18/01/2026
Der frühe Vogel ... singt
Heute Morgen um dreiviertel sieben, es ist nicht einmal hell. Ich bin im Halbschlaf. Draußen sollte es ruhig sein, sonntags um sieben ist die Welt schließlich noch in Ordnung. In mein Ohr dringt ein Laut – leise, doch vernehmlich.
Auf einmal bin ich ziemlich wach.
Obwohl es mir schwerfällt, rapple ich mich hoch und taste mit den Füßen nach den Hausschuhen. Was ist das für ein Geräusch draußen?
Es hört sich an, als wenn ein Vogel sänge. Verhaltener Vogelgesang. Aber das Mitte Januar, wenn es frühmorgens zwei Grad über Null hat?
Ich trete nach draußen. Die Töne perlen leise und melodisch, der ursprüngliche Eindruck verstärkt sich. Das muss in der Tat Vogelgesang sein, mutmaßlich von einer Amsel. Ich schaue in die dunkelgraue Finsternis, nehme die Bäume auf der Wiese schemenhaft wahr. Irgendwo dort muss der kleine Musikant sitzen, oder? Auf einmal zucke ich zusammen.
Warum?
Weil ich fürchte, dass er erschrocken sein und wegfliegen könnte: Rechts von mir, erhöht auf einer Stange in knapp fünf Metern Entfernung, sitzt ein Amselmann. So nah hatte ich den Sänger nicht vermutet. Es ist Hagi, der jeden Tag zu uns kommt und in den Blumentöpfen nach Futter sucht. Wenn ich ihm ein paar Korinthen hinlege, schaut er interessiert zu und kommt eifrig angehüpft, um sie aufzupicken.
Jetzt sitzt die treue Seele da und flötet. Hagi lässt sich von meiner Anwesenheit nicht stören und singt seelenruhig weiter. Der Tag ist noch nicht erwacht. Auch ich bin noch nicht richtig in der Realität angekommen. Wahrscheinlich träume ich ja bloß.
Johannes Paesler / Foto: Paesler