25/08/2023
WIR TRAUERN UM UNSERE AUTORIN HANNAH SCHRECKENBACH,
die im Alter von 91 Jahren im vergangenen Monat auf ihre letzte große Reise gegangen ist.
Hannah Schreckenbach war Architektin, Entwicklungshelferin im weitesten Sinne, Reisende, und Autorin. Sie war für mich als Frau ein Vorbild, eine Inspiration und nicht zuletzt eine aufrechte Freundin. Solange ihre Gesundheit es zuließ, bereiste sie die Welt und verfolgte die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen, der Länder, die ihr am Herzen lagen, mit kritischem Blick.
Zwei große Lieben hatte Hannah Schreckenbach: Zum einen die Architektur und zum anderen Ghana, die ehemalige Goldküste im Westen Afrikas. Der Weg dorthin war ihr nicht leichtgemacht worden: Hannah hatte sich durchkämpfen müssen, durfte als Tochter eines Ingenieurs in der DDR nicht studieren und hatte kurzentschlossen das Maurerhandwerk gewählt. Danach hatte sie in Dresden und Karlsruhe studiert und war mit einem Postgraduierten-Stipendium nach London gegangen und von da nach Ghana in die britische Kolonie, die gerade ihre Unabhängigkeit erreicht hatte. Sie leitete die Stadtplanung der Hauptstadt Accra und baute später eine Fakultät für Architektur an der Universität von Kumasi auf. Auch als sie das Land nach 22 Jahren verließ, blieb es ihre „Herzensheimat Ghana“, deren Entwicklung sie aufmerksam beobachtete und mit deren Menschen sie tief verbunden blieb.
Sie wirkte weiter als Architektin und Beraterin der GTZ (heute GIZ) in Afrika. In der Architektur lag ihr vor allem daran, die traditionelle Kunst des Lehmbaus zu fördern, den sie im Norden Ghanas kennengelernt hatte und dessen klimatische Vorzüge vor moderneren Betonbauten sie in Afrika propagierte und auch in Deutschland, wo diese Technik durch die Suche nach ökologischeren Baustoffen wieder neuen Zuspruch erfährt. Doch wenn Hannah von ihren Jahren im Dienste der GEZ erzählte, dann berichtete sie schmunzelnd davon, dass sie in allen afrikanischen Ländern, in die sie entsandt wurde, vor allem eins einführte: Sanitäranlagen. „Ich war die Latrinen Queen“, pflegte sie zu sagen und wischte sich dabei die Lachtränen aus den Augen.
Ich habe Hannah Schreckenbach kennengelernt durch ihre Faszination für Namibia. Als Kind in den Bombennächten des zweiten Weltkriegs, hatte sie sich mit einem Buch über eine Kinderfarm in Namibia aus den Schrecken des Krieges weggeträumt. Der Wüstenstaat im südlichen Afrika wurde ihr „Sehnsuchtsland Namibia“. Doch das Leben führte sie zuerst nach Westafrika, erst nach ihrer Pensionierung kam sie nach Namibia und hat danach dieses weite Land wieder und wieder bereist. Oft war sie allein unterwegs und fuhr mit einem Mietwagen furchtlos bis in die entlegensten Winkel, Skizzenblock und Stift waren dabei uns sie hielt mit dem geschulten Blick der Architektin das Wesentliche in wenigen Strichen fest – und ergänzte es durch genaue Beobachtungen der Geologie, der Flora und Fauna und vor allem der Menschen, die ihr begegneten.
Hannah Schreckenbach ist mit den Weggefährten ihres langen und ereignisreichen Lebens im ständigen Briefkontakt geblieben, ob sie nun in Ghana, Namibia oder einem Dutzend anderer Orte auf der Welt lebten. Wir alle haben uns über den Austausch mit ihr gefreut, über ihre scharfen Beobachtungen zur politischen und gesellschaftlichen Entwicklung, über ihren Enthusiasmus und ihren Lebensmut. Diese hell strahlende Energie, die sie antrieb wurde in den vergangenen Monaten nach und nach matter. Wichtige Freunde und Wegbegleiter starben und die politische Situation, die Drohkulisse eines neuen Kriegen in Europa bereiteten ihr, dem Kriegskind, schlaflose Nächte. Und so war es vielleicht auch ein weiterer Ausdruck der Selbstbestimmtheit, die ihr Leben kennzeichnete, dass Hannah Schreckenbach im vergangenen Monat nach kurzer Krankheit die Augen für immer geschlossen hat.
Wir werden sie sehr vermissen.