05/03/2021
Gestern hat uns folgende Mail von einer Redakteurin von nordbayern.de /Nürnberger Nachrichten erreicht:
[…] Wir planen zum 8. März u.a. einen Beitrag mit den Stimmen explizit junger Frauen aus allen sozialen Schichten/Hintergründen etc, die mit kurzen Statements ihre Sicht auf die aktuelle Situation der Frauen und den Weltfrauentag darlegen sollen. Ich würde mich sehr freuen, wenn eine oder zwei von Ihnen Lust hätten, mitzumachen. Darum geht es:
Wir wollen explizit junge Frauen zwischen 15 und 30 zu Wort kommen lassen, da wir diese Generation als deutlich reflektierter und sensibler erleben, als noch die Generation vor ihnen […]. Wir brauchen ca. 40 Zeilen Wortlautprotokoll und ein Kopfbild, die Fragen sind folgende:
In Sachen Frauenrechte/Gleichberechtigung: Wo bist du besser dran als Deine Mutter/Großmutter?
Wofür sollen Frauen Deiner Meinung nach weiter kämpfen/sich einsetzen, was muss sich dringend ändern?
[…]
Wo hast/hattest Du als Frau schon Vorteile?
In welcher Situation bist Du als Frau schon mal wegen Deines Geschlechts eingeschränkt/benachteiligt gewesen?
Oder eben auch persönliche Gedanken/Anmerkungen zu Gleichberechtigung und zum Weltfrauentag.
Es wäre toll, wenn Sie mir dazu etwas schicken wollen! Das fertige Wortlaut-Protokoll kann ich zum Gegenlesen nochmal zuschicken. […]
Unsere Antwort:
Hallo nordbayern.de,
wir antworten euch gerne.
Unsere Gruppe besteht nicht nur aus Frauen – wir sind Frauen, Lesen, Inter-, non-binäre, Trans- und agender Personen (FLINTA*s). Wir finden es wichtig, am 8. März nicht nur Frauen einzubeziehen und über diese zu berichten, sondern alle Personen mitzudenken, die von patriarchaler Diskriminierung betroffen sind.
Außerdem lehnen wir den Begriff „Weltfrauentag“ als entpolitisierte, neoliberale und ahistorische Bezeichnung ab. In seiner Geschichte und Ursprungsidee war der 8. März schon immer antikapitalistisch und radikal politisch. So geht er im deutschsprachigen Raum insbesondere auf eine Initiative der Sozialistin Clara Zetkin zurück. Sämtliche feministische Errungenschaften waren und sind ein Kampf im wahrsten Sinne des Wortes. FLINTA*s auf der ganzen Welt bezahlen dafür seit Jahrhunderten mit Verfolgung, Gefängnisstrafen oder sogar ihrem Leben. Deshalb ist der 8. März nur eines: Der internationale feministische Kampftag.
Sie schreiben, Sie erleben die heutige u30-Generation als „deutlich reflektierter und sensibler“ als noch die Generation zuvor. Das erleben wir anders. Erstens haben auch schon die Generationen vor uns ihre Unterdrückung wahrgenommen und wesentliche feministische Kämpfe geführt. Zum Beispiel gab es im Jahr 1994 bereits einen feministischen Streik in der BRD, bei dem eine Million FLINTA*s auf die Straße gingen, ihre Arbeit niederlegten und protestierten. Zweitens sind in unserem FLINTA*-Komitee Personen aller Altersgruppen vertreten. Manche von uns haben bereits in den 1970ern Aktivismus gemacht und waren auch ´94 beim Streik dabei. Wir behaupten daher, dass unzählige FLINTA*s schon seit vielen Generationen, wie Sie sagen, „reflektiert und sensibel“ sind. Vielleicht ist die Frage viel eher, wie reflektiert und sensibel ihre Umwelt war und ist. Dass bayerische Lokalzeitungen wie Ihre den Schuss erst jetzt hören, wundert uns nicht.
Sie wünschen sich ein Foto und ein 40 Zeilen Wortlautprotokoll? Kommen Sie vorbei, interviewen Sie uns, erstellen Sie ein Protokoll. Sie sind herzlich zu unserer Pressekonferenz am 06.03. um 14 Uhr am Klimacamp bei der Sebalduskirche eingeladen. Wir sind zu „sensibel“ dafür, Ihnen Ihre Arbeit unbezahlt abzunehmen. Bei den Querdenken-Demos der letzten beiden Wochen haben sich die Journalist*innen der NN auch nicht lumpen lassen und fleißig vor Ort fotografiert.
Zu Ihren Fragen:
Wo bist du besser dran als Deine Mutter/Großmutter?
Viele FLINTA*s in Deutschland sind besser dran als ihre Großmütter, aber trotzdem hat sich in den letzten Jahrzehnten viel zu wenig getan. Die feministischen Forderungen der 90er sind heute noch von erschreckender Aktualität. Beispielsweise wird Abtreibung nach wie vor kriminalisiert und wir haben nach wie vor nicht das Recht, selbst über unsere Körper zu bestimmen. Auch die Zahl der Femizide hat sich seit Langem nicht verringert. Jeden dritten Tag wird in Deutschland laut Statistik eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. INTA*-Personen werden in diesen Statistiken erst gar nicht oder nur unter falschem Geschlecht erfasst. Darüber hinaus haben wir es derzeit mit einem rechten Backlash zu tun, der darauf zielt, feministische Errungenschaften zunichte zu machen. Deutlich wird dies zum Beispiel im kürzlich durchgesetzten vollständigen Abtreibungsverbot in Polen, oder den sexistischen Forderungen von Fundamentalist*innen und Neuen sowie Alten Rechten in Deutschland.
Viele FLINTA*s in Deutschland sind nicht unbedingt besser dran als ihre Großmütter. Geflüchtete und migrantisierte FLINTA*s sind heute wie früher von struktureller Mehrfachdiskriminierung betroffen. Manche FLINTA*s sind von massiver Repression betroffen und von Abschiebung bedroht. Viele FLINTA*s machen traumatisierende Erfahrungen oder leben in äußerst prekären Situationen. Be_hinderten und kranken FLINTA*s wird nach wie vor der Zugang zu Räumen, Strukturen, Versorgung und Teilhabe verwehrt oder erschwert. Die derzeitige Krise und die Krisenpolitik sorgen außerdem dafür, dass sich diskriminierende Strukturen weiterhin verschärfen.
Wofür sollen Frauen Deiner Meinung nach weiter kämpfen/sich einsetzen, was muss sich dringend ändern?
Wir müssen kämpfen, bis Kapitalismus, Patriarchat und sämtliche Unterdrückungsformen abgeschafft sind. Bis dahin gehen wir Einzelforderungen nach, die auf unserer Homepage gelesen werden können: https://femstreiknbg.home.blog/
Wo hast/hattest Du als Frau schon Vorteile?
An dieser Stelle möchten wir unsere Antwort auf die vorherige Frage (was muss sich dringend ändern?) noch ergänzen: Wir fordern eine Presseberichterstattung, die unsere Anliegen ernst nimmt, die sich mit unseren Anliegen tatsächlich und fundiert auseinandersetzt, und die keine sexistischen Scheißfragen stellt. Am 8. März geht es um den Kampf gegen strukturelle Diskriminierung und Unterdrückung. Wenn Sie dabei als erstes (oder zweites oder drittes) an irgendwelche Vorteile als FLINTA*s denken und Ihre Berichterstattung ein (wesentliches) Augenmerk darauf legt, ist das sexistisch. Sie übergehen damit unsere Anliegen und Forderungen. Sie relativieren unsere Sexismuserfahrungen und unsere Arbeit. Denn solche Vorteile gibt es nicht – sie sind eine Erfindung des Patriarchats.
In welcher Situation bist Du als Frau schon mal wegen Deines Geschlechts eingeschränkt/benachteiligt gewesen?
Als FLINTA*s erfahren wir tagtäglich Sexismus und Nachteile. Zum Beispiel zuhause, auf der Straße, in der U-Bahn, in der Familie, in Beziehungen, in der Schule, in der Ausbildung, in der Uni, in der Arbeit, auf Ämtern, in Gerichten, im Supermarkt, in der Presseberichterstattung, in der Politik, in der Gesetzgebung, in der medizinischen Versorgung, in der Sprache, in den sozialen Medien, in Filmen, in Büchern, in Gesprächen, auf dem Nachhauseweg, und so weiter und so fort. Die Liste lässt sich ewig weiterführen.
Oft gehen unsere Erfahrungen außerdem über alltägliche Einschränkungen oder Benachteiligungen hinaus. Die meisten FLINTA*s machen einmal, mehrfach oder regelmäßig geschlechtsspezifische Gewalterfahrungen. Das kann psychische oder physische Gewalt sein.
nordbayern.de/Nürnberger Nachrichten,
wir fordern euch auf, umfassend und fundiert über den 8. März zu berichten!
Kommt zu unseren Aktionen, interviewt unsere Presseleute, informiert euch über unsere Forderungen und Anliegen!
Das FLINTA*-Komitee für einen feministischen Streik Nürnberg
PS:
Sollten Sie unsere Stellungnahme (oder Teile davon) veröffentlichen wollen, schicken Sie uns doch bitte (wie angeboten) den fertigen Artikel noch mal zum Gegenlesen zu.