24/08/2026
Wohnanlage auf dem Kästrich
Von Dr.-Ing. Rainer Metzendorf
Einst römisches Kastell, später Teil der Festungsanlagen, danach Industrieansiedlung: Heute steht auf diesem Hochplateau eine neue „Stadtkrone“ für Mainz. Hinter dieser symbolhaften Deutung verbirgt sich eine der größten zusammenhängenden Stadtsanierungsmaßnahmen der alten Bundesländer in Deutschland.
Auf dem Areal von fast vier Hektar mit besonderer Lagegunst – direkte Anbindung an das Stadtzentrum, Verknüpfung mit dem Grüngürtel und unmittelbare Lage zum Hauptbahnhof – entstanden von 1984 bis 1994 für mehr als 1.000 Bewohnerinnen und Bewohner 451 Wohnungen unterschiedlichster Größe, Einrichtungen für den täglichen Bedarf wie Gastronomie oder Praxen und ein Stadthotel (Abb. 2). Zwei Tiefgaragen mit insgesamt 770 Kfz-Stellplätzen ermöglichen einen autofreien Innenbereich des Quartiers. Eigentümerin und Bauherrin der Anlage war die Deutsche Bau- und Siedlungs-Gesellschaft (DEBAUSIE), Frankfurt, eine 100-prozentige Tochtergesellschaft der HOCHTIEF Aktiengesellschaft in Essen, deren Zweigniederlassung in Mainz als Generalunternehmer die Bauausführung übernommen hatte. Die Gesamtkosten betrugen damals rund 250 Millionen DM. Ziel des Unternehmens war die langfristige Sicherung der Betriebsrenten für die weltweit tätige Firma HOCHTIEF. Die Räumlichkeiten konnten deshalb nicht erworben, sondern nur gemietet werden. Selbst dem machtvollen Mainzer Oberbürgermeister Jockel Fuchs (1919-2009) wurde der Wunsch nach einer Eigentumswohnung verwehrt. Zwischenzeitlich haben sich die Voraussetzungen geändert. Nach einer internationalen Baukrise um die Jahrtausendwende wurde die gesamte Anlage veräußert und ist seitdem für den Immobilienmarkt offen.
Grundlage des städtebaulichen Konzeptes ist das Ergebnis eines zweistufigen Planungswettbewerbes, den 1983 das Architekturbüro von Hentrich-Petschnigg aus Düsseldorf und Wiesbaden gewonnen hatte. An der Ausführung nahmen drei weitere Preisträger (INFRA - Planung, Mainz, Giesen und Renker, Mainz, sowie Novotny Mähner, Offenbach) teil. Deren unterschiedliche Handschriften, durchweg mit Stilelementen der Postmoderne durchsetzt, tragen zur Lebendigkeit bei. Die Planung der Außenanlagen erfolgte durch die Landschaftsarchitekten Hanke, Kappes und Heide aus Sulzbach im Taunus. Ihnen gelang ein parkähnliches Konzept, das den städtebaulichen Leitgedanken einer unverwechselbaren Einheit stärkt (Abb. 3).
Bei der Planung wurde großer Wert auf eine einfügsame und aktivierende Verknüpfung mit der Nachbarschaftsbebauung gelegt. Überlieferte Gestaltungselemente aus der Umgebung wurden interpretierend aufgegriffen, überkommene Wegebeziehungen weitergeführt. Ein öffentlicher Aufzug über fünf Etagen verbindet barrierefrei die Mainzer Innenstadt über die Kupferbergterrasse mit dem neuen Stadtquartier. Ein integriertes sowie differenziertes Netz von Fahrrad- und Fußwegen, die direkte Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr und die konsequente Verbannung des Autos aus dem inneren Wohnfeld bieten seit 40 Jahren eine nach wie vor zeitgemäße Verkehrserschließung.
Kupferbergterrasse, Brunnenhof, Bogenplatz und die anschließenden Wohnhöfe nehmen die Platzfolgen der Mainzer Stadtachse – Rheinufer, Domplätze, Gutenbergplatz und Schillerplatz – auf (Abb. 4) und enden in den Grünanlagen auf dem Kästrich. Gestaltungsprinzipen wie Symmetrie und Blickbeziehung sind wieder entdeckt. Die Anonymität des bis dahin üblichen Geschosswohnungsbaus ist aufgebrochen. Breit gefächert ist das Wohnungsangebot und reicht vom Zwei-Zimmerappartement über das Stadthaus mit Mietergarten bis hin zur großzügigen Maisonettewohnung mit Dachterrasse. Individuell gehaltene Hauseingangszonen tragen ebenso dazu bei wie die vermittelnde sowie trennende Gestaltung der öffentlichen, halböffentlichen und privaten Bereiche. Hinzu kommen der Brunnenhof als Aufenthaltsort nach dem Muster südlicher Länder, die Bogenhalle als beliebter Treff mit ihrem einmaligen Blick über die Mainzer Altstadt und die erlebnisreiche Qualität der Außenbereiche durch Baumreihen, Arkaden, Nischen und Terrassen (Abb. 5).
Der Umgang mit dem kulturellen Erbe des Bauplatzes war Pflicht und Chance zugleich. Besonders herausfordernd war dabei die bauliche Integration des Hauptgebäudes der ehemaligen Mainzer Aktienbierbrauerei (MAB), das die Stadtsilhouette von der Rheinseite seit 120 Jahren prägt und bestimmt: ein Werk des in Mainz geborenen Baumeisters Ignaz Opfermann (1799-1886) aus dem Jahre 1862 mit einer stattlichen Länge von 75 Metern und einer Traufhöhe von 18 Metern. Das ungewöhnliche Motiv der mittig angeordneten Vierbogenhalle war eine Interpretation von Opfermann, der an dieser Stelle die Porta Praetoria der römischen Stadtmauer mit Bogenöffnungen über zwei Fahrbahnen nach dem Vorbild der Porta Nigra in Trier vermutete. Die zur Stadtseite verglaste Halle diente einst repräsentativen Empfängen der Brauerei, darunter sogar einem kaiserlichen Besuch. Anfangs sollte die denkmalschutzwürdige Mälzerei erhalten und zu Wohnungen umgebaut werden, doch die Höhen der Lagerräume mit teilweise 2,30 Metern im Lichten und vor allem die Gebäudetiefe von 20 Metern waren hierfür ungeeignet. Die Bauherrin entschied sich für eine freie Nachschöpfung in den Gebäudekanten der gewohnten Stadtsilhouette samt prägender Vierbogenhalle. Nur die Tiefe verkürzte sie auf für Wohnen geeignete 15 Meter. Vom Altbau in die neue Bogenhalle übernommen wurde die Gedenkplakette für den in Mainz geborenen „Wort- und Tondichter“ Peter Cornelius (1824-1874), der am 26. Oktober hier starb. Ihm zu Ehren erhielt dieses Wohngebäude den Namen „Haus Cornelius“.
Bei den zweigeschossigen Braukellern an der Ecke Kupferbergterrasse und Drususstraße, die mit einer Spannweite von neun Metern zu den bemerkenswerten Ingenieurleistungen des 19. Jahrhunderts gehören, kam es zu einem Kompromiss mit der Denkmalpflege. Während das obere Geschoss für ein neues Konzept geopfert wurde, erhielt das untere mit seinen drei Tonnengewölben und den anschließenden Kreuzgewölben eine aufwendige Sanierung. Durch in Kernbohrung eingebrachte Stahlbetonstützen ertüchtigte sich die Tragfähigkeit. Heute stehen diese eindrucksvollen Gewölbe mit separatem Zugang, Sanitär- und Küchenanlagen bereit für kulturelle und gastronomische Nutzung. Die nicht zu verwendenden „Kaiserkeller“ unter dem Hauptgebäude wurden zur statischen Stabilisierung der Anlage mit Abbruchmaterial und Erdreich verfüllt. Geschickt wurde der Kellereingang aus der Emmerich-Josef-Straße, der durch einen oktogonalen Raum führt, für Erschließungen eingesetzt zum einen für die viergeschossige Tiefgarage, zum anderen für die öffentliche Aufzugsanlage von der Stadtebene über die Kupferbergterrasse bis zur Plattform der Wohnanlage.
Ebenso überraschend wie unvermutet stieß man 1985 bei den Ausschachtungsarbeiten für den Bauabschnitt Augustusbogen etwa drei Meter unter der Oberfläche auf römisches Mauerwerk. Es handelte sich um Reste eines knapp vier Meter breiten römischen Stadttores, das nach Aufgabe des Legionslagers in die römische Stadtmauer 360-370 n. Chr. eingebaut wurde. Auch der Straßenbelag mit diagonal verlegten Sandsteinplatten hatte sich erhalten. Die darin schmalen, tief eingeschnitten Rillen belegen, dass die Fahrspurbreiten bei den Römern mit fast zwei Metern einheitlich genormt waren und die neue Tordurchfahrt häufig benutzt wurde. Erste Überlegungen, den Fund zum Wetterschutz einzuhausen oder an prominentere Stelle wie das Landemuseum zu verlegen, unterließ man. Zum Glück lag das Tor knapp außerhalb der Baufluchten, sodass es an Ort und Stelle konserviert und in einer grubenförmigen Geländevertiefung zugänglich gemacht werden konnte. Es ist das einzige freigelegte römische Stadttor in Mainz und eines der spätesten in Deutschland.
Bekannt dagegen waren Kasemattenkorbs und Eskarpenmauer der barocken, ehemaligen Bastionen Bonifaz und Alexander aus dem Jahre 1670, die zu der von Kurfürst Philipp von Schönborn geplanten Bastionsenceinte gehören. Diese unterirdisch liegenden Stadtbefestigungen waren über eine Einstiegsstelle teilweise zugängig und konnten dadurch in der Planung berücksichtigt und in die Bade- und Freizeitanlagen am und im vier Sterne Stadthotel „Dorint“ (heute Leonardo-Hotel) eingebunden werden. Die Konturen der Kasematten sind in den Außenanlagen mir originalem Steinmaterial nachgezogen.
Heute nicht mehr erkennbar ist die über 100 Meter tief liegende Brunnenanlage, die einst mit ihrem qualitätvollen Wasserreichtum die Voraussetzung für die Großbrauerei an dieser Stelle bildete. Sie wurde im Zuge der Baumaßnahme verschlossen, an das öffentliche Kanalnetz angeschlossen und dient nur noch zur Bewässerung der Zierbrunnenanlage im Innenhof sowie für die Außenlagen. Überlegungen, das Quellwasser nach Freiburger Vorbild als offene Rinne durch das Bleichenviertel zum Rhein zu führen, scheiterten nach ausgiebiger Abwägung.
Beispielhaft war das Management von der Planung bis zur Ausführung dieser Großbaustelle. Mitte 1983 gab es den Planungswettbewerb, fünf Monate danach stand der rechtskräftige Bebauungsplan und im Sommer 1984 startete die Umsetzung. Das alles innerhalb eines Jahres! Wie gelang dabei das stimmige Gesamtwerk von vier Architekturbüros mit unterschiedlichsten Handschriften? Die Stadt Mainz hatte die Planungshoheit und verzichtete auf einen starren, bis ins allerletzte Detail bestimmenden Bebauungsplan. Sie bevorzugte einen einfachen Rechtsplan, der lediglich das Maß der Nutzung, die Baufenster und die Gebäudehöhen festlegte. Statt dessen übernahm sie durch einen befugten Mitarbeiter des Baudezernates selbst die künstlerische Oberbauleitung.
Diese neue „Stadtkrone“ für Mainz hat sich bewährt und führte erstaunlich schnell zu einem eigenständigen Quartiersbewusstsein der Bewohnerschaft. Auch Politik und Fachwelt waren begeistert. Bereits 1988 zeichnete das Bundesland Rheinland-Pfalz das noch im Bau befindliche Projekt mit dem Staatspreis für Architektur und Städtebau aus. 1991 folgte der Bauherrenpreis durch die Stadt Mainz und bei dem 1995 weltweit ausgeschriebenen Wettbewerb „Cities of Vision“ hatte die Anlage als „beste Konversionsmaßnahme“ den ersten Preis erhalten.