmud sollen Synagogen das höchste Gebäude der unmittelbaren Nachbarschaft sein. Zugleich sollen sie sich als Zentralraum nach Jerusalem ausrichten. Diese eigentlichen Unvereinbarkeiten löste Manuel Herz mit einer ausgeklügelten Entwurfsidee: Das 27 Meter hohe Turmgebilde liegt einen Meter über den Firsten der angrenzenden Gebäude, orientiert die Synagoge nach Osten und belichtet das Lesepult als liturgischen Mittelpunkt des rechteckigen Sakralraumes. Die Leitidee der parallel verlaufenden Hauptfassaden basiert auf den fünf Buchstaben des hebräischen Wortes „Kedushah“ für Segensspruch (heiligen, segnen) (Abb. 4). Sie geben dem Gebäude, verkleidet mit dunkelgrün glasierten Keramikprofilen, seine hochexpressive Silhouette. Gesteigert wird diese Dynamik durch die Linienführung der Rippen als Rahmung der vielförmigen Fenster oder als diagonale Verbindung mit den Gebäudecken. Je nach Standort der Betrachter, Tageszeit, Wetterlage oder Schattenwurf der Bäume wechseln die Eindrücke vielfältig.

Den mittig liegenden Hauptzugang (Abb. 5) bildet ein mächtiges Portal aus Aluminiumguss, das in hebräischer Schrift in vier Zeilen auf die 1000-jährige Geschichte der Juden in Mainz hinweist. In den beiden oberen Zeilen steht „Leuchte des Exils“, darunter „Synagoge, Versammlungsraum“ und in der untersten „Magenza“, der jüdische Name für Mainz. Im Gegensatz zu den Fassaden zeigt sich der mittig liegende Eingangsbereich samt Veranstaltungssaal ganz in Weiß mit bizarren Raumfiguren und verbindenden Durchblicken (Abb. 6). Von hier erschließen sich Schulungs- und Verwaltungsräume bis hin zur Wohnung des Rabbiners. Spirituelles Herzstück des Gemeindezentrums ist der Gebetsraum mit Frauenempore mit insgesamt 450 Sitzplätzen. Sein überdimensionales, trichterartiges Oberlicht symbolisiert ein Schofar, das an hohen Festtagen geblasen wird. Die Wandflächen sind mit einem goldfarbenen Stuckrelief aus dicht gesetzten hebräischen Schriftzeichen geschmückt und geben dem Raum eine besondere Würde. (Abb. 7)

Die Kosten für den Grundstückserwerb, die Gebäude und Außenanlagen von 21 Millionen DM nach Finanzierungsplan übernahmen jeweils zu einem Drittel der Bund (entsprach dem Verkehrswert des Grundstücks), das Land Rheinland-Pfalz und die Stadt Mainz. Die Innenausstattung übernahm die Jüdische Gemeinde.

Elf Jahre nach dem Planungswettbewerb erfolgte ohne wesentliche Änderungen – ein Gütezeichen für die Qualität des Entwurfes – in knapp zweijähriger Bauzeit am 3. September 2010 die Einweihung des neuen jüdischen Zentrums. Ein in jeder Hinsicht herausragendes Bauwerk, das darüber hinaus den sakralen Dreiklang in Mainz wieder herstellte. 70 Jahre und damit zwei Generationen nach Vertreibung der jüdischen Gemeinde, nach Schändung und Abriss ihres Gotteshauses zur Zeit der Nationalsozialisten entstand das „vielleicht weltweit interessanteste Synagogenprojekt“ (Neue Züricher Zeitung).

05/09/2026

Vergangenheit verstehen, Zukunft gestalten
Von Frederike Völlinger

In dieser Ausgabe beleuchten wir aus unterschiedlichen Perspektiven den 9. November, ein Datum, das wie kaum ein anderes mit der deutschen Geschichte verbunden ist. Wir dürfen an den Erinnerungen an die Reichspogromnacht vom 9. November 1938 teilhaben, die uns an die Entrechtung und Verfolgung jüdischer Menschen ermahnt, und daran, wohin Ausgrenzung, Antisemitismus und Hass führen. Zugleich ist der 9. November ein Tag der Freude: Mit dem Fall der Berliner Mauer 1989 begann ein neues Kapitel deutscher Geschichte. Grenzen, die Menschen über Jahrzehnte voneinander getrennt hatten, öffneten sich.

Dass Versöhnung gelingen kann, zeigt auch der Blick auf die Historie der Mainzer Synagoge, der wir uns in dieser Ausgabe widmen. Die Geschichte dieses Ortes erzählt von Begegnungen und von der Möglichkeit, Brücken zu bauen, wo einst Trennendes und Verletzungen standen. Versöhnung geschieht nicht von selbst. Sie braucht Menschen, die aufeinander zugehen, zuhören und bereit sind, die Perspektive des anderen einzunehmen.

Beides gehört zusammen: das Erinnern an das, was nie wieder geschehen darf, und die Erfahrung, dass Veränderung, Verständigung und ein friedliches Miteinander möglich sind. Gerade in einer Zeit, in der gesellschaftliche Spannungen und Unsicherheiten wieder zunehmen, bleibt diese Botschaft wichtig. Geschichte fordert uns nicht nur zum Zurückblicken auf, sondern auch dazu, Verantwortung für das Heute und Morgen zu übernehmen.

Mainz ist eine Stadt, in der Geschichte auf besondere Weise spürbar wird. Nicht nur politische Geschichte wurde hier geschrieben etwa durch die Mainzer Kurfürsten als Reichserzkanzler. Mainz hat ebenso die Wissenschafts- und Kulturgeschichte geprägt. Eine der herausragenden Persönlichkeiten ist Johannes Gutenberg. In dieser Ausgabe beginnt unsere neue Serie, die sich ihm und seiner Zeit widmet. Der erste Beitrag nimmt uns mit in eine Welt, wie sie aussah, bevor Gutenberg mit seiner Erfindung des modernen Buchdrucks mit beweglichen Lettern die Welt veränderte. Ein spannender Perspektivwechsel: Was bedeutete es eigentlich, Wissen weiterzugeben, bevor Bücher in größerer Zahl gedruckt werden konnten? Und wie hat sich unsere Welt verändert, in der Informationen plötzlich ganz neue Wege nehmen konnten?

Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen dieser Ausgabe – beim Erinnern, beim Entdecken und vielleicht auch beim Nachdenken darüber, was wir aus unserer Geschichte für das Zusammenleben von heute und morgen lernen können.

Das conSens Magazin für Mainz und Wiesbaden im Herbst 2026 - die neuen Hefte sind erschienen.„Älter werden mit Laune“ is...
28/08/2026

Das conSens Magazin für Mainz und Wiesbaden im Herbst 2026 - die neuen Hefte sind erschienen.

„Älter werden mit Laune“ ist ein Motto, das maßgeschneidert zum Seniorenmagazin conSens passt. Das Magazin ist eine informative und vielfältige von Senioren für Senioren gemachte Quelle. Das Seniorenmagazin conSens bildet die Lebenswirklichkeit und die Lebensumwelt der älteren Generation ehrlich und offen ab, hält Menschen zusammen und bündelt Interessen. So hat sich das Magazin in der Mainzer und Wiesbadener Zeitungslandschaft mit Qualität einen festen Platz geschaffen.

Sie finden die Hefte hier:

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Wohnanlage auf dem Kästrich Von Dr.-Ing. Rainer MetzendorfEinst römisches Kastell, später Teil der Festungsanlagen, dana...
24/08/2026

Wohnanlage auf dem Kästrich
Von Dr.-Ing. Rainer Metzendorf

Einst römisches Kastell, später Teil der Festungsanlagen, danach Industrieansiedlung: Heute steht auf diesem Hochplateau eine neue „Stadtkrone“ für Mainz. Hinter dieser symbolhaften Deutung verbirgt sich eine der größten zusammenhängenden Stadtsanierungsmaßnahmen der alten Bundesländer in Deutschland.

Auf dem Areal von fast vier Hektar mit besonderer Lagegunst – direkte Anbindung an das Stadtzentrum, Verknüpfung mit dem Grüngürtel und unmittelbare Lage zum Hauptbahnhof – entstanden von 1984 bis 1994 für mehr als 1.000 Bewohnerinnen und Bewohner 451 Wohnungen unterschiedlichster Größe, Einrichtungen für den täglichen Bedarf wie Gastronomie oder Praxen und ein Stadthotel (Abb. 2). Zwei Tiefgaragen mit insgesamt 770 Kfz-Stellplätzen ermöglichen einen autofreien Innenbereich des Quartiers. Eigentümerin und Bauherrin der Anlage war die Deutsche Bau- und Siedlungs-Gesellschaft (DEBAUSIE), Frankfurt, eine 100-prozentige Tochtergesellschaft der HOCHTIEF Aktiengesellschaft in Essen, deren Zweigniederlassung in Mainz als Generalunternehmer die Bauausführung übernommen hatte. Die Gesamtkosten betrugen damals rund 250 Millionen DM. Ziel des Unternehmens war die langfristige Sicherung der Betriebsrenten für die weltweit tätige Firma HOCHTIEF. Die Räumlichkeiten konnten deshalb nicht erworben, sondern nur gemietet werden. Selbst dem machtvollen Mainzer Oberbürgermeister Jockel Fuchs (1919-2009) wurde der Wunsch nach einer Eigentumswohnung verwehrt. Zwischenzeitlich haben sich die Voraussetzungen geändert. Nach einer internationalen Baukrise um die Jahrtausendwende wurde die gesamte Anlage veräußert und ist seitdem für den Immobilienmarkt offen.

Grundlage des städtebaulichen Konzeptes ist das Ergebnis eines zweistufigen Planungswettbewerbes, den 1983 das Architekturbüro von Hentrich-Petschnigg aus Düsseldorf und Wiesbaden gewonnen hatte. An der Ausführung nahmen drei weitere Preisträger (INFRA - Planung, Mainz, Giesen und Renker, Mainz, sowie Novotny Mähner, Offenbach) teil. Deren unterschiedliche Handschriften, durchweg mit Stilelementen der Postmoderne durchsetzt, tragen zur Lebendigkeit bei. Die Planung der Außenanlagen erfolgte durch die Landschaftsarchitekten Hanke, Kappes und Heide aus Sulzbach im Taunus. Ihnen gelang ein parkähnliches Konzept, das den städtebaulichen Leitgedanken einer unverwechselbaren Einheit stärkt (Abb. 3).

Bei der Planung wurde großer Wert auf eine einfügsame und aktivierende Verknüpfung mit der Nachbarschaftsbebauung gelegt. Überlieferte Gestaltungselemente aus der Umgebung wurden interpretierend aufgegriffen, überkommene Wegebeziehungen weitergeführt. Ein öffentlicher Aufzug über fünf Etagen verbindet barrierefrei die Mainzer Innenstadt über die Kupferbergterrasse mit dem neuen Stadtquartier. Ein integriertes sowie differenziertes Netz von Fahrrad- und Fußwegen, die direkte Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr und die konsequente Verbannung des Autos aus dem inneren Wohnfeld bieten seit 40 Jahren eine nach wie vor zeitgemäße Verkehrserschließung.

Kupferbergterrasse, Brunnenhof, Bogenplatz und die anschließenden Wohnhöfe nehmen die Platzfolgen der Mainzer Stadtachse – Rheinufer, Domplätze, Gutenbergplatz und Schillerplatz – auf (Abb. 4) und enden in den Grünanlagen auf dem Kästrich. Gestaltungsprinzipen wie Symmetrie und Blickbeziehung sind wieder entdeckt. Die Anonymität des bis dahin üblichen Geschosswohnungsbaus ist aufgebrochen. Breit gefächert ist das Wohnungsangebot und reicht vom Zwei-Zimmerappartement über das Stadthaus mit Mietergarten bis hin zur großzügigen Maisonettewohnung mit Dachterrasse. Individuell gehaltene Hauseingangszonen tragen ebenso dazu bei wie die vermittelnde sowie trennende Gestaltung der öffentlichen, halböffentlichen und privaten Bereiche. Hinzu kommen der Brunnenhof als Aufenthaltsort nach dem Muster südlicher Länder, die Bogenhalle als beliebter Treff mit ihrem einmaligen Blick über die Mainzer Altstadt und die erlebnisreiche Qualität der Außenbereiche durch Baumreihen, Arkaden, Nischen und Terrassen (Abb. 5).

Der Umgang mit dem kulturellen Erbe des Bauplatzes war Pflicht und Chance zugleich. Besonders herausfordernd war dabei die bauliche Integration des Hauptgebäudes der ehemaligen Mainzer Aktienbierbrauerei (MAB), das die Stadtsilhouette von der Rheinseite seit 120 Jahren prägt und bestimmt: ein Werk des in Mainz geborenen Baumeisters Ignaz Opfermann (1799-1886) aus dem Jahre 1862 mit einer stattlichen Länge von 75 Metern und einer Traufhöhe von 18 Metern. Das ungewöhnliche Motiv der mittig angeordneten Vierbogenhalle war eine Interpretation von Opfermann, der an dieser Stelle die Porta Praetoria der römischen Stadtmauer mit Bogenöffnungen über zwei Fahrbahnen nach dem Vorbild der Porta Nigra in Trier vermutete. Die zur Stadtseite verglaste Halle diente einst repräsentativen Empfängen der Brauerei, darunter sogar einem kaiserlichen Besuch. Anfangs sollte die denkmalschutzwürdige Mälzerei erhalten und zu Wohnungen umgebaut werden, doch die Höhen der Lagerräume mit teilweise 2,30 Metern im Lichten und vor allem die Gebäudetiefe von 20 Metern waren hierfür ungeeignet. Die Bauherrin entschied sich für eine freie Nachschöpfung in den Gebäudekanten der gewohnten Stadtsilhouette samt prägender Vierbogenhalle. Nur die Tiefe verkürzte sie auf für Wohnen geeignete 15 Meter. Vom Altbau in die neue Bogenhalle übernommen wurde die Gedenkplakette für den in Mainz geborenen „Wort- und Tondichter“ Peter Cornelius (1824-1874), der am 26. Oktober hier starb. Ihm zu Ehren erhielt dieses Wohngebäude den Namen „Haus Cornelius“.

Bei den zweigeschossigen Braukellern an der Ecke Kupferbergterrasse und Drususstraße, die mit einer Spannweite von neun Metern zu den bemerkenswerten Ingenieurleistungen des 19. Jahrhunderts gehören, kam es zu einem Kompromiss mit der Denkmalpflege. Während das obere Geschoss für ein neues Konzept geopfert wurde, erhielt das untere mit seinen drei Tonnengewölben und den anschließenden Kreuzgewölben eine aufwendige Sanierung. Durch in Kernbohrung eingebrachte Stahlbetonstützen ertüchtigte sich die Tragfähigkeit. Heute stehen diese eindrucksvollen Gewölbe mit separatem Zugang, Sanitär- und Küchenanlagen bereit für kulturelle und gastronomische Nutzung. Die nicht zu verwendenden „Kaiserkeller“ unter dem Hauptgebäude wurden zur statischen Stabilisierung der Anlage mit Abbruchmaterial und Erdreich verfüllt. Geschickt wurde der Kellereingang aus der Emmerich-Josef-Straße, der durch einen oktogonalen Raum führt, für Erschließungen eingesetzt zum einen für die viergeschossige Tiefgarage, zum anderen für die öffentliche Aufzugsanlage von der Stadtebene über die Kupferbergterrasse bis zur Plattform der Wohnanlage.

Ebenso überraschend wie unvermutet stieß man 1985 bei den Ausschachtungsarbeiten für den Bauabschnitt Augustusbogen etwa drei Meter unter der Oberfläche auf römisches Mauerwerk. Es handelte sich um Reste eines knapp vier Meter breiten römischen Stadttores, das nach Aufgabe des Legionslagers in die römische Stadtmauer 360-370 n. Chr. eingebaut wurde. Auch der Straßenbelag mit diagonal verlegten Sandsteinplatten hatte sich erhalten. Die darin schmalen, tief eingeschnitten Rillen belegen, dass die Fahrspurbreiten bei den Römern mit fast zwei Metern einheitlich genormt waren und die neue Tordurchfahrt häufig benutzt wurde. Erste Überlegungen, den Fund zum Wetterschutz einzuhausen oder an prominentere Stelle wie das Landemuseum zu verlegen, unterließ man. Zum Glück lag das Tor knapp außerhalb der Baufluchten, sodass es an Ort und Stelle konserviert und in einer grubenförmigen Geländevertiefung zugänglich gemacht werden konnte. Es ist das einzige freigelegte römische Stadttor in Mainz und eines der spätesten in Deutschland.

Bekannt dagegen waren Kasemattenkorbs und Eskarpenmauer der barocken, ehemaligen Bastionen Bonifaz und Alexander aus dem Jahre 1670, die zu der von Kurfürst Philipp von Schönborn geplanten Bastionsenceinte gehören. Diese unterirdisch liegenden Stadtbefestigungen waren über eine Einstiegsstelle teilweise zugängig und konnten dadurch in der Planung berücksichtigt und in die Bade- und Freizeitanlagen am und im vier Sterne Stadthotel „Dorint“ (heute Leonardo-Hotel) eingebunden werden. Die Konturen der Kasematten sind in den Außenanlagen mir originalem Steinmaterial nachgezogen.

Heute nicht mehr erkennbar ist die über 100 Meter tief liegende Brunnenanlage, die einst mit ihrem qualitätvollen Wasserreichtum die Voraussetzung für die Großbrauerei an dieser Stelle bildete. Sie wurde im Zuge der Baumaßnahme verschlossen, an das öffentliche Kanalnetz angeschlossen und dient nur noch zur Bewässerung der Zierbrunnenanlage im Innenhof sowie für die Außenlagen. Überlegungen, das Quellwasser nach Freiburger Vorbild als offene Rinne durch das Bleichenviertel zum Rhein zu führen, scheiterten nach ausgiebiger Abwägung.

Beispielhaft war das Management von der Planung bis zur Ausführung dieser Großbaustelle. Mitte 1983 gab es den Planungswettbewerb, fünf Monate danach stand der rechtskräftige Bebauungsplan und im Sommer 1984 startete die Umsetzung. Das alles innerhalb eines Jahres! Wie gelang dabei das stimmige Gesamtwerk von vier Architekturbüros mit unterschiedlichsten Handschriften? Die Stadt Mainz hatte die Planungshoheit und verzichtete auf einen starren, bis ins allerletzte Detail bestimmenden Bebauungsplan. Sie bevorzugte einen einfachen Rechtsplan, der lediglich das Maß der Nutzung, die Baufenster und die Gebäudehöhen festlegte. Statt dessen übernahm sie durch einen befugten Mitarbeiter des Baudezernates selbst die künstlerische Oberbauleitung.

Diese neue „Stadtkrone“ für Mainz hat sich bewährt und führte erstaunlich schnell zu einem eigenständigen Quartiersbewusstsein der Bewohnerschaft. Auch Politik und Fachwelt waren begeistert. Bereits 1988 zeichnete das Bundesland Rheinland-Pfalz das noch im Bau befindliche Projekt mit dem Staatspreis für Architektur und Städtebau aus. 1991 folgte der Bauherrenpreis durch die Stadt Mainz und bei dem 1995 weltweit ausgeschriebenen Wettbewerb „Cities of Vision“ hatte die Anlage als „beste Konversionsmaßnahme“ den ersten Preis erhalten.

Der Computer: ein Wunderwerk der TechnikVon Dr. Peter LautzasObwohl wir uns heute an faszinierende technische Entwicklun...
20/08/2026

Der Computer: ein Wunderwerk der Technik
Von Dr. Peter Lautzas

Obwohl wir uns heute an faszinierende technische Entwicklungen schon fast gewöhnt haben, eröffnete keine andere Erfindung so sehr das Bewusstsein für eine neue Stufe der Technisierung unseres Lebens wie die Erfindung und allgemeine Verfügbarkeit des Computers.

Ein Computer ist schlicht und ergreifend eine – wenn auch sehr komplexe - Rechenmaschine, die nach einprogrammierten Rechenvorschriften eine Unmenge von Daten verarbeiten und mathematische Berechnungen ausführen kann. Der Computer ist nicht an einem Tag erfunden worden. Es bedurfte einer ganzen Reihe von vorbereitenden Entwicklungen, die bis in die Antike zurückreichen. Eine frühe mechanische Rechenhilfe ist der um 1100 v. Chr. im indochinesischen Kulturraum erfundene und dann auch von den Römern verwendete Abakus. Er funktionierte mit kleinen Holzkugeln, die man auf einem Rechenbrett hin- und herschob. Als eine andere einfache Form der Rechenhilfe ist den Älteren aus der Schule ja sicher noch der Rechenschieber in Erinnerung.

In späteren Zeiten entwickelten der französische Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal 1642 und der deutsche Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz 1673 Rechenmaschinen, die aber zur damaligen Zeit technisch nicht realisiert werden konnten. Leibniz erfand 1703 zudem als wichtige Grundlage für die späteren Digitalrechner das binäre Zahlensystem, das Dualsystem. 1837 entwarf der Engländer Charles Babbage die „Analytical Engine“, ein theoretisches Konzept mit Speicher und Rechenwerk. 1843 steuerte Ada Lovelace, die britische Mathematikerin, Gräfin und Tochter des Dichters Lord Byron, eine Methode zur Programmierung von Computern bei und schrieb das erste Computerprogramm.
Einen weiteren Entwicklungsschritt stellten die Lochkartenautomaten dar. Bereits ab Anfang des 19. Jahrhunderts hie und da verwendet, erfolgte ihr Durchbruch 1890 mit dem System des US-Amerikaners Herman Hollerith. Dieses nach ihm benannte Verfahren zur massenhaften Verarbeitung von Daten war noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein in Gebrauch. Dabei wurden mit Hilfe einer Art Schreibmaschine Daten in lange Papierstreifen mit Lochkombinationen gestanzt, die dann zur Verarbeitung an das Deutsche Rechenzentrum mit damals noch großen, schrankartigen Großrechnern weitergeleitet wurden. Der Verfasser erinnert sich noch gut daran und hat sich seinerzeit als Student mit dieser Arbeit an der Uni in Mainz ein wenig Geld dazuverdient.

Der Computer als elektromechanische und schließlich vollelektronische Datenverarbeitungsanlage ist eine Erfindung des 20. Jahrhunderts. 1941, mitten im Zweiten Weltkrieg, schuf der deutsche Ingenieur Konrad Zuse mit der Z3 den ersten funktionsfähigen, programmgesteuerten Rechner der Welt, der mit Hilfe des binären Zahlensystems, dargestellt mit den Ziffern 0 und 1, arbeitete. Ein Nachbau dieses legendären Geräts ist im Deutschen Museum in München vorhanden. Der „Numerical Integrator und Computer“ in den USA, kurz ENIAC, war dann 1946 der erste vollelektronische Universalrechner, basierend auf Vakuumröhren.

Die Erfindung des Transistors 1947 ersetzte die schweren und raumfüllenden Relais und Röhren, was den Computer erheblich kleiner, leichter und auch zuverlässiger machte. Der Mikroprozessor in den 1970er-Jahren, der Chip, ermöglichte schließlich den in den USA entwickelten „Altair 8800“ als ersten populären und erschwinglichen Heimcomputer, wenn auch in rudimentärer Form: Er besaß keine Tastatur, keine Maus, kein Monitor war anzuschließen, es fehlte jede Art von Software oder Anwendungsprogrammen. Das Zubehör wurde nach und nach entwickelt. 1969 wurden die ersten Computer per Internet miteinander verbunden.

1976 entstand als „Apple I“ der weltweit erste Personal-Computer. Aber erst die US-Amerikaner Steve Jobs und Steve Wozniak machten mit der Gründung ihrer Firma und dem „Apple II“ 1977 den Computer für Privatanwender zugänglich ähnlich wie 1981 IBM mit seinem PC 5150. Seit den 80er-Jahren werden die handelsüblichen PCs mit dem Betriebssystem von Windows betrieben, gegenwärtig mit der neuen Version Windows 11. In der Folge wurde die Computer-Fernvernetzung, die Datenfernübertragung „DFÜ“, zunehmend genutzt. Die 1990er-Jahre schließlich wurden zum Jahrzehnt des Internets und des World Wide Web. Tablets gewannen an Bedeutung, digitale Rechner wurden immer mehr in die Telekommunikation und in die Bildbearbeitung integriert, die Sozialen Netzwerke wie Facebook und Twitter (jetzt X) gewannen immens an Bedeutung.

Der Computer durchdringt heute zunehmend alle Lebensbereiche. Das Smartphone verbindet Telefon und Computer mit vielen Anwendungen über Apps. Der rasante Durchbruch generativer KI um 2025 eröffnet neue Horizonte, indem ungeheure Datenmengen in Sekunden überprüft werden können und die Maschine „lernen“, sich selbstständig zu optimieren.

Noch hat der Mensch die Kontrolle über diesen Prozess.

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