09/09/2026
Ich finde, es sollte nur zwei Kategorien von Menschen geben: Die, die allein klarkommen und die, die sich helfen lassen. Richtig anstrengend wird es mit jenen, die eigentlich Hilfe brauchen, sich aber nicht helfen lassen wollen. Ich habe darüber mit einer Richterin gesprochen und sie sagte zu mir: „Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als zuzuschauen. Jeder Mensch hat das Recht, sich selbst ins Unglück zu bringen. Jeder hat das Recht auf Verwahrlosung.“ Damit tue ich mich echt schwer.
Doch gibt es überhaupt Leute, die ganz allein klarkommen? Kommen nicht alle mal an einen Punkt, wo sie Hilfe brauchen? Es kann doch niemand alles. Was ist mit Blumen gießen oder Tiere versorgen im Urlaub, Hilfe beim Umzug oder bei unverständlichen Anleitungen? Ich kann und will mir ein Leben ohne Hilfe durch andere gar nicht vorstellen.
Ich find's wichtig, zu helfen, aber auch sich helfen zu lassen, wenn man nicht mehr weiterkommt. Natürlich ohne Menschen auszunützen. Meine Kinder sind da streng mit mir und fragen: Hast Du es wirklich erst mal allein probiert?
Ich habe schon viel Hilfe bekommen im Leben und bin echt dankbar dafür. Ich bin auch Gott dankbar, weil ich glaube, dass er mir zur rechten Zeit die richtigen Menschen geschickt hat. So bete ich manchmal mit einem alten Psalm aus der Bibel: „Ich preise Dich, Gott, denn Du hast mich aus der Tiefe gezogen.“ Auf meinem Schreibtisch steht dazu sogar ein kleines Kunstwerk. Mein Sohn hat es mal im Kunstunterricht aus Draht gemacht. Zu sehen ist jemand, der die A**e nach oben reckt und ein anderer beugt sich zu ihm und streckt ihm die Hand entgegen. Ich liebe diese Skulptur und habe damals so lange geschwärmt, bis mein Sohn sie mir geschenkt hat.
Und wen Gott mir über die Jahre schon alles geschickt hat: Die Studentin, die mir geholfen hat, riesige Lücken in Französisch aufzuarbeiten, als ich gemerkt habe, dass ich aus dem Loch nicht mehr allein rauskomme.
Meinen Mann, der das glatte Gegenteil von mir ist und mir bei vielem helfen kann, was mir schwerfällt. Den Kollegen, der mich auf eine hilfreiche Fortbildung aufmerksam gemacht hat. Die Nachbarin, die als Babysitterin eingesprungen ist.
Gott hat mich schon so oft aus der Tiefe gezogen. Ich bin sicher, dass er das auch in Zukunft tun wird.
Und für die, die sich partout nicht helfen lassen wollen, bleibt mir wohl nur, die Hand trotzdem offen zu halten – so wie es die kleine Drahtfigur auf meinem Schreibtisch zeigt. Vielleicht reicht das schon: offenbleiben und den Rest Gott überlassen.
Ich wünsche Ihnen einen guten Tag. Vielleicht können Sie heute jemandem helfen – oder dankbar erleben, dass Ihnen geholfen wird.
/ Dorothea Lorenz mit „Hilfe” in den SWR1 Anstößen BW