12/01/2017
Der Winterwollwarme Boom
Saruul Fischer verschwindet fast hinter dem großen silbernen Computerbildschirm. An der Wand hinter der zierlichen Asiatin hängen Skizzen von Kleidungsstücken. Am anderen Ende des Raumes stehen mehrere Kleiderstangen. Pullover, Jacken, Hosen, Kleider und Röcke in allen erdenklichen Schnitten und Farben hängen dort. Gefertigt sind sie aus 100 Prozent mongolischem Kaschmir - "fair, ökologisch und nachhaltig", wie Fischer sagt. Der große Raum in einem Plauener Geschäftshaus ist Atelier, Büro und Showroom für Fischers Mode-Marke "Edelziege".
Geboren wurde Fischer in Ulan Bator, der Hauptstadt der Mongolei. Der Stoff, der ihre Arbeit bestimmt, begleitet sie seit Kindertagen: "Nicht jeder in der Mongolei hatte einen Kaschmirpullover", erzählt Fischer. "Aber wenn man einen hatte, hat man ihn über Generationen hinweg angezogen: von der Schwester zum Bruder oder von der Mama zur Tochter, bis er auseinandergefallen ist." 1986 kam die damals zehnjährige Saruul mit ihrer Familie in die DDR - ihr Vater war Dolmetscher und Betreuer für mongolische Lehrlinge, die dort ausgebildet wurden.
Der Liebe wegen zog Fischer Jahre später ins Vogtland. Zuvor hatte sie in Dresden Kommunikationswissenschaft studiert. "Hier in Plauen ist es nicht so einfach, damit eine Arbeit zu finden", erzählt sie. Kurz nach dem Studium bekam sie ihr erstes Kind. "Da ich als Mutter selbst über meine Zeit verfügen wollte, war es für mich naheliegend, mich selbstständig zu machen. Ich wollte etwas Kreatives tun, das mich wieder stärker mit meiner Heimat verbindet. Außerdem liebe ich Kaschmir." So sei die Idee einer eigenen Kaschmir-Modemarke entstanden, die sie 2008 in die Tat umsetzte. Wie ihre Kollektion aussehen sollte, war für Fischer schnell klar: "Ich habe mir von vornherein vorgenommen, dass die Styles klassisch sein sollten." Die Erklärung dafür liegt auf der Hand: "Kaschmir ist ein sehr teurer Rohstoff, dementsprechend sind meine Teile auch kostenintensiv. Wer sich das anschafft, möchte nicht an die Mode gebunden sein."
Anfangs sei für Fischer, die nie zuvor im Modebereich gearbeitet hatte, eigentlich alles eine Herausforderung gewesen. "Man muss erst mal eine Marke aufbauen, dafür braucht man einen langen Atem", erzählt sie. Denn um Boutiquen zu finden, die die Kleidungsstücke verkaufen, muss man diese auf Messen zeigen. "Um auf einer Messe präsent sein zu können, musst du aber eine komplette Kollektion haben und zu dieser Kollektion auch Lookbooks zur Verfügung stellen." Für diese Schaubücher muss die Kollektion im Vorfeld fotografiert werden. Zweimal im Jahr macht Fischer all das, einmal im Sommer, einmal im Winter. Jetzt im Januar zeigt sie ihre neuesten Entwürfe wieder im Green-showroom, einer Messe für nachhaltige Luxus-Mode in Berlin, bei der sie mit "Edelziege" nun Stammgast ist.
Die beste Kaschmirwolle, findet Fischer, komme aus der Mongolei. Dort lässt sie ihre Kollektionen vom Anfang bis zum Ende fertigen. "Ich produziere in der Mongolei, weil es dort Mindestlöhne und geregelte Arbeitszeiten gibt." Zweimal im Jahr besucht sie das Land, in dem sie geboren wurde, um Kollektionen, Muster und Farben zu besprechen und sich ein Bild von den Bedingungen in den Strickereien zu machen, mit denen sie zusammen arbeitet. "Diese Kommunikation ist sehr wichtig. Man muss einfach wissen, mit wem man es zu tun hat. Ich kenne die Strickerinnen, ich kenne die Wäscherinnen, ich kenne die Leute, die vor Ort arbeiten."
Eigentlich gehört ihnen die weiche Wolle: Kaschmirziegen in der Mongolei.
Galt Kaschmir einst als Luxusprodukt, so wollen heute auch Fast-Fashion-Konzerne den edlen Zwirn an ihre Kunden bringen. Bei einem Online-Versandhändler beispielsweise kostet ein Pullover aus reinem Kaschmir 70 Euro, nur 60 sind es bei einer Mode-Kaufhauskette. Ein Discounter toppt die Preisschlacht mit rund 50 Euro für ein Modell in Rosa. Zwar profitieren solche Konzerne von einer weit größeren Kaufkraft als kleine Firmen wie "Edelziege". Dennoch stellt sich die Frage, wie solche Preise möglich sind. "Das geht eigentlich nicht, dann kann es nur ein minderwertiger Pullover sein", sagt Saruul Fischer. "Wenn man bedenkt, wie viel ein Kilo Wolle kostet und wenn man weiß, wie viel Gramm Wolle für einen Pullover verstrickt werden, dann haut die ganze Rechnung nicht hin." Auf dem Weltmarkt ist Kaschmirwolle mit 150 bis 200 Euro pro Kilo eine der teuersten Wollsorten.
Zum hohen Preis trägt bei, dass das Winterfell der Kaschmirziegen nur unter speziellen Bedingungen wächst: Höhenlagen in gut 3000 bis 4000 Metern und harte Winter mit Temperaturen bis minus 35 Grad Celsius sind optimal. "Durch die klirrende Kälte entsteht dieses wunderbare, weiche Winterfell", erklärt Saruul Fischer. Im Frühjahr, wenn die Ziege ihren natürlichen Fellwechsel hat, kämmen die Züchter dieses "Duvet" genannte Unterhaar aus. Danach wird es sortiert und gereinigt: Das weniger weiche Deckhaar, Schmutz, Fett, Schuppen und pflanzliche Stoffe werden in mehreren Schritten - teils von Hand, teils mechanisch - entfernt. Ein weibliches Tier liefert jährlich gut 100 Gramm Duvet, ein Bock 200, schreibt Textiltechnologe Thomas Meyer zur Capellen in seinem "Lexikon der Gewebe". Für einen einzigen Schal benötigt man etwa 150 bis 200 Gramm Duvethaare. Für einen Pullover wird der Jahresertrag von vier bis sechs Ziegen benötigt.
Zwar schreibt die Textilverordnung der Europäischen Union vor, dass nur Kleidungsstücke, die ausschließlich aus einer Faser bestehen, mit Zusätzen wie "100 %" gekennzeichnet werden dürfen. Dabei spielt die Qualität der Fasern allerdings keine Rolle. Am teuersten sind möglichst lange, dünne Haare, aber auch die kürzeren, dickeren und somit minderwertigen Haare der Kaschmir-Ziege gelten als Kaschmir. Die hohe Nachfrage verleite manche Hersteller dazu, hochwertige Haare mit minderwertigen zu strecken. "Beides kommt von der Ziege, aber die Qualität ist eben unterschiedlich", sagt Fischer. Indem dem Unterhaar etwas Deckhaar beigemischt werde, könne die Wolle ebenfalls gestreckt werden, was den Stoff etwas kratziger mache. Um das zu umgehen, werde die Wolle chemisch behandelt oder maschinell auseinandergezogen. Beides mache die Wolle weicher, aber: "Extrem weiches Kaschmir wird nicht sehr lange leben. Irgendwann geht es auseinander, verliert die Form und geht kaputt." Ein möglicher Qualitätstest ist, das Kleidungsstück auseinanderzuziehen und zu schauen, ob es sich schnell wieder in die alte Form zurückbewegt. Wenn nicht, könnte das auf minderwertige Fasern hindeuten, oder darauf, dass der Stoff sehr luftig gestrickt wurde - eine weitere Möglichkeit, Kosten zu sparen.
Der Kaschmir-Boom wirkt sich aber nicht nur auf die Qualität der Kleidung aus. Er hat auch unmittelbare Konsequenzen für die Umwelt. "Die große Nachfrage nach dem edlen Rohstoff macht es für die Hirten attraktiv, Kaschmirziegen zu halten, obwohl die Hochebenen der Mongolei durch Überweidung inzwischen großflächig von Wüstenbildung bedroht sind", schreibt die "taz"-Redakteurin Heike Holdinghausen in ihrem 2015 erschienenen Buch "Dreimal anziehen, weg damit". Traditionell bestand eine mongolische Viehherde aus einer Vielzahl von Schafen und einer geringeren Zahl von Ziegen und Kamelen. Heute dominieren die Ziegen viele Herden. Die US-amerikanische Naturschutzorganisation The Nature Conservancy berichtet, dass sich allein zwischen 1992 und 1999 die Zahl der Kaschmirziegen in der Mongolei von 5,5 auf 11 Millionen Tiere verdoppelt habe. Das geht zulasten der Böden, auf denen die Tiere grasen. Denn während Schafe nur den Teil der Pflanzen fressen, der sich über der Erde befindet, reißt die Ziege ihr Futter mit der Wurzel aus; der Boden kann sich weniger gut regenerieren. Diese Entwicklung hat - zusammen mit den Auswirkungen des Klimawandels - dazu geführt, dass heute gut 90 Prozent der Mongolei von Versteppung bedroht oder gar betroffen sind.
Auch deswegen setzt Saruul Fischer auf kleine Stückzahlen statt Massenproduktion. In den Strickereien lässt sie immer erst eine Musterkollektion aus Einzelstücken anfertigen. Die Verkaufsstücke ordert sie dann nach Bedarf - je nachdem, was von den Boutiquen bestellt wird. Das hat seinen Preis: Einen Pullover gibt es bei "Edelziege" nicht unter 229 Euro. Für Saruul Fischer ist das eine Investition. "Guter Kaschmir", sagt sie, "hält ein Leben lang."
Quelle:Freie Presse